Seit 01:05 Uhr Tonart

Dienstag, 13.11.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Tonart | Beitrag vom 03.08.2015

"Distance" von Martin Tingvall Die Schönheit der Ruhe

Von Matthias Wegner

Martin Tingvall (Jenny Kornmacher)
Martin Tingvall (Jenny Kornmacher)

In der Jazzszene wird Martin Tingvall für seine starken Melodien gefeiert. Lange war der schwedische Pianist als Trio unterwegs, mit seinem Album "Distance" ist er als Solist auf der Suche nach Entschleunigung.

Seit Jahren bereichert der schwedische Pianist Martin Tingvall die internationale Jazzszene mit starken Melodien und einer sehr fein ausdifferenzierten Spielweise. Bislang ist Tingvall vor allem mit seinem Trio in Erscheinung getreten, doch dem Wahl-Hamburger reicht das Trio-Format nicht aus.

Neben Filmmusiken und Kompositionen für den Sänger Udo Lindenberg hat er seit ein paar Jahren auch seine Freude am Solo-Klavier entdeckt. Auf seinem neuen Album "Distance" möchte Martin Tingvall Brücken zwischen Menschen schlagen und ihnen ein Stück Alltagshektik nehmen.


Beitrag im Wortlaut:

"Die Gefahr ist für mich, wenn ich Solo spiele, dass, wenn ich wenig spiele, die Hörer, das langweilig finden. Dann fängt man an zu viele Noten zu spielen und zu viele Töne, das wird unruhig, zu wenig Pausen, die Musik atmet nicht. Und das ist für mich eine große Gefahr. Genau das ist das Ding: Man muss sich die Ruhe lassen und Platz lassen in der Musik."

Lange bevor im Jahr 2012 das erste Solo-Album von Martin Tingvall herauskam,  hat der Wahl-Hamburger schon regelmäßig Solostücke geschrieben und die meisten seiner Ideen – auch für andere Projekte – alleine am Flügel entwickelt. Insofern ist das Solo-Spiel für ihn zwar nichts wirklich Neues, auf Albumlänge aber durchaus eine große Herausforderung.  

Den Albumtitel "Distance" hat Martin Tingvall dabei sehr bewusst gewählt. Er wollte mit seiner entspannten Klaviermusik Abstand von der Alltagshektik nehmen und war auf der Suche nach Entschleunigung und wollte nicht mehr ständig erreichbar sein. Es seien verschiedene Arten von Distanz gemeint, aber …

"… der Kern des Albums ist … Also ich will ein kleines Zeichen setzen, gegