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Vollbild | Beitrag vom 11.03.2017

Dokumentarfilm "Happy"Papa liebt 'ne Jüngere, aus Thailand

Regisseurin und Drehbuchauotrin Carolin Genreith im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Ein Langheckboot und andere Boote liegen in der Nui Bay auf Ko Phi Phi Don, Thailand. Im Hintergrund rechts ist der "Camel Rock" zu sehen, der an die Form eines Kamels erinnert. Die Insel ist die größte Insel der thailändischen Ko-Phi-Phi-Inselgruppe. Foto: Alexandra Schuler (picture alliance / Alexandra Schuler)
Die Nui Bucht auf Ko Phi Phi Don in Thailand - Sind Männer, die eine Beziehung mit einer jüngeren thailändischen Frau führen einfach nur Sextouristen? (picture alliance / Alexandra Schuler)

Als die Dokumentarfilmerin Carolin Genreith erfährt, dass ihr Vater eine Thailänderin heiraten will, fühlt sie sich peinlich berührt. Doch dann beginnt sie, sich der neuen Liebe ihres Vaters mit der Kamera zu nähern - und wird selbst zur Protagonistin.

Der thailändische Begriff "Farang" bezeichnet auch westliche Männer, die ihr Liebesglück in Thailand suchen. Auch der Deutsche Dieter Genreith ist ein Farang. Er ist geschieden, 60 Jahre alt und verliebt sich in eine knapp 30 Jahre jüngere Thailänderin. Als seine Tochter, die Dokumentarfilmerin Carolin Genreith, davon erfährt, dass ihr Vater eine Thailänderin heiraten will, die fast genauso alt ist wie sie selber, konfrontiert sie den Vater mit all ihren Befürchtungen.

Patrick Wellinski: Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihre erste Reaktion, als Ihr Vater Ihnen von seiner zukünftigen thailändischen Frau erzählt hat?

Genreith: Ja, da war mein Vater gar nicht dabei, weil ich eine Postkarte von ihm erhalten habe aus Thailand tatsächlich, in der er mir offenbarte, dass er eine junge Frau kennengelernt hat, die so alt ist wie ich, und dann habe ich diese Postkarte erst mal ganz weit unten in eine Schublade gepackt, was auch sehr schönes Bild ist, und habe auch ganz lange erst mal gar nicht mit ihm darüber gesprochen, habe das so, ja, abgetan und vor allem auch niemandem davon erzählt, also nicht meinem Freund, niemandem aus meinem Freundeskreis, weil mir das einfach wirklich irre peinlich war. Und ich habe gedacht, in dem Moment, wo ich darüber rede, wird das noch realer, und deswegen wollte ich, glaube ich nicht darüber sprechen erst mal.

Wellinski: Umso größer muss ja dann die Überwindung gewesen sein, einen Moment zu finden, wo man sagt, ich richte jetzt auch die Kamera noch auf diese Situation.

Genreith: Ja. Wobei das relativ natürlich kam dann irgendwann. Weil, es gab so einen Moment in der Küche meines Vaters bei einem meiner seltenen Besuche zu Hause, wo er mit Tukta telefoniert hat und sich da total abgemüht hat und ich so beeindruckt war davon, dass er so sehr versucht hat, Thai zu sprechen, weil sie ja kein Deutsch oder Englisch gesprochen hat, und deswegen waren sie halt auf sein Thai angewiesen, und ich das dann einfach so … ja, so unheimlich süß und unschuldig fand, wie er versucht hat, da diese Beziehung aufrechtzuerhalten über diese Distanz auch, diese Telefonbeziehung letztendlich. Und dann hatte ich so ein Bauchgefühl – und bei mir kommen oft Filmthemen tatsächlich aus dem Bauch – und dann habe ich gedacht, das könnte einfach was sein, das könnte gut sein, und habe ihn eigentlich auch relativ schnell gefragt. Und dann hat er gesagt: Ja, das machen wir.

Dreh mit weiteren Protagonisten – "für meine eigene Sicherheit"

Wellinski: Sie hatten ja schon in Ihrem letzten Dokumentarfilm "Die mit dem Bauch tanzen" die Midlife Crisis Ihrer Mutter quasi auch öffentlich gemacht, ins Kino gebracht, jetzt also das Liebesleben Ihres Vaters. Es war aber nicht von vornherein angelegt, dass man quasi so ein Diptychon mit den Eltern ins Kino bringt?

Genreith: Nein, aber ich habe dazwischen ja auch einen Film gemacht über Flüchtlinge in Bayern, zu meiner Verteidigung. Ich mache also nicht nur Filme über meine Familie. Aber es hat sich so wunderbar ergeben. Und ich meine, bei so einer Geschichte und bei so einem Typen wie meinem Vater wäre es einfach so schade gewesen, hätte ich das gehen lassen oder hätte ich da meine Peinlichkeit, meine Scham irgendwie siegen lassen. Deswegen, ich glaube, dass das eine gute Entscheidung war.

Wellinski: Sie selber sind ja auch ein großer Teil dieses Films. Also, Sie sind keine teilnahmslose Beobachterin. Im Prinzip ist "Happy" ja ein Film über Vater und Tochter, viel mehr als über Ihren Vater und seine zukünftige thailändische Frau. War Ihnen das von vornherein klar, dass Sie Ihren Film auch so anlegen wollen?

Genreith: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich hatte gar nicht vor, tatsächlich vor die Kamera zu gehen, ganz am Anfang, und hatte auch noch einige andere Protagonisten, also männliche Protagonisten und auch eine thailändische Frau, die in Deutschland lebt, mit denen ich gedreht habe, die ich da in meinen engen, dichten Zeitplan, Drehplan noch eingebaut habe, weil ich mich nicht darauf verlassen wollte, dass mein Vater durch diesen ganzen langen Film tragen kann. Und habe dann aber im Schnitt relativ schnell festgestellt, das kann der und das können wir beide und das ist so sehr unsere Geschichte, dass die ganzen anderen tollen Protagonisten da gar nicht mehr reingepasst haben. Aber ich brauchte irgendwie für meine eigene Sicherheit, glaube ich, noch dieses Back-up an anderen Protagonisten. Es ist aber schade, jetzt liegt da dieses ganze tolle Material, vielleicht muss ich noch einen zweiten Film machen.

"Die Leute werden ja nicht einfacher im Alter"

Wellinski: Im ersten Teil des Films haben Sie … also, auch im zweiten Teil, aber im ersten ganz besonders diese Gespräche mit Ihrem Vater, wo ja auch deutlich wird, dass er auch einsam ist und deshalb auch eine Frau möchte. Sie konfrontieren ihn dann: Dann such dir doch eine deutsche Frau! – Und dann sagt er Ihnen: Ja, aber die wollen mich gar nicht! – Hat Sie das eigentlich verwundert, dass dieses Dating-Leben in den 60ern dann auch so anspruchsvoll ist?

Genreith: Es wundert mich nicht, weil, die Leute werden ja – das stelle ich ja auch schon fest –, die Leute werden ja nicht einfacher im Alter. Deswegen, mich hat das nicht verwundert. Er hatte das auch schon mal erzählt vorher, aber nicht in dem Ausmaß. Aber ja, ich wollte natürlich nicht, dass mein Vater so ein einsamer alter Kauz ist. Deswegen konnte ich schon verstehen, dass er sich dann sein Augenmerk vielleicht irgendwie auf andere Optionen richtet.

Wellinski: Aber die Skepsis ist ja groß von Ihnen am Anfang, eben wegen dieses Klischees, oder? Dieses Klischee, das man hat, dass westliche Männer in Thailand letztendlich doch nur Sextouristen sind.

