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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.02.2017

Dokumentarfilm "Becoming who I was"Der eigenen Bestimmung gerecht werden

Von Bernd Sobolla

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Das Dirapuk Monastery nahe des Mount Kailash in Tibet (imago/ZUMA Press)
Das Dirapuk Monastery nahe des Mount Kailash in Tibet (imago/ZUMA Press)

Der Film "Becoming who I was" der südkoreanischen Filmemacher Chang-Yong Moon und Jin Jeon erzählt die Geschichte von einem Jungen, der in Nordindien lebt – aber sich an ein früheres Leben als bedeutender buddhistischer Meister in Tibet erinnert.

"In den letzten 1.400 Jahren haben sich gemäß der tibetischen Tradition die großen Meister reinkarniert, um Schüler, die ihnen folgen, zur Erleuchtung zu führen. Sie tragen den Ehrentitel Rinpoche." Mit diesem Text beginnt der Dokumentarfilm. Dazu sieht man Bilder aus Sakti, einem Bergdorf ganz im Nord-Osten Indiens. Eine kalte, karge Landschaft vor einem unglaublich schönen Bergpanorama. Der Regisseur Chang-Yong Moon traf dort 2009 bei der Arbeit für einen Dokumentarfilm über traditionelle asiatische Medizin auf den Arzt Urgyan.

"Als ich ihn traf, sah ich auch einen Jungen, Padma Angdu, der immer bei ihm war. Damals war der Junge noch nicht als Rinpoche bekannt."

Aber der damals fünfjährige Padma Angdu war kein normales Kind.

Angdu: "In meinem letzten Leben lebte ich in Kham, in Tibet. Ich erinnere mich noch an den Ort. Im jetzigen Leben wurde ich in Sakti geboren, und die Leute nennen mich Padma Angdu."

Eine interessante Reinkarnationsgeschichte

Fasziniert von diesem Jungen begannen die Regisseure Chang-Yong Moon und Jin Jeon ein neues Filmprojekt, das sie über acht Jahre immer wieder nach Indien führen sollte. Padma Angdus Leben war von Anfang an schwierig: Ärzte sagten der Mutter, dass sie wahrscheinlich bei der Geburt sterben würde und empfahlen ihr eine Abtreibung. Aber sie lässt sich nicht beirren. Bei der Geburt sieht sie ein erstes Zeichen für die Besonderheit ihres Kindes: Padma Angdus Nabelschnur hat die Form einer Mala-Gebetskette. Schon bald erinnert sich der Junge an sein früheres Leben und wendet sich an Urgyan, einen alten Arzt aus der Nachbarschaft. Ihn wählt er als seinen Lehrer aus.

Urgyan: "Ich bin nur ein einfacher, traditioneller Arzt und hätte nie gedacht, dass ich einer solch großen Reinkarnation dienen würde. Das muss mein gutes Karma sein; es ist eine große Ehre."

Im Kloster erlebt der Junge als Sechsjähriger seine Inthronisation. Fortan lassen sich die die Leute von ihm segnen. Doch was zunächst wie eine "bekannte" Reinkarnationsgeschichte klingt, verändert sich allmählich: Die Filmemacher zeigen, wie Rinpoche täglich die buddhistischen Texte rezitiert. Wie sich sein Lehrer liebevoll um seine Bücher, seine Kleidung und sein Essen kümmert. Aber zugleich tauchen Zweifel auf. Einige Leute nennen ihn sogar einen "falschen Rinpoche". Dazu Regisseur Chang-Yong Moon:

"Rinpoche ist ein hoch angesehenes Wesen, denn sie glauben an Reinkarnation. Normalerweise kommt ein Rinpoche in sein Kloster, hat dort seine Schüler und seine Gemeinschaft, die ihn unterstützt und schult. Aber Padma Angdu hat diese Unterstützung nicht. Er soll ja aus Tibet stammen, und all seine Schüler sind dort. Aus diesem Grund fehlt ihm diese unterstützende Kraft."

Warten auf die Bestimmung in der Fremde

In gewisser Weise mutiert "Becoming who I was" zu einer Flüchtlingsgeschichte oder zumindest zu einem Film über das Warten auf seine Bestimmung in der Fremde. Rinpoches Erinnerungen an sein vorheriges Leben verblassen allmählich, und er wird aus dem Kloster ausgeschlossen und fühlt sich wie ein Waisenkind. In einer der eindrucksvollsten Szenen sieht man ihn 2014 mit einer Hirsch-Maske vor dem Gesicht im Kreis torkeln.

"Alle Rinpoches werden von ihren Schülern gefunden und in ihre Klöster gebracht. Es scheint, ich bin verlassen sowohl von den Leuten in Sakti als auch von denen in Tibet. Wenn sich nichts ändert, wie soll ich dann ein großer Rinpoche werden?"

Konchok, ein Mönch des örtlichen Klosters, hat inzwischen Rinpoches Schulung übernommen. Er gibt Rinpoche und Urgyan einen entscheidenden Rat.

"Du bist kein gewöhnlicher Mönch. Du musst ein Niveau von Liebe und Hingabe erlangen, das uns alle übersteigt. Es ist wichtig, dass du nach einer höheren Schulung strebst. Erwäge also dafür, Sakti zu verlassen."

Und so machen sich die beiden auf nach Sikkim. Der indische Bundesstaat liegt rund 1.500 Kilometer weiter südöstlich und grenzt an die tibetische Region Kham - Rinpoches Bestimmungsort. Urgyan hofft, seinem Schützling mit dieser Reise entscheidend zu helfen. Er weiß: Wenn Rinpoche reift, wird er der werden, der er war.    

"Aber durch die chinesische Unterdrückung in Tibet werden viele Mönche umgebracht. Davor habe ich Angst, und mir fehlt der Mut."

Eine großartige Liebesgeschichte

In der Grenzstadt Lachung angekommen, begeben sie sich auf einen verschneiten Berg, wo Rinpoche ins tibetische Horn bläst. Es klingt wie ein verzweifelter Schrei, den die Filmemacherin Jin Jeon erläutert.

"Zum einen blasen sie ins Horn, weil sie glauben, damit das schlechte Karma und alles Negative aus dem Gebiet zu vertreiben. Sie nutzen das Horn aber auch, um die Mönche der Region zum Gebet zusammenzurufen."

"Becoming who I was” ist nicht nur eine interessante Reinkarnationsgeschichte, es geht zugleich um den verzweifelten Versuch, seiner Bestimmung gerecht zu werden. Und nicht zuletzt ist der Film eine großartige Liebesgeschichte: Mit welcher Hingabe, Ausdauer und mit wie viel Verständnis der Arzt und Mentor Urgyan sich Rinpoche widmet und wie sich schließlich ihre Wege trennen, ist grandios: Urgyan bedankt sich bei Rinpoche für die schönste Zeit seines Lebens. Und Rinpoche verspricht ihm, sich in seinem nächsten Leben um ihn zu kümmern.

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