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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 15.06.2014

Dokumentarfilm"Die Alm is wie so a Sucht"

Zehn Jahre im Leben einer jungen, emanzipierten Sennerin

Von Christian Berndt

Die Sennerin Lisa Schlagbauer mit ihren Kühen auf einem Bergkamm auf der Rampoldalm in Oberbayern am 15.07.2004. (picture alliance / dpa / Matthias Schrader)
Eine Sennerin mit ihren Kühen auf einem Bergkamm in Oberbayern. (picture alliance / dpa / Matthias Schrader)

Es ist eine uralte Kultur, die langsam und weitgehend unbemerkt in Deutschland verschwindet: die kleinen Bauernhöfe. Regisseur Matti Bauer hat für seine Langzeitdokumentation eine bayerische Jungbäuerin zehn Jahre begleitet.

Filmausschnitt: (Muhen) "Ho, ho, ho. Jetzt komm. No, no, dableiben! Ja, Kruzitürken jetzt! Is a Ruah!“ (Keuchen)

Die Kühe sollen ins Gatter, wollen aber gerade nicht. Uschi muss vollen Körpereinsatz leisten. Es ist ein Knochenjob, den die 22-Jährige macht, aber sie liebt ihn. Sie arbeitet auf dem kleinen Bauernhof ihrer Eltern im bayerischen Oberland. Für diesen Sommer aber hat sie sich in den Kopf gesetzt, oben auf der Alm eine Herde zu hüten – fast ein halbes Jahr ganz allein in den Bergen:

"Die Alm is wie so a Sucht, wenn man’s o mal hat, dann zieht’s ein immer wieder hin. Ein Mädel, wo’s graust, wen’se ausmisten muss, des kann’s net machen. Sie müssen scho a bisschen andersda sein, vielleicht a bisserl eigenständiger und robuster, denk i mir jetzt amal.“

Keine Angst vor Einsamkeit

Robust ist Uschi, und Angst vor Einsamkeit hat sie auch nicht. Ihre Eltern, die nun einige Monate ohne sie auskommen müssen, sind nicht gerade begeistert. Aber Uschi hat immer schon ihren Kopf durchgesetzt:

"Wenn’s nach meinen Eltern gegangen wär, wär i au scho seit fünf Jahren verheiratet, hätt daheim den Hof und fünf Kinder. Man soll vielleicht nicht grundsätzlich in den Wind schießen, was einem die Eltern sagen, aber man muss scho a bisschen sein eigenes Leben leben.“

Genau von dieser Gratwanderung zwischen dem eigenen Lebensentwurf und der Familientradition erzählt Matti Bauer in seinem Dokumentarfilm "Still“. Uschi ist nicht etwa begeisterte Bäuerin, weil sie nichts anderes kennen würde – sie ist mehrmals um die halbe Welt gereist. Sie schwankt, den Hof zu übernehmen, weil die Zukunftsaussichten für Klein-Bauern düster sind. Und sie hat noch keinen Mann, wie die Mutter anmahnt:

"I hab gesagt, wir brauchen erst mal einen Schwiegersohn. Nicht, dass da so a Hallodri kommt, der das ganze Anwesen verwurschtelt, das geht nieder.“

So einfühlsam wie unsentimental

Von Zukunftssorgen, familiärem Druck und dem harten, bäuerlichen Alltag erzählt "Still“ so einfühlsam wie unsentimental. Zehn Jahre lang hat der Regisseur die Familie begleitet – die im Film dramaturgisch geschickt eingesetzten Zeitsprünge halten einige Überraschungen bereit. Ohne Vorwarnung sieht man Uschi plötzlich schwanger, vom Kindvater ist sie da schon getrennt. Uschis 70-jähriger Vater sieht das pragmatisch:

"War schon a Überraschung, aber kei unangenehme. Ja, mei Gott, Kinder gehören numal daher, wenn nix zuawachst, das geht a net.“

Dann ist plötzlich ein neuer Freund da – ein Ferienflieger-Pilot. Dem Film gelingt es, so anschaulich und sinnlich vom Alltag der Familie zu erzählen, dass sich Uschis Leidenschaft fürs Leben auf dem Hof irgendwann tatsächlich nachvollziehen lässt. Aber verklärt wird nichts: Uschi will eigentlich nicht wie ihre Eltern lebenslang auf Freizeit verzichten, und ihre Mutter macht erstaunlich offen deutlich, wie wenig sie dieses Leben gewollt hat.Der in Schwarz-Weiß gedrehte Film erzählt vom langsamen Aussterben einer traditionsreichen Welt, Abschiedsstimmung liegt in der Luft. Doch wenn man Uschis 6-jährigen Sohn Jakob hört, deutet sich doch so etwas wie Hoffnung auf die Zukunft an:

"Weißt Du eigentlich schon, was Du mal werden willst später? – Ja, Jäger, Angler, Goldschmied, Goldforscher, Dinosaurierausgräber – und Bauer, dass i den Betrieb dann weitermachen kann.“

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