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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.04.2017

documenta-Start in Athen"Eine fantastische Kollaboration mit der Stadt"

Christoph Platz im Gespräch mit Dieter Kassel

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Werbung für die internationale Kunstausstellung documenta 14 an einer Bushaltestelle in Athen, aufgenommen am 03.04.2017. (picture alliance / dpa / Alexia Angelopoulou)
Werbung für die internationale Kunstausstellung documenta 14 an einer Bushaltestelle in Athen, aufgenommen am 03.04.2017. (picture alliance / dpa / Alexia Angelopoulou)

Viele Neuproduktionen, viele Partner: Christoph Platz, Leiter der Ausstellungsabteilung der documenta 14, beschreibt die Situation beim documenta-Start in Athen als dynamisch, aber nicht chaotisch. Die Zusammenarbeit mit der Stadt sei "fantastisch".

Dieter Kassel: Es gab ziemlich viel Kritik an dieser Idee, überhaupt die documenta auch nach Athen zu bringen, es war sogar von Kulturkolonialismus die Rede. Die griechische Kulturministerin allerdings hat sich uns gegenüber – wir haben das heute Morgen auch schon gehört – eher positiv geäußert, und ich habe Christoph Platz, den Leiter der Ausstellungsabteilung der documenta 14, deshalb gefragt, als ich gestern mit ihm sprach, ob er sich eigentlich in Athen willkommen gefühlt hat!

Christoph Platz: Ja, das kann ich nur positiv beantworten. Wir haben fantastische Freundschaften geknüpft. Ich bin ja seit April 2014 dabei, immer zwischen Kassel und Athen. Es ist natürlich in erster Linie unser Anliegen hier, dass die Künstler, die eingeladen sind aus aller Welt, an diesem Ort hier arbeiten, und wir haben viele Künstler, die sich eben auch über Monate hier dann niedergelassen haben, um an ihren Werken zu arbeiten.

Voreröffnung am Megaron

Kassel: Wie chaotisch ist das Ganze? Ich darf vielleicht verraten, dass, während wir uns unterhalten, sie sich in ein noch nicht geöffnetes Restaurant zurückziehen mussten, deshalb reden wir auch per Mobilfunk miteinander. Ist das alles normal, dass man so weniger als zwei Tage vor der Eröffnung immer noch nicht ganz fertig ist, oder ist das doch ein bisschen auch das griechische Chaos?

Platz: Zum einen muss man sagen, dass wir die Press Preview gerade hinter uns gebracht haben, wir haben gerade am Megaron – das ist eine riesige Konzerthalle in Athen – mit dem ganzen Team auf der Bühne diese documenta voreröffnet. Die Presse ist dann ausgeschwärmt und orientiert sich jetzt in der Stadt, wir haben ja sehr viele Spielorte, fast 50, vier Hauptorte, wo sehr viel Gruppenausstellung zu sehen ist.

Ich habe bei der documenta 13 für zweieinhalb Jahre gearbeitet und ich glaube, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die documenta an sich immer ein sehr, sagen wir mal, dynamischer Laden ist und dort eben immer sehr viel zu machen ist. Wir haben sehr viele Neuproduktionen, wir haben extrem viele Partner, mit denen die Abstimmung dann eben vor Ort passieren muss. Also, ich weiß nicht, ob ich das wirklich griechisch nennen würde, nicht wirklich.

Wie wird die documenta Athen prägen?

Kassel: Aber wo Sie jetzt Kassel natürlich erwähnt haben, wo es in diesem Jahr ja später losgeht als in Athen, am 10. Juni… Eine Stadt wie Kassel – ich habe sie auch tatsächlich nicht nur wegen meines eigenen Namens mir auch mal außerhalb der documenta-Zeit angesehen – ist natürlich relativ leicht von einer so riesigen … von einem so riesigen Kunstevent auch wirklich zu bestimmen, zu dominieren an diesen 100 Tagen. Athen ist ja viel größer. Also, wird die documenta 14 Athen genauso prägen jetzt in den nächsten Wochen, wie wir das aus Kassel gewöhnt sind?

Platz: Kassel ist ja eine documenta-Stadt, wie das Ortsschild auch verrät. Das heißt, die Stadt ist natürlich sehr stolz auf das 60-jährige documenta-Erbe, neben anderen Dingen wie dem Bergpark, der UNESCO-Welterbe ist, oder natürlich die Gebrüder Grimm, die dort ja lange gearbeitet haben, vor allem auch im Fridericianum, in unserem Hauptgebäude dort, in unserem traditionellen Hauptgebäude, möchte man sagen. Und in einer Stadt von … ja, einer Metropole von sechs Millionen Leuten ist es natürlich immer was ganz anderes als in einer Stadt zu arbeiten, die documenta als Spektakel, als wiederkehrendes Event alle fünf Jahre kennt.

Dennoch wird man sich wundern, wenn man nach Athen geht, die Show ist ja bis Mitte Juli hier geöffnet, wie weit documenta auch wirklich präsent ist. Also, wir haben ja eine fantastische Kollaboration mit der Stadt, selbst wenn man am Flughafen ankommt, wird man von documenta-Plakaten – wir haben natürlich uns es nicht leicht gemacht, mit vier Designern gearbeitet, mit nicht nur einem – begrüßt, man wird documenta über Radio empfangen können und wir haben ein ganz wichtiges Projekt eben hier, das griechische Staatsfernsehen. Das muss man sich mal vorstellen, dass die documenta eben auf einem der griechischen Staatsfernsehenkanäle mit Experimental- und Kunstfilmen regelmäßig bis Mitte September zu sehen ist.

Architektonisches Highlight: Athens Conservatoire

Kassel: Gibt es denn was – ich weiß, das ist eine gemeine Frage an jemanden, der einer der Macher ist einer solchen Ausstellung, eines solchen Events – aus dem großen Programm von Athen, wo Sie sagen würden: Das ist es eigentlich, darauf bin ich so stolz, das müsste auch alle Kritiker, die es im Vorfeld gab, wirklich völlig hinwegfegen, wenn sei das gesehen haben?

Platz: Also, wir haben einen Ort – das fällt natürlich schwer, die Orte jetzt nebeneinanderzuhalten –, der ganz fantastisch ist, weil die Architektur das schon mitbringt. Es gibt von Jan [Ioannis] Despotopoulos ein Athens Conservatoire , die Music School oder das sogenannte Odeion im Griechischen, in dem wir zwei größere Bereiche bespielen mit jeweils Gruppenausstellungen. Das Gebäude an sich ist schon so wahnsinnig sehenswert, dass natürlich die Arbeiten darin nur wirklich auch verstärkt werden dadurch. Und wenn man sich dort mal Arbeiten angeschaut oder eben die ... [Stelle unverständlich] beispielsweise, Arbeiten angehört hat, wird man glaube ich sich diese Frage selbst beantworten.

Es ist wirklich fantastisch und es gibt auch ein sehr aktiviertes Musikprogramm hier. Ich hatte eben schon das Megaron erwähnt, dort wird es eben am 8. beispielsweise ein Konzert geben, das eine Kollaboration ist, wird ein Górecki-Stück sein, das wird eine Kollaboration sein zwischen dem griechischen Staatsorchester und einem syrischen Expat-, Auswanderer-Orchester, das wir hier organisiert haben.

Zeitgenössische Kunst lässt sich nicht unpolitisch lesen

Kassel: Nun haben wir es tatsächlich geschafft, und ich bin überrascht, aber angenehm überrascht, Herr Platz, bisher ein Gespräch zu führen, in dem Begriffe wie Bankenkrise, Staatskrise, Sozialkrise, Europa noch nicht vorgekommen sind. Aber all das wird natürlich eine große Rolle spielen bei der documenta 14 in Athen. Wie politisch wird denn die Kunst insgesamt sein?

Platz: Sehr. Also, ich glaube, man kann zeitgenössische Kunst oder Kunst auch in der längeren projizierten Kunstgeschichte nicht wirklich unpolitisch lesen. Die Macher dieser Ausstellung, vor allem die Kuratoren aus ganz verschiedenen Hintergründen haben ja doch ein sehr aktiviertes Programm, das natürlich all diese Kunstproduktion oder die Idee von Kulturproduktion vor dem aktuellen Hintergrund natürlich nicht von der Hand weisen. Weil natürlich die Künstler, die dann hier arbeiten, die in ihren Ländern arbeiten, die vielleicht Reisende sind und sich frei machen von ihrer Nationalität oder eben dieses Konzept von Zugehörigkeit, Identifikation hinterfragen, natürlich an diesem Ort dann ganz spezifisch untersuchen oder präsentieren, weil sie hier natürlich in der Wiege der Demokratie sozusagen sind und auch im Jetzt des politischen Zugegens des Nordens und Südens, und eben nicht nur Europa.

Kassel: Christian Platz, der Leiter der Ausstellungsabteilung der documenta 14, die ganz offiziell morgen in Athen eröffnet wird. Aber schon heute Abend, ab 23:05 Uhr, kommt unsere Sendung "Fazit" live von der documenta aus Athen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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