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Länderreport | Beitrag vom 28.12.2020

Döberitzer HeidePanzerfahren für den Naturschutz

Von Nana Brink

Ein alter Bundeswehrpanzer (Deutschlandradio / Nana Brink)
Ohne Panzer keine Urzeitkrebse: In den Pfützen, die durch die Fahrspuren der Ketten entstehen, leben die seltenen Tiere. (Deutschlandradio / Nana Brink)

Ein 300 Jahre alter Truppenübungsplatz, der seltene Arten beherbergt, und Ruinen, die schon Hollywood als Kulisse dienten. In der Nähe ein Olympisches Dorf: Die Döberitzer Heide vor den Toren Berlins ist ein "lost place", ein vergessener Ort.

Vor den Toren Berlins liegt die Döberitzer Heide, ein Truppenübungsplatz mit langer Geschichte. Wie viele militärische Liegenschaften auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist auch die Döberitzer Heide nach der Wende ein Naturschutzgebiet geworden.

Die Heinz-Sielmann-Stiftung hat den größten Teil der Fläche gekauft und macht die einzigartige Naturlandschaft der Öffentlichkeit zugänglich. Sie rettet quasi nebenbei – ganz im Sinne des namensgebenden Stifters – ein paar fast ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten. Dabei greift sie auch schon mal zu ungewöhnlichen Mitteln:

"Wir sind hier auf dem Wirtschaftshof der Heinz-Sielmann-Stiftung und fahren tief in die Döberitzer Heide rein. Das sind die Pfützen, weshalb man nicht mit dem Pkw reinfahren sollte"

"Auf einmal sind da diese Tiere aufgetaucht"

Elisabeth Fleisch, Sprecherin der Stiftung, steht neben einer tiefen Pfütze. Wenn es geregnet hätte, sagt sie und zeigt in die schlammigbraune Brühe, wäre das Wasser klar und man könnte ihn sehen. Ihn, den Star dieses kalten Dezembermorgens: den Triops cancriformis, gemeinhin auch Urzeitkrebs genannt. Allein seine schiere Existenz bringt Jürgen Fürstenow in Verzückung:

"Sobald man neue Trassen und Pfützen anlegt, kommen dann die Urkrebse und andere Arten, wo jahrzehntelang nichts war. Auf einmal wurden diese Pfützen wiederbelebt, da sind diese Tiere aufgetaucht." 

Mit seinem Teleobjektiv sucht Fürstenow, der für das Öko-Monitoring in der Döberitzer Heide zuständig ist, schon seit Jahren die zwei bis sechs Zentimeter kleinen Urviecher. Die Krebse, die sich schon zu Zeiten der Dinosaurier ihre Pfützen gesucht haben, sind eine kleine Sensation. Sie galten eigentlich als ausgestorben, bis man sie auf dem Gelände der Heinz-Sielmann-Stiftung wiederentdeckt hatte.

Der "Büffel" mit Ketten statt Beinen

Schuld daran ist die zweite Attraktion dieses Wintermorgens: der "Büffel", ein ausrangierter Bergepanzer der Bundeswehr. Seine Ketten graben sich in den sandigen Boden, als er sich dreht und mit ziemlicher Geschwindigkeit auf einen Waldweg zufährt. Jürgen Fürstenow strahlt über das ganze Gesicht und blickt dem Panzer hinterher. 

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"Er fährt jetzt auf einer frisch hergestellten sogenannten Urkrebstrasse und eben durch das Fahren mit dem Panzer die Fläche unten verdichten, damit sich Pfützen bilden, wo diese Urkrebse leben können. Diese Landschaft hat sich erst durch das Militär so gebildet, wir wollen das in die Zukunft rüberretten. Ansonsten leben die ursprünglich in Auenbereichen, aber die sind vielfach verschwunden." 

300 Jahre Truppenübungsplatz

Der Kiemenfußkrebs, auch Urzeitkrebs genannt, sieht aus wie sein Vorfahr vor 200 Millionen Jahren und ist ein wahrer Überlebenskünstler. Seine Eier können Jahrzehnte im Boden überleben.

Bildet sich eine Pfütze, schlüpfen die Krebse innerhalb von 48 Stunden. In nur ein paar Wochen legen die weiblichen Tiere die ersten Eier ab. Dass er nicht nur die Dinosaurier überlebt hat, sondern bislang auch den Klimawandel, verdankt er dem Militär.

Fast 300 Jahre war die Döberitzer Heide ein riesiger Truppenübungsplatz. Schon Friedrich der Große ließ hier 40.000 Soldaten aufmarschieren. Nach der Wehrmacht übte vor allem die Rote Arme mit schweren Panzern und hinterließ tiefe Pfützen. Zum Glück für den Urkrebs, meint Erik Paschke vom brandenburgischen Landesamt für Umwelt:

Auch Wisente und Pferde leben hier

"Der frühere militärische Übungsbetrieb hat für diese Fahrspuren und diese lange bestehenden Pfützen im Sommer durch die Bodenverdichtung gesorgt. Das fällt nun weg und wir müssen das nachbilden, sonst haben diese Urkrebse einfach keine Möglichkeit mehr, sich zu vermehren." 

