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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 08.06.2018

Dokumentarfilm über jüdischen Filmemacher Michał WaszyńskiHochstapler, notgedrungen

Von Jens Rosbach

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Szene aus dem Dokumentarfilm "Der Prinz und der Dybbuk": James Mason, Sophia Loren und Michał Waszyński (Edition Salzgeber)
Szene aus dem Dokumentarfilm "Der Prinz und der Dybbuk": James Mason, Sophia Loren und Michał Waszyński (Edition Salzgeber)

Eine erstaunliche Karriere: Geboren als armer ukrainischer Jude, wurde er Filmregisseur und drehte auch in Hollywood. Er nannte sich Prinz Michał Waszyński - und verleugnete seine jüdische Herkunft. Der Dokumentarfilm "Der Prinz und der Dybbuk" erzählt seine Geschichte.

Prinz Michał Waszyński fuhr einen Rolls-Royce mit Familienwappen und vergoldeten Griffen. Der gebürtige Pole lebte in einer noblen Villa in Rom und produzierte Filme mit internationalen Top-Schauspielern.

Ausschnitt aus dem Film "Der Prinz und der Dybbuk: "Er hielt sich gerne in der Nähe der Stars auf. Claudia Cardinale. Audrey Hepburn. Sophia Loren. Er mischte sich gerne unter die Stars. Aber er blieb zurückhaltend, was sein Privatleben und seine persönlichen Gefühle betraf. Darüber verlor er nie ein Wort, auch nicht über seine Vergangenheit. Niemand wusste, wie er wirklich war."

So erinnert sich der ehemalige Regieassistent Enrico Bergier im neuen Dokumentarfilm "Der Prinz und der Dybbuk". Und Waszyńskis ehemaliger Chauffeur, Angelo Manzini, erinnert sich an einen spendablen, umtriebigen Chef.

Ausschnitt aus dem Film "Der Prinz und der Dybbuk: "Doch manchmal verstimmte ihn etwas und er schloss sich tagelang in seinem Zimmer ein. Keiner wusste, was mit ihm los war, weder ich noch die Bediensteten."

Piotr Rosołowski: "Einer von seinen Kollegen hat uns gesagt, dass er manchmal angefangen hat zu weinen. Man hat nicht verstanden, warum und was der Grund war. Das war ein Mensch mit vielen Geheimnissen."

Der orthodoxen Welt entflohen

Der polnische Regisseur und Kameramann Piotr Rosołowski hat die Spur des windigen Aristokraten verfolgt. Die Bilanz: Michał Waszyński war gar kein katholischer Prinz, der – angeblich – vor den Kommunisten in Polen geflüchtet ist. Waszyński war der Sohn eines armen ukrainischen Juden.

"Das ist die Geschichte eines menschlichen Chamäleons, dass ständig seine Religion, Identität, Länder, Titel, Namen wechselte, um seine Lebensgeschichte auf eigene Art wieder neu zu schreiben – eigentlich wie ein Filmdrehbuch."

Waszyński wurde 1904 als Moshe Waks im Shtetl Kowel geboren, im heutigen ukrainisch-polnischen Grenzgebiet. Er wuchs in einer orthodoxen jüdischen Familie auf – war aber schwul. Elwira Niewiera, die Co-Regisseurin des neuen Kinofilms, sieht in den strengreligiösen Moralvorstellungen die Wurzel für Waszyńskis Identitätsprobleme:

"Damals wie heute bedeutete das für die ganze Familie eine große Schande, so jemanden zu haben."

Um seiner orthodoxen Welt zu entfliehen, schloss sich Moshe Waks als 17-Jähriger einem Wandertheater an. Er landete in Kiew und in Warschau, wo er als Schauspieler und Regieassistent arbeitete. Doch bald schon kam es zum nächsten Identitäts-Konflikt.

"Als er nach Warschau kam, haben ihm zwei polnische Regisseure geraten: Wenn du in dieser Branche arbeiten willst, wirst Du es nicht als Moshe Waks schaffen, du musst eine polnische Identität annehmen. Die polnischen Zuschauer wollten keine Filme jüdischer Autoren sehen. Das war damals schon der polnische Antisemitismus in den 20er-Jahren."

Nach dem Krieg mit Adelstitel

So wurde aus dem Juden Moshe Waks der Christ Michał Waszyński. Der Nachwuchskünstler weitete seine Täuschungsmanöver aus: Nach einem Zwischenstopp in Berlin behauptete er schließlich in Warschau, mit dem prominenten deutschen Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau gearbeitet zu haben – eine glatte Lüge. Allerdings beförderte sie Waszyńskis Karriere: In den folgenden zehn Jahren drehte er 40 zum Teil sehr erfolgreiche Filme. Doch 1939 marschierten die Deutschen in Polen ein, und zwei Jahre später wurden auch in Waszyńskis Heimat, der Ukraine, die Juden zusammengetrieben.

"Ende 1941 begann in Kowel, in seinem Heimat-Shtetl, der Aufbau des Gettos. Und zu 100 Prozent wurden alle Juden dort ermordet. Und das waren Nachrichten, die ihn sicher erreichten. Und ich kann mir vorstellen, dass das auch eine wahnsinnige Angst machte und Motto war, sich in seinen weiteren Identitätswechseln einfach zu verstecken."

Waszyńskis Spuren verlieren sich ab 1939. Erst Mitte 1941 taucht er wieder auf: Als Militär-Filmer begleitet er die Armee der polnischen Exilregierung im Iran, in Ägypten und in Palästina. Schließlich landet er in Italien, wo er 1944 die berühmte Schlacht um Monte Cassino aufzeichnete. Nach dem Krieg blieb er in Rom, um sofort eine neue Regie-Karriere zu starten. Nunmehr trat er mit Adelstitel auf, in einer Welt voller Glamour.

Piotr Rosołowski: "In dem Film war es uns auch sehr wichtig, nicht nur über diese Oberfläche zu erzählen, über die erfolgreiche Geschichte eines Chamäleon-Menschens. Und dadurch, dass wir Tagebücher und Notizen von Waszyński entdeckt haben, hatten wir auch Zugang zu seinen inneren Emotionen, was nur für ihn selbst reserviert war, und was kein anderer wissen durfte."

Filmausschnitt Michał Waszyński: "In meinen Gedanken wandere ich durch unsere Gassen, als hätte ich etwas verloren. Heute hat mich derselbe Traum wieder mitten in der Nacht geweckt. Wir spielen Verstecken, ich verberge mich und warte, aber keiner kommt. Weinend renne ich in die Stube meines Großvaters und schreie: 'Ich verstecke mich, aber keiner will mich suchen.'"

Äußerlich erfolgreich, innerlich zerrissen

Die polnischen Regisseure Piotr Rosołowski und Elwira Niewiera stellen dar, wie Waszyński die eigenen Konflikte in seinen Filmen verarbeitet. Dabei greift er auch auf jüdischen Stoff zurück – obwohl er seinen jüdischen Namen abgelegt hat. So beschreibt er im jiddischsprachigen Drama "Der Dybbuk", das er 1937 gedreht hat, seine inneren Probleme anhand des alten jüdischen Dybbuk-Motivs.

Elwira Niewiera: "Der Dybbuk ist ein Geist eines Toten, der auf Erden nicht alles erledigt hat, was er zu erledigen hatte und in einen Körper eines Lebendigen eintritt und Macht über ihn ergreift."

Die Dybbuk-Metapher war bereits in den 1920er-Jahren populär geworden – durch ein Theaterstück des russisch-jüdischen Schriftstellers Salomon An-Ski. Auch Waszyński fühlte sich von einem Geist verfolgt, der ihn immer wieder an seine jüdische Herkunft erinnerte.

Filmausschnitt Michał Waszyński: "Dauernd höre ich deine Stimme. Selbst wenn ich dich ignoriere, sprichst du zu mir. Ich versuchte, dich zu verjagen – erfolglos. Wie ein Dybbuk umzingelst du mich. Nimm mich endlich zu dir!"

Litt Waszyński unter Schuldgefühlen, weil er seine Familie verlassen hat – und diese später umgekommen ist? Und betrachtete er seine Homosexualität vielleicht selbst als Sünde? Ungeklärte Fragen, bis heute. Als Michał Waszyńskis 1965 in Spanien starb, war er nach außen hin ein erfolgreicher Hollywood-Produzent, aber innerlich zerrissen.

"Der Prinz und der Dybbuk" – eine Collage aus historischen Filmzitaten und eindrucksvollen Zeitzeugeninterviews – ist eine vielschichtige Spurensuche. Sie führt zu all jenen biografischen Puzzlesteinen, die der jüdische Protagonist zeitlebens verbergen musste oder wollte.

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