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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 13.08.2020

Diversität in den MedienLippenbekenntnisse reichen nicht

Ein Standpunkt von Jasamin Ulfat-Seddiqzai

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Sonequa Martin-Green steht in einem bläulichen futuristischen Ambiente. (CBS/Netflix/Michael Gibson)
Die Netflix-Serie "Star Trek: Discovery": Es braucht mehr als Diversität um der Diversität willen, sagt Jasamin Ulfat-Seddiqzai. (CBS/Netflix/Michael Gibson)

Die Zahl schwuler, schwarzer oder transsexueller Figuren in Filmen, Serien und Games steigt. Viel zu viele Autoren geben sich aber alleine damit schon zufrieden, sagt die Literaturwissenschaftlerin Jasamin Ulfat-Seddiqzai.

Neuestes Opfer der Political Correctness schien "The Last of Us II" zu sein, der Nachfolger eines extrem erfolgreichen Zombieapokalypse-Videospiels. Nachdem ein Mitarbeiter Ende April Szenen der Fortsetzung im Internet leakte, erfuhren die Fans, dass nun ein lesbischer Charakter die Hauptrolle bekommt. So fiel das Spiel bereits vor der Veröffentlichung bei vielen durch.

Die lautesten Kritiker der Gamerszene riefen die Fans dazu auf, dass Spiel zum Ladenhüter zu machen, weil wieder einmal eine linke Agenda ein beliebtes Spiel zu zerstören drohe.

Der Einfluss der toxischen Fans

Fernseh- und Spielemacher erfinden heute oft Charaktere, die homosexuell, weiblich, of Color oder am besten alles zusammen sind, um dem traditionellen weißen Helden etwas entgegenzusetzen. Anbieter wie Netflix haben jetzt sogar entsprechende Klassifikationen, sortieren Filme nach starken weiblichen oder schwarzen Charakteren.

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Kritiker behaupten, diese Filme werden nach Agenda gedreht. Andere erwidern, dass nur reaktionäre Fans mit den neuen Charakteren nichts anfangen könnten.

Wenn aber Fortsetzungen beliebter Klassiker wie "Star Trek" oder "Doctor Who" floppen, nachdem sie weibliche und homosexuelle Protagonisten einsetzen – liegt das wirklich nur an einer kleinen Gruppe toxischer Fans?

Lippenbekenntnisse zur Diversität

In amerikanischen Polizeiserien der Neunziger tummelten sich viele harte Jungs – und manchmal auch eine Frau. Meist war sie sexy und demonstrierte ihre übernatürliche Stärke in schlecht choreografierten Kampfszenen, kannte außerdem sämtliche Footballstatistiken auswendig.

Das änderte sich in den folgenden Jahren wenig: Man erzählte die gleichen Geschichten, quetschte weibliche oder schwarze Charaktere nur dazwischen. Es wurde zum "Running Gag", dass im Horrorfilm der Achtziger der unwichtige schwarze Charakter als erstes starb.

Solche Tokens dienen als Feigenblatt, um zu verschleiern, wie homogen die Filmlandschaft ist. Tokens sind nervig und eindimensional. Ähnlich der Regenbogenfahne, die sich große Firmen einmal im Jahr ans Logo kleben, sind sie nicht mehr als ein Lippenbekenntnis zu Diversität.

Sigourney Weaver packte schon in den 70ern zu

Es gibt aber auch gute Beispiele. In der TV-Serie "The Wire" raubt der robin-hood-artige Charakter Omar nicht nur große Drogenbosse aus, er lebt auch offen schwul. Schon Ende der Siebziger konnte sich Sigourney Weaver in den "Alien"-Filmen als Actionstar behaupten, gegen muskelbepackte Übermänner wie Schwarzenegger oder Chuck Norris.

Sigourney Weavers Gesicht durch einen Astronauten-Helm zu sehen. (dpa-Film Fox)Sigourney Weaver setzte sich als Ripley in den "Alien"-Filmen schon lange vor heutigen Debatten als Actionheldin durch. (dpa-Film Fox)

Omar und Weaver’s Ripley sind spannende, beliebte Charaktere. Dass sie anders aussehen als der Durchschnittszielgruppenmann wurde unwichtiger, sobald das Schicksal der Figuren fesselte.

Diversität als billiger Effekt

Heute scheinen viele Filmemacher die Versäumnisse der letzten Jahre ausgleichen zu wollen, indem sie ihre Helden völlig überzeichnen. Dann wachsen Charaktere nicht mit der Geschichte, sie sind wandelnde Ausrufezeichen, ihre Diversität nur billiger Effekt.

Bestes Beispiel dafür ist Alax Kurtzmans Neuinterpretation des "Star Trek"-Universums. In der Serie "Stark Trek: Discovery" wird die schwarze Protagonistin nachträglich zur Hauptfigur des Universums, ist allein verantwortlich für viele wichtige Entwicklungen des Kanons der letzten 50 Jahre. Als sich im Staffelfinale von Kurtzmans zweiter neuer Serie "Star Trek: Picard" zwei weibliche Figuren näherkommen, die zuvor kaum ein Wort miteinander gewechselt hatten, war es nicht ihre Homosexualität, die störte, sondern die absolute Lieblosigkeit der Szene.

Kurtzman geht es um das Einläuten einer neuen Ära. Verrisse lässt er an sich abprallen, erklärt jeden der vielen Kritiker einfach zum Fortschrittsfeind.

Die große Diversity-Mode

Eigentlich hätte "The Last of Us II" also floppen müssen, tatsächlich wurde es ein Verkaufsschlager. Denn die Figuren sind nicht einfach nur homosexuell: Kreativdirektor Neil Druckmann schuf glaubhafte Charaktere. Seine Protagonistin Elli leidet unter posttraumatischer Belastungsstörung und ist neben vielen anderen Dingen eben auch lesbisch.

Platte Charaktere schaden der Idee von mehr Diversität. Schlechtgeschriebene schwule Charaktere nerven nicht, weil sie schwul sind, sondern weil ihre Schöpfer faul erzählen.

Wahrscheinlich werden die spannendsten diversen Charaktere erst dann wieder entstehen, wenn die große Diversity-Mode vorbei ist.

Jasamin Ulfat-Seddiqzai posiert für ein Pressebild. (Foto: privat)Die Autorin (Foto: privat)Jasamin Ulfat-Seddiqzai lehrt und forscht an der Universität Duisburg-Essen zu britischer Literatur im 19. Jahrhundert. Ihre Schwerpunkte umfassen dabei Themen wie Orientalismus, Stereotypenbildung und Männlichkeitsbilder, insbesondere im Kontext der Anglo-Afghanischen Kriege, über die sie derzeit ihre Dissertation schreibt. Ihre journalistischen Texte behandeln Xenophobie, Frauen im Islam oder das Kopftuch und erschienen bisher in der "taz" und der "Rheinischen Post".

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