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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.03.2020

DIW-Präsident zu Thomas Piketty"Etwas zu erben, gibt Menschen eine Chance"

Marcel Fratzscher im Gespräch mit Dieter Kassel

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Institutes fur Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin (imago images / IPON)
Steuererhöhungen brauchen "Maß und Mitte", sagt Marcel Fratzscher. (imago images / IPON)

120.000 Euro als "Erbe" für jeden – damit will der Ökonom Thomas Piketty die ungleiche Vermögensverteilung mildern. DIW-Präsident Marcel Fratzscher findet das im Prinzip gut. Doch vor Pikettys Forderungen nach radikalen Steuererhöhungen warnt er.

Eine Vermögenssteuer von 90 Prozent – das ist eine der Forderungen, die der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in seinem neuen Buch "Kapital und Ideologie" aufstellt. Mit dem so gewonnenen Geld solle der Staat unter anderem allen Bürgerinnen und Bürgern zum 25. Geburtstag 120.000 Euro schenken – als eine Art Startkapital fürs Leben.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Marcel Fratzscher, kann Pikettys radikalen Thesen nur bedingt folgen.

In gewisser Weise verteufele Piketty das Recht auf Privateigentum und Vermögensbildung, so Fratzscher. "Das ist der Kern – und natürlich auch der Kern des Widerspruchs vieler. Auch von mir."

Denn, so betont der DIW-Präsident, Privateigentum sei auch der Schlüssel der sozialen Marktwirtschaft. In Deutschland zum Beispiel sei sehr viel Privatvermögen in der Hand von Familienunternehmen, die häufig gute Jobs mit langfristiger Perspektive schüfen, die nicht wie börsennotierte Unternehmen kurzfristig agierten, sondern ihr Vermögen im Sinne der Gesellschaft einsetzten: 

"Der Grund, warum wir viel Wohlstand in Deutschland haben, ist auch, weil Menschen Risiken eingehen und Unternehmen gründen."

Deutschlands Steuersystem "macht keinen Sinn"

Angesichts der extremen Ungleichverteilung von Vermögen sieht allerdings auch Fratzscher Handlungsbedarf. Zum Beispiel beim Steuersystem, das in Deutschland Arbeit ungewöhnlich stark und Vermögen ungewöhnlich wenig besteuere. "Es gibt fast kein Land, das Vermögen so gering besteuert und Arbeitseinkommen so stark besteuert wie Deutschland. Und das macht ökonomisch überhaupt keinen Sinn", so der DIW-Präsident. 

Porträt von Thomas Piketty: Der französische Ökonom warb in den Niederlanden für sein Buch "Kapital und Ideologie".  (dpa / picture alliance / Sander Koning)Der Ökonom Thomas Piketty entwirft in seinem neuen Buch "Kapital und Ideologie" eine Globalgeschichte der Ungleichheit. (dpa / picture alliance / Sander Koning)

Dennoch müsse man bei Steuererhöhungen immer berücksichtigen, wie diese sich auf die Wirtschaft auswirkten: ob sie nicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zerstörten – und damit den Wohlstandskuchen kleiner machten, den es zu verteilen gebe.

Radikale Steuererhöhungen, wie sie Thomas Piketty vorschwebten, hätten offenbar dieses Potenzial: Denn in einer globalisierten Welt herrsche ein globaler Steuerwettbewerb. Deshalb könne man zwar ein anderes Steuersystem gestalten, aber man brauche dabei "Maß und Mitte".

Gut findet Fratzscher hingegen Pikettys Idee des "Erbes für alle" - jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. "Ich würde es wahrscheinlich begrenzen", sagt er. Aber: "Etwas zu erben, gibt Menschen eine Chance." 

(uko)

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