Seit 10:05 Uhr Plus Eins

Sonntag, 26.01.2020
 
Seit 10:05 Uhr Plus Eins

Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 09.04.2014

DokumentarfilmLebendig und höchst politisch

"Pfarrer" von Stefan Kolbe und Chris Wright

Von Patrick Wellinski

Ein Pfarrer von hinten. (Salzgeber & Co. Medien GmbH)
"Gott und Verstand haben auch nichts miteinander zu tun" lautet der Untertitel zum Film. (Salzgeber & Co. Medien GmbH)

Zwei Atheisten begeben sich nach Lutherstadt Wittenberg in ein Priesterseminar. Sie wollen zeigen, wie junge Menschen zu Pfarrern werden und warum sie so sehr an Gott glauben. Ein gelungener Film, der seine Protagonisten ernst nimmt.

In der Lutherstadt Wittenberg werden Pfarrer ausgebildet. In ein solches Seminar schleichen sich die beiden deutschen Dokumentarfilmer Chris Wright und Stefan Kolbe. Sie begleiten in "Pfarrer" eine kleine Gruppe der Geistlichen-Azubis. Sie begeben sich in diesen Alltag voller Stimmübungen, Predigt-Seminare und Gebetskurse. So decken die beiden Filmemacher die recht komische Facette der Ausbildung auf. Doch das ist nicht ihr Anliegen. Wright und Kolbe sind da um Fragen zu stellen und zu irritieren.

Als ausgewiesene Atheisten testen sie so mit den Glauben der Pfarrer-Anwärter und legen so, Schicht für Schicht, Unsicherheiten und Zweifel auf. Das machen Sie nicht demaskatorisch oder mit dem Gestus eines investigativen Journalisten. Im Gegenteil: Sie sind ganz klar und reflektiert, verstecken sich nicht, sind nicht vorwurfsvoll und nicht zynisch. Sie nehmen das Milieu, in dem sie filmen, ernst.

Professionell mit kleinem Budget

Kolbe und Wright, beide Jahrgang 1972, beide Absolventen der HFF, beweisen damit wie agil und lebendig deutsches Dokumentarkino sein kann. Mit ihrem bislang schmalen Werk haben sie sich als wahre Profis der filmischen Alltagsbeobachtung gezeigt. Ihre intimen Filme arbeiten Bild und Ton - manchmal ist eine Rede zu persönlich, als dass auch noch das Bild dazu zu sehen sein sollte, manchmal sind Betrachtungen über die Menschen im Allgemeinen. Es sind genau solche Reflexionsmomente, die auch "Pfarrer" zum Vibrieren bringen.

In Kamera, Ton, Montage, Tonmontage ist "Pfarrer" auch ein sehr schönes Beispiel dafür, was das dokumentarische Kino durch die neuen Technologien erreichen kann - einen professionellen Standard, der ganz und gar nicht industriell ist. Wright (Ton und Montage) und Kolbe (Bild und Produktion) bilden das kleinstmögliche Team, das in so einem Zusammenhang möglich ist, und sie holen das Optimum heraus: einen auf vermittelte Weise höchst politischen Film, der seine Implikationen nicht mehr selbst formuliert, sondern seinen Protagonisten die Treue hält.

 

"Pfarrer", Deutschland 2014
Regie: Stefan Kolbe und Chris Wright
Laufzeit: 90 Minuten
Mehr zum Thema:

"Das Wort Sexualität kam eigentlich in der Ausbildung kaum vor" (Deutschlandradio Kultur Fazit, 23.02.2010)

"Zölibat ist nicht die Ursache" (Deutschlandradio Kultur, Thema 02.02.2010)

Filme der Woche

Neu im KinoAttraktive Chefin im tristen Büro
Der britische Schauspieler Nick Frost (dpa / picture alliance / Dan Himbrechts)

Bruce war drauf und dran, als 13-Jähriger die Salsa-Junioren-WM zu gewinnen. Dann hat er lange mit dem Tanzen nichts mehr am Hut - bis er eine neue Chefin bekommt. Um sie zu beeindrucken, fängt er wieder damit an.Mehr

Neu im KinoUnsterblich verliebte Todgeweihte
Schauspielerin Shailene Woodley, aufgenommen am 30. März 2014 in London. (picture alliance / dpa / Tal Cohen)

Die Jugendbuchverfilmung um die 16-jährige Hasel, die unheilbar an Schilddrüsenkrebs erkrankt ist, schafft, was schon der Romanvorlage gelang: unkonventionelle Charakterzeichnung und Herzkino ohne Gefühlsduselei.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur