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Religionen / Archiv | Beitrag vom 14.05.2017

Dokumentarfilm "Sing it loud"Ein feste Burg in Tansania

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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Der Evangelical Lutheral Church Chor probt in der Kirche in Geita, Tansania.  (dpa / Sandra Gätke)
Der Evangelical Lutheral Church Chor probt in der Kirche in Geita, Tansania. (dpa / Sandra Gätke)

Der Dokumentarfilm "Sing it loud - Luthers Erben in Tansania" zeigt einen traditionsreichen Chorwettbewerb der evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania. Keine reißerische Elendsreportage und keine exotische Schönfärberei, vielmehr ein Film über Menschen und ihre Liebe zur Musik.

Im Norden Tansanias probt der Kaanani Jugendchor den Luther-Choral "Ein feste Burg ist unser Gott". Das Kampflied der Reformation, 1529 zum ersten Mal veröffentlicht, war die Vorgabe des jüngsten Chorwettbewerbes. Seit 1954 wird die Veranstaltung von der evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania organisiert. Im Wettbewerb wird in der Landessprache Kisuaheli gesungen.

 "Es ist nicht leicht, dieses europäische Lied zu lernen. Es ist hart, aber wir geben unser Bestes", sagt Emmanuel Loishiye. Er ist Komponist beim Jugendchor. Ihn reizt besonders der zweite Teil des Wettbewerbs:  Neben der Pflicht, dem alten deutschen Kirchenlied, gibt es noch die Kür, ein selbstkomponiertes Lied, das den eigenen Traditionen entspringt.

"Die Leute waren total nett, die Musik war toll"

Etwa 45 Millionen Menschen leben Tansania. Muslime, Christen und Angehörige von Stammesreligionen halten sich mit je einem Drittel in etwa die Waage. Die Evangelisch-Lutherische Kirche Tansanias (ELCT) ist seit 1963 selbstständig und heute mit ihren 5,5 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte Mitgliedskirche des Lutherischen Weltbundes. "Sing it loud - Luthers Erben in Tansania" erzählt von fremder wie heimischer Musikkultur, von musikalischen Traditionen und Erneuerungen, vor allem aber von der Liebe zum Chorgesang.

Die Regisseurin Julia Irene Peters lernte Tansania 2005 kennen. Vor ihrer Reise war ihr Bild von dem Land vor allem von Vorurteilen geprägt. Vor Ort wurde sie dann schnell eines Besseren belehrt:

"Die Leute waren total nett, die Musik war toll, ich habe mich da total wohlgefühlt und ich war total erschüttert von diesem Bild, über das ich vorher nicht nachgedacht habe, welches ich hatte von diesem Land, im Grunde genommen von dem ganzen Kontinent. Und dann hat mir noch jemand von diesem Chorwettbewerb erzählt und dann habe ich gedacht: Das ist doch der super Film, hier kann man endlich einmal von Leuten in Tansania erzählen, die auch für etwas brennen und die nicht sterben, Hungersnot haben oder sonst was."   

"Die Jugendlichen sind genauso wie die Jugendlichen hier"

Im Mittelpunkt des 90-minütigen Dokumentarfilms stehen sechs Menschen aus Nordtansania, die von ihrer Liebe zur Musik und ihrem Glauben sprechen. Die drei portraitierten Chöre repräsentieren unterschiedliche soziale Schichten des Landes: die Landbevölkerung, die städtische Mittelschicht und eine Jugend auf der Suche nach einer Zukunft zwischen Tradition und Moderne. Regisseurin Julia Irene Peters:

"Ich war mehrfach in Tansania und damit habe ich festgestellt, dass es da sehr verschiedene Leben gibt: Die Jugendlichen sind uns zum Beispiel sehr, sehr ähnlich, die spielen alle mit ihrem Handy, WhatsApp, Facebook, das kennen die alle und nutzen die alle, genauso wie die Jugendlichen hier. Die Mittelschicht, von der wusste ich zu Beispiel überhaupt gar nichts. Die besitzt noch nicht ganz so viel wie wir, aber die haben auch schon genau so viel Hektik wie wir und sind dabei mit großem Eifer ihr Leben angenehmer zu gestalten. Und die Bauern, das sind dann eher Leute, die meines Erachtens quasi diesem Afrika-Klischee entsprechen, und damit habe ich versucht eine ganze Bandbreite der Menschen in Tansania darzustellen."  

Optimistischer Grundton statt Elendsreportage

Der Film blickt auch zurück auf die Vergangenheit Tansanias, das bis 1918 Teil der deutschen Kolonialgeschichte war, und bei der die kolonialen Interessen des Deutschen Reichs mit den Zielen der Mission Hand in Hand gingen. 1896 wurden die beiden Leipziger Missionare Ewald Ovir und Karl Segebrook von Kriegern der Massai ermordet, eine deutsche Strafexpedition tötete mehr als 200 Afrikaner. 

Julia Irene Peters: "Diese Geschichte, was nicht im Film erzählt wird, hat dazu geführt, dass Christen in Deutschland als Märtyrer, als Missionars-Märtyrer nach Tansania gegangen sind, weil sie das Gefühl hatten, jetzt müssen sie erst recht den christliche Glauben hinbringen." 

Mehr als 120 Jahre nach den blutigen Zusammenstößen gibt es heute viele selbstbewusste evangelisch-lutherische Gemeinden zwischen Kilimanjaro und Mount Meru. Die Liebe zum Gesang, ein Erbe der pietistischen Missionare, hat bis heute einen hohen Stellenwert in Tansania.

"Chöre sind in Tansania hoch angesehen, die evangelisch-lutherischen Chöre noch viel mehr, von denen weiß man, dass sie die besten Chöre von allen sind, was auch diese Wettbewerbe gebracht oder bewirkt haben. Als Mitglied eines Chores genießt man deswegen einen guten Ruf, weil klar ist, man geht immer zu Proben, man ist dementsprechend pünktlich, man engagiert sich für etwas und man kümmert sich auch um seine Freunde und um die anderen und um die Gesellschaft."   

"Sing it loud - Luthers Erben in Tansania" ist ein ungewöhnlicher Afrika-Film, keine reißerische Elendsreportage und keine exotische Schönfärberei, vielmehr ein Film über Menschen in schwierigen Verhältnissen, bei dem sich aber der optimistische Grundton immer wieder durchsetzt. Ein Film über die Liebe zur Musik und über ihre soziale Kraft.

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