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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.08.2011

Distanzierter Blick auf die indische Heimat

Pankaj Mishra: "Lockruf des Westens. Modernes Indien", Berenberg Verlag, Berlin 2011, 208 Seiten

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Indien: zwischen Traditionsbewusstsein und Wirtschaftswachstum. (AP)
Indien: zwischen Traditionsbewusstsein und Wirtschaftswachstum. (AP)

Der Essayist und Schriftsteller Pankaj Mishra lebt in Indien und London. Er sieht sich als Mittler zwischen den Kulturen und beschreibt in Reportagen in seinem Buch "Lockruf des Westens. Modernes Indien" anschaulich und informativ die Entwicklung seines Heimatlandes.

Der Autor dieser vier autobiographisch geprägten Essays ist Inder, geboren "im dritten Jahrzehnt von Indiens Unabhängigkeit". Und er ist in der Welt herumgekommen. Er liebt sein Land und er betrachtet es gleichzeitig mit distanziertem Blick. Er versteht, was Fremde nicht begreifen können, er weiß um die immer wieder unüberbrückbare Kluft zwischen Traditionsbewusstsein und Wirtschaftswachstum, zwischen der Prosperität der Megastädte und der armen Landbevölkerung.

Es ist hilfreich, diese Reportagen zu lesen, wenn man verstehen will, wie sich das riesige Land entwickelt. Immer mehr Menschen reisen nach Indien, inzwischen sind auch die täglichen Flugverbindungen nach Russland ausgebucht, die Strände in Goa und Südindien überfüllt und die Touristen staunen begeistert über die farbenfrohe Fremdartigkeit. Von den Konflikten zwischen Muslimen und Hindus liest man in der Zeitung. Die Bombenattentate in Mumbai passen ins Bild des weltweit agierenden islamistischen Terrors.

Dass jedoch die Geschichte zwischen Muslimen und Hindus anderen Gesetzen unterliegt, dass die historische Dimension in Indien anders ist als überall sonst auf der Welt, davon berichtet der kluge Autor anschaulich und informativ. Interessant auch, wie er das indische Prinzip der Demokratie anhand von Provinzwahlen schildert. Westlichen Vorstellungen von demokratischen Spielregeln entspricht das nicht. Auch wird unser Bild der großen Indira Gandhi (1917-1984), der langjährigen Premierministerin, relativiert. Korruption und Schmierenkomödiantentum sind an der Tagesordnung.

Wir wissen wenig von Hindu-Nationalisten, von deren totalitären Strukturen und antimuslimischen Programmen. Und dass die "Hälfte aller indischen Kinder unterernährt ist und jährlich über eine halbe Million von ihnen an Diarrhö stirbt", passt nicht zu unserem Bild von der aufstrebenden Hightech-Nation.

Besonders aufschlussreich ist Mishras Bericht über und aus Bollywood, das ja auch hierzulande immer mehr Anhänger hat und deren Filmproduktion die Hollywoods längst übersteigt: "In Indien werden jedes Jahr mehr Filme produziert als in jedem anderen Land - bis zu 1000 in den verschiedenen indischen Sprachen.... Heute sind in der indischen Filmbranche bis zu sechs Millionen Menschen beschäftigt." Dass ein Mann acht Jahre vor der Tür eines Studios steht und darauf wartet, ins Büro des Produzenten vorgelassen zu werden, weil er überzeugt ist, nur er könne ihm den Eintritt ins geheiligte Kino-Land verschaffen, das ist eine der unglaublichen Geschichten, von denen Pankaj Mishra erzählt. Die Begegnung mit diesem geduldigen Mann verwischt die Spuren zwischen Mythos und Realität auf eine Weise, die wahrscheinlich nur in Indien möglich ist.

Besprochen von Manuela Reichart

Pankaj Mishra: Lockruf des Westens. Modernes Indien
Aus dem Englischen von Matthias Wolf
Berenberg Verlag, Berlin 2011
208 Seiten, 24.- Euro

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