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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.03.2014

DokumentarfilmKritisches Bewusstsein und Nazigift

Wie NS-Propagandafilme auf Zuschauer wirken

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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Ein Mann betrachtet an einem Computermonitor den NS-Propagandafilm "Hitlerjunge Quex", der im Videoportal "Youtube" zu sehen ist. (picture alliance / dpa / Stephan Jansen)
Viele auf dem Index stehende NS-Propagandafilme sind im Internet problemlos zu sehen. (picture alliance / dpa / Stephan Jansen)

Wie soll man fast 70 Jahre nach Kriegsende mit dem Propaganda-Erbe der NS-Zeit umgehen? In Deutschland stehen noch etwa 40 Filme auf dem Index. Der Dokumentarfilm "Verbotene Filme" von Felix Moeller beleuchtet die Debatte.

"Nach der Heimat möcht' ich wieder, nach dem teuren Vaterort, wo man singt die frohen Lieder, wo man spricht manch trautes Wort."

Das Lied von der teuren Heimat wird im Film "Heimkehr" aus dem Jahre 1941 zum Leitmotiv für das Leiden der Deutschen im polnischen Staatsgebiet. Sie werden gedemütigt, enteignet, gequält, verlieren ihre Freiheit und ihr Leben. Selbst die Kinder der Polen sind abgrundtief böse und steinigen ein deutsches Mädchen. Aber am Ende des Films geht die Melodie von der teuren Heimat über in das Deutschlandlied, und wenn der Flüchtlingstreck die Reichsgrenze überschreitet, steht dort ein überdimensional großes Hitlerbild und schaut entschlossen nach Osten.

In den Kinodramen der NS-Propaganda mischt sich das profane Vertraute mit geschickter Unterhaltung, großen Gefühlen und perfider Propaganda. Die Dokumentation "Verbotene Filme" widmet "Heimkehr" eine lange Episode. Der Film ist bis ins letzte Detail antipolnisch und diente in erster Linie der Rechtfertigung des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939.

In einer Diskussion nach der Vorführung beklagt ein junger Mann vehement die Unterdrückung der deutschen Minderheit durch die polnische Regierung vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Wirken die Filme heute immer noch im Sinne der NS-Propaganda?

Regisseur Felix Moeller: "Ja, ob die Filme noch gefährlich sind heute, das muss man eben, wie ich das im Film auch tue, die Zuschauer fragen und da kriegt man sehr unterschiedliche Antworten, von Jüngeren, von Älteren, in Deutschland, im Ausland. Aber es ist ganz sicher so, dass ein paar dieser Filme ihre schlimme hetzerische Wirkung nicht verfehlen und darunter sicher auch 'Jud Süß' oder ein Film wie 'Heimkehr', der sicherlich eine ganz schlimme antipolnische Hetze betreibt."

20 Millionen Zuschauer sahen bis Kriegsende "Jud Süß"

"Jud Süß" aus dem Jahre 1940 lockte bis Kriegsende 20 Millionen Zuschauer in die Kinos. Zwar spielt das Kostümdrama im Stuttgart des 16. Jahrhunderts, doch Veit Harlans antisemitisches Melodrama sollte in erster Linie die Massenvernichtung der europäischen Juden rechtfertigen und begleiten. Nach der Vorführung sind viele Zuschauer empört, andere schweigen:

"Ich war da voll drin in dem Film, ich fand ihn so was von ekelhaft und ich kann mir gut vorstellen, wenn der einfach freigegeben wird, da lässt sich alles Mögliche in der heutigen Zeit reinprojizieren."

"Mir tut der Bauch weh. Weil der Film so gut war und gleichzeitig so eine schlechte Botschaft rüberbringt. Ich bin in Aufruhr. Diese Ansammlung von Dreck und Klischees. Wahnsinn. Ich hab bisher nur darüber gelesen, wurde immer alles zitiert, Veit Harlan und dieser Film. Das ist schon unglaublich, Wahnsinn."

Felix Moeller begleitet auch die Vorführung des antisemitischen Historiendramas in Paris und in Jerusalem: "In Frankreich, interessanterweise ist das ganze Thema Vorführung von 'Jud Süß' noch viel brisanter als in Deutschland, da fühlt sich auch die jüdische Gemeinde viel verunsicherter, als in anderen Ländern. In Israel sind die Israelis selbstbewusst, die haben keine Angst, dass wenn sie rausgehen, sie antisemitisch angepöbelt werden, weil da ein solcher Film läuft."

Geschichte und Wirkung der "Vorbehaltsfilme"

"Verbotene Filme" setzt sich mit der Geschichte und mit der Wirkung der sogenannten "Vorbehaltsfilme" auseinander. Während der Nazidiktatur wurden etwa 1200 Spielfilme produziert, nach Kriegsende verboten die Alliierten 300 davon als "nationalsozialistische Propaganda". Heute stehen noch 40 Filme unter Vorbehalt. Aber schon in den 50er-Jahren erreichte die Filmwirtschaft die Freigabe von NS-Kassenschlagern durch die Entfernung von Hakenkreuz und Hitlerbild sowie ideologisch anrüchigen Dialogen.

Moeller: "... und viele sagen, ja das ist der eigentliche Skandal, weil da hat man versucht, die Ideologie auf diese Weise zu entfernen, was aber natürlich gar nicht geht, das hat sich ja bis weit in die 80er-Jahre noch hineingezogen und bei manchen Filmen wusste man das auch gar nicht, was das für Filme sind und ich finde auch (...) diese Schnitte müssen rückgängig gemacht werden, diese Filme müssen wieder vervollständigt werden, dann kann man auch wirklich sehen, was da eigentlich drin war."

Felix Moeller zeigt ausgewählte Ausschnitte berüchtigter Vorbehaltsfilme in brillanter optischer Qualität und lässt Kinozuschauer, Aussteiger aus der Neonazi Szene, sowie Filmwissenschaftler, Historiker wie Götz Ali und Filmemacher wie Oskar Röhler zu Wort kommen. Die beiden letzteren bestehen auf einer völligen Freigabe der Filme. Eine Forderung, die nach Jörg Friess, Leiter des Berliner Zeughauskinos, auf den Diskussionen nach den Vorführungen von Vorbehaltsfilmen immer wieder gestellt wird:

"Das ist die eine kleinere Gruppe, die größere Gruppe ist schon diejenige, die sagt, die Praxis, die im Moment vorherrscht ist die richtige, die Filme sind nicht verboten, sie dürfen gezeigt werden unter Vorbehalt eben, wenn sie eingeführt werden und wenn sie danach mit dem Publikum diskutiert werden. Im Grunde genommen ist das Kino der richtige Ort um diese Filme zu präsentieren und zu diskutieren."

Die Dokumentation "Verbotene Filme" ist ein guter Einstieg in diese Diskussion. Sie reflektiert mit wenigen Filmausschnitten Funktionsmechanismen der NS-Propaganda und konfrontiert die Zuschauer aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen mit den Propagandamelodramen. "Verbotene Filme" regt an zum kritischen Umgang mit dem dunklen Erbe der Filmgeschichte.

 

"Verbotene Filme" hat am 4. März in Berlin Premiere und startet am 6. März 2014 in den deutschen Kinos. Ein ausführliches Gespräch mit Felix Moeller können Sie hier nachhören.

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