Das Landesamt für Umwelt finanziert den Panzerausflug in der Döberitzer Heide, denn die Heinz-Sielmann-Stiftung ist Partner in Sachen Naturschutz und Artenerhaltung. Auf dem 3.600 Hektar großen Gelände haben sich neben dem Urkrebs noch andere fast ausgestorbene Tiere angesiedelt. In der sogenannten Kernzone, die wegen der starken Munitionsbelastung nicht für die Öffentlichkeit frei gegeben ist, leben Wisente und das Przewalskipferd.

Panzer zu Pflugscharen

"Und viele andere extrem seltene Arten", sagt Fürstenow. "Orchideen und verschiedene seltene Vögel wie Wiedehopf und Steinschmätzer. Auch kleinste Pflanzen, die man gar nicht so sieht, wie Schlammling oder Armleuchter-Algen - die sehen aus wie kleine Tannenbäume - leben in den Pfützen. In der sogenannten Normallandschaft sind die ganzen Arten verschwunden, die halten sich dann auf solchen ehemaligen Truppenübungsplätzen." 

Eine alte Kaserne (Deutschlandradio / Nana Brink)Neue Wohnung für Potsdam: Auf dem Gelände der Krampnitz-Kaserne soll ein neues Stadtquartier entstehen. (Deutschlandradio / Nana Brink)

Vor allem aber der kleine Krebs hat es Fürstenow angetan. Ein Wink aus der Urzeit. Und dass ausgerechnet ein Panzer der Natur wieder auf die Sprünge hilft, gefällt dem Naturschützer am besten:

"Also '89 war ich hier. Da sind die russischen Panzer noch rumgefahren. Ich war damals in der DDR bei der Armee und das ist etwas komisch, aber 'Schwerter zu Pflugscharen' sag ich mal, wir setzen das Gerät für die gute Sache ein." 

Ein gutes Versuchslabor für Naturschutz

So dreht der "Büffel" noch ein paar Runden, gräbt sich tief in den Boden und drückt die Erde zusammen. Nur mit dem Regen will es an diesem Morgen nicht klappen. Aber der Urkrebs hat Zeit, auf seine Pfütze zu warten. Das ist Erik Paschke vom Landesumweltamt nur recht:

"Die Döberitzer Heide ist für uns, aus der Sicht der Landesnaturschutzverwaltung, auch ein Stück weit ein Labor für die Methodenfindung, für Landschaftspflege auf munitionsbelasteten Gebieten. Das ist ein Beispielgebiet, das durch seine Vielfältigkeit von ganz trockenen bis zu ganz nassen Bereichen alles aufweist, was man im Rahmen des praktischen Naturschutzes bearbeiten muss." 

4.500 Hektar direkt vor den Toren Berlins

Aber auch wer größere Motive als den vier Zentimeter großen Urzeitkrebs sucht, wird auf dem verlassenen Truppenübungsplatz fündig. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.

Reiseführer Johannes Westerkamp hat nicht nur die Schlüssel zu vielen "lost places", er kennt auch die Geschichten dazu. Sein Geschäft ruht pandemiebedingt, was ihn aber nicht davon abhält, sich neue Touren auszudenken:

"Die Döberitzer Heide ist ein richtiges Juwel in der unmittelbaren Nachbarschaft Berlins. 4.500 Hektar groß und viele Berliner kennen das gar nicht. Die sind ganz erstaunt, wenn sie von diesem riesigen Naturschutzgebiet hören. Die Döberitzer Heide war mal eine Zeit lang der größte Truppenübungsplatz des Deutschen Reiches." 

Westerkamp parkt seinen Bus am Rande des Einkaufszentrums Havelpark an der Bundesstraße 5. Gleich hinter der geschäftigen Mall wird es plötzlich menschenleer. Über grobes Kopfsteinpflaster führt ein Weg durch ein Waldstück auf eine Anhöhe. Elf Meter hoch ragt ein Granitklotz weit sichtbar in die dürre Heidelandschaft.

Kyrillische Kritzeleien auf preußischem Granit

Hier beginnt Westerkamps Tour durch 250 Jahre Geschichte. Die Preußen, die Nazis, die Rote Armee. Alle haben ihre Spuren in der Heidelandschaft hinterlassen.

Wie auf dem Obelisk: kyrillische Kritzeleien auf preußischem Granit. Und über das Ganze ist Moos gewachsen. 

Westerkamps Bus biegt von der B5 auf eine kleine Landstraße in Richtung Döberitz-Dallgow. "Olympisches Dorf" steht auf einem Schild am Straßenrand. Hier waren die männlichen Athleten der Spiele 1936 untergebracht, 18 Kilometer vom Olympiastadion entfernt. Heute versperrt ein Bauzaun den Zugang zu den kasernenartigen Gebäuden. 

Das Olympische Dorf gehört mittlerweile einem Investor

Direkt hinter dem Zaun steht die alte Turnhalle. Durch ihre Fensterfront aus den 30er-Jahren kann man einen Blick auf das Orginalturnpferd erhaschen.

Auch die Halle hat Moos angesetzt, droht hinter wuchernden Büschen zu verschwinden. Einen Großteil des Olympischen Dorfes hat ein privater Investor aus Nürnberg gekauft, der hier ein exklusives Wohnviertel errichtet.

Verwitterte olympische Ringe (Deutschlandradio / Nana Brink)Die echten olympischen Ringe am Gasthof „Olympischer Krug“ (Deutschlandradio / Nana Brink)

Westerkamp verkneift sich jeden Kommentar dazu und fährt lieber direkt zu seinem Lieblingsfotomotiv. Im Gemeindeteil Rohrbeck, direkt am Olympischen Dorf, hängen die originalen Ringe über dem Eingang des ehemaligen Gasthofes "Olympischer Krug", heute ein Wohnhaus. 

Manfred von Richthofen wurde hier ausgebildet

Noch heute finden sich im kleinen Rohrbeck mehrere idyllisch gelegene Reiterhöfe. Nur ein paar Kilometer entfernt grenzt das nächstgelegene Dorf namens Priort an den Naturpark Döberitzer Heide.

Westerkamp parkt seinen Bus an einem entlegenen Waldstück:

"Hier verlaufen sich nur wenige Leute. Wir gehen jetzt Richtung alter Flugplatz, davon ist im Grunde nichts mehr vorhanden. Der Flugplatz Döberitz war der älteste Militärflugplatz des Deutschen Reiches aus dem Jahr 1910. Dort wurden nicht nur Militärpiloten ausgebildet, wie zum Beispiel der Rote Baron Manfred von Richthofen, sondern dieser Flugplatz Döberitz war auch ein Technologie-Zentrum."

10.000 russische Soldaten in alten Wehrmachtskasernen

Als die Döberitzer Heide 1997 Naturschutzgebiet wird, müssen die alten Hangars weichen, über ihre Fundamente wächst Gras. Nur der Kenner sieht die Mauerreste. Doch plötzlich taucht ein riesiger Bunker im Dickicht auf. 

Vor der Bunkerwand, aus der große Bäume wachsen, sind noch tiefe Schächte zu sehen, in denen die beweglichen Ziele hin- und hergeschoben wurden. Fast verblasst ist die Zahl 1959 zu lesen, daneben kyrillsche Schriftzüge.

Ein Jahr später wird die Rote Armee den Flugplatz aufgeben. Aber sie bleibt noch weitere 30 Jahre in den ehemaligen Kasernen der Nazis in der Döberitzer Heide.

Als einer von wenigen Reiseführern besitzt Westerkamp einen Schlüssel für das Tor der Krampnitz-Kaserne, die in den späten 30 Jahren für die Heeresreitschule der Wehrmacht gebaut wurde:

"Hier waren zu Hochzeiten rund 10.000 russische Soldaten stationiert, hier wurde viel dazu gebaut, viele Gebäude verändert, die jetzt teilweise wieder abgerissen werden, die befinden sich nicht unter Denkmalschutz. Die Stadt Potsdam plant hier auf dem Gelände ein neues Stadtquartier für bis zu 10.000 Menschen."

Selbst Tarantino hat hier schon gedreht

2038 soll es fertig sein. Fast hundert Jahre nach ihrer Errichtung sollen junge Familie in die sanierten Gebäude einziehen, ähnlich wie im Olympischen Dorf. Doch noch pfeift der Wind durch die zerborstenen Fenster und Türen der grauen Kasernenblöcke. Kulissen aus einer anderen Epoche.

Seit 1992 ist das Gelände verlassen. Genau das hat viele Filmregisseure gereizt. Jean-Jacque Annaud, Bernd Eichinger und Quentin Tarantino haben hier auf dem Gelände gedreht:

Ein ehemals prunkvoller Saal voller Graffiti (Deutschlandradio / Nana Brink)Beliebter Drehort für Hollywood-Filme: der Offiziersclub in der Krampnitz-Kaserne (Deutschlandradio / Nana Brink)

"Wir sind jetzt im Offizierskasino, das ist hier eines der größten Gebäude überhaupt. Dieser große Raum ist der Festsaal. Neben den Vandalismusschäden ist die Tapete Das Interessante hier. Das ist eine ganz besondere Tapete: Sogenannte Linkrusta, Kunstwort, aus Leinen, beziehungsweise Papier und Krusta, das ist Linoleum. Das war eine ganz kostbare Tapete, die war in besonderen Kabinen auf der Titanic oder auch heute noch in einigen Räumen des Weißen Hauses in Washington zu finden." 

Heute ist die Tapete dunkelbraun oder eben knallbunt durch die Graffitis. Wenn der Begriff "vergessene Orte" irgendwo zutrifft, dann hier. In der leeren Halle mit den zugemauerten Fenstern hält sich eisige Luft. Im Halbdunkel ahnt man das herrschaftliche Ambiente, die holzgetäfelten Decken und steinummauerten Kamine.

Regisseur Annaud hat für seinen Stalingrad-Film "Enemy at the Gates" sogar eigens russische Wandgemälde anbringen lassen, die immer noch zu sehen sind. Nach der Wehrmacht und der Roten Armee hat Hollywood die Regie übernommen.

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