Genreith: Ja, und sich bedienen wie im Selbstbedienungsladen, also dann dort. Genau, deswegen hatte ich natürlich irgendwie was dagegen, weil, man will natürlich, dass sein Vater…vor allem sein Vater für eine Tochter…Man will ja, dass der Vater ein Held ist, jemand, zu dem man aufsehen kann und der immer die richtige Entscheidung, auch die richtige moralische Entscheidung trifft. Nun gut, also, mein Vater war jetzt nie oder selten so jemand, aber ich hatte immer dieses Bild von meinem Vater oder die Hoffnung, dass er irgendwie im Alter dann vielleicht doch noch mal so werden könnte. Und das passt natürlich nicht mit diesem Bild eines Sextouristen zusammen, was man dann im Kopf hat, wenn der Vater einem so was erzählt beziehungsweise auf eine Postkarte schreibt. Das ist dann erst mal total bitter. Und man hat ja auch sofort dieses … Das Täter-Opfer-Bild ist ja auch total klar, ja? Also, man hat ja sofort parat, wer Täter und wer Opfer ist.

Und dieses Bild hat sich dann aber in Thailand bei der tieferen Auseinandersetzung und einfach Begegnung und Kennenlernen mit Tukta und ihrer Familie nicht völlig, aber zu einem großen Teil revidiert, einfach weil ich Tukta als total selbstbestimmte Frau wahrnehme, die ziemlich genau weiß, was sie möchte und meinem Vater das auch sagen kann. Und diese Beziehung, ob das jetzt eine Liebesbeziehung ist oder nicht, schon auf Augenhöhe funktioniert.

Liebe – "in Thailand steht Versorgung im Vordergrund"

Wellinski: Das ist ja sehr interessant im zweiten Teil von "Happy", nämlich der dann in Thailand spielt, wenn Sie dann da sind und Tukta und auch ihre Familie dort kennenlernen. Dann ist es schon spannend zu beobachten, dass Ihr Vater, aber auch Tukta wohl eine andere Auffassung von Liebe haben. Haben Sie das auch so gesehen, und wenn ja, hat Sie das überrascht?

Genreith: Ich glaube, es hat mich nicht überrascht, ich hatte wahrscheinlich schon damit gerechnet. Aber mir ist das noch mal sehr, sehr deutlich und sehr, sehr klar geworden durch diese Erfahrung und durch diese Erlebnisse in Thailand, durch das, was Tukta und ihre Familie mir dort erzählt haben oder ich gesehen habe. Also, Liebe wird in Thailand natürlich ganz anders definiert als hier. Also, wir können uns hier die romantische, tolle Liebe natürlich leisten, aber es gibt natürlich weit mehr Landstriche auf der Welt, wo es diese Romantik nicht im Vordergrund steht, sondern halt Versorgung. Und nicht nur die eigene Versorgung, sondern die der ganzen Familie. Es gibt ja kein Sozialsystem in Thailand, das das übernimmt. Und ich glaube, dass mein Vater das aber relativ früh gesehen und verstanden hat und sich damit auch immer wieder auseinandergesetzt hat. Und ich glaube, deswegen funktioniert es aber so gut, weil sich beide auch über diesen Tausch, über dieses Tauschgeschäft bewusst sind.

Wellinski: Also, da steht zum einen diese sehr praktische Definition von Partnerschaft, die fast schon mehr nach einem Deal klingt als, wie Sie schon sagen, die romantische Vorstellung, die wir im Westen davon haben. Wie sieht denn aber der Tausch aus? Also, Ihr Vater hat eine Frau und ist auch im Alter letztendlich abgesichert, weil da jemand ist, der jünger ist und der sich auch kümmern kann.

Genreith: Ja. Na ja, und Tukta ist abgesichert dadurch, dass mein Vater ihr und ihrer Familie Geld überweist für Schulsachen für die Kinder, für Lebensmittel, ja, für ganz alltägliche Dinge und Mittel, für die Tukta sonst in Bangkok oder auf irgendwelchen Inseln im Süden von Thailand arbeiten müsste und dann auch von ihrer Familie weit weg wäre und einmal im Jahr wahrscheinlich nach Hause fahren könnte.

"Die dachten, wir machen da so einen kleinen Familienfilm"

Wellinski: Wie kam das eigentlich an, als dann Ihr Vater Sie mitgenommen hat nach Thailand, und dann kommt die Tochter, die nicht nur sehr kritisch erst mal eingestellt ist der ganzen Sache gegenüber, aber sie nimmt noch eine Kamera mit und fragt alle aus?

Genreith: Also, das Gute war, dass die, glaube ich, die ganze Familie und das ganze Dorf von Tukta erst mal gar nicht so richtig verstanden haben, dass das wirklich ein großer Film ist, also, dass das ein Kinofilm ist. Die haben gedacht, ich bringe da so ein paar Freunde mit – die waren ja auch alle sehr nett – und wir machen da irgendwie so einen kleinen Hochzeitsfilm oder so einen Familienfilm, den wir dann irgendwie unseren Freunden zu Hause zeigen. Ich glaube, das haben die gedacht. Die hatten wirklich nicht diese Vorstellung. Dann war Tukta wirklich total…das war ganz süß … war total baff, als wir dann auf dem DOK Leipzig letztes Jahr Premiere gefeiert haben und sie in diesem Riesensaal saß und nach vorne kommen musste und auch Fragen beantworten sollte oder wollte. Und das wurde dann natürlich sofort der Familie erzählt und erst dann wurde da ganz, ganz aufgeregt auch im Dorf drüber gesprochen. Also, so hat Tukta es auf jeden Fall erzählt. Das war sehr süß. Aber das war natürlich unser großer Vorteil, dass sie uns alle völlig unterschätzt haben!

Wellinski: Ihre anfangs kritische Einstellung, die müssen Sie ja zum Teil auch über Bord werfen, wenn Sie dann in Thailand sind und dann von den Müttern und Großmüttern, von Tukta nicht nur herzlich empfangen, sondern auch umfangen werden. Also, man sieht das ja, wie sie dann auf Sie zukommen, Sie umarmen und sagen, du bist jetzt auch unsere Tochter, und Sie dann am Anfang noch ein bisschen steif sind und dann sich natürlich auch diesen Umarmungen gar nicht widersetzen können.

Intime Premiere: Film mit Vater in leerem Kino angesehen

Genreith: Ja. Aber das war ja auch das Schöne, also, dass irgendwie so dieses Bild, was ich hatte, was ich im Kopf hatte, durch diese ganze Herzlichkeit und durch diese Offenheit, die ich auch als total authentisch wahrgenommen habe mir gegenüber oder uns gegenüber, dem ganzen Team gegenüber. Also, ich konnte ja dann gar nicht mehr so wirklich was dagegen haben. Ich wollte ja viel kritischer sein, aber das konnte ich dann auch relativ schnell nicht mehr, weil die mich so in Watte gepackt haben da natürlich auch.

Wellinski: Jetzt haben Sie von der Reaktion von Tukta schon erzählt, aber die Reaktion Ihres Vaters würde mich noch interessieren! Wie hat der denn auf den letztendlichen Film, auf das Produkt reagiert? Man sieht sich ja dann doch anders auf so einer großen Leinwand!

Genreith: Ja. Das war sehr schön, wir hatten im letzten Sommer die Gelegenheit, in einem leeren Kino, nur wir beide, mein Vater und ich, den Film zusammen zu gucken. Und das war ganz schön, weil wir nebeneinander saßen und ich habe dann immer rübergeguckt zu meinem Vater und der hat sich dann immer die Brille abgenommen und hat sich die Tränchen aus den Augen gewischt. Und ich glaube, er fühlt sich sehr gesehen und verstanden in dem Film und ist sehr, sehr stolz. Ich bin aber auch stolz, muss ich sagen. Also, alles das, was ich früher total unangenehm fand an meinem Vater, sehe ich jetzt, dass ihn das, genau das zu einem guten Protagonisten gemacht hat in dem Film.

Wellinski: Sagt Carolin Genreith. Ihr Dokumentarfilm "Happy" über das späte Liebesglück ihres eigenen Vaters können Sie dann ab Donnerstag in den deutschen Kinos sehen. Frau Genreith, vielen Dank für Ihre Zeit und gute Besserung!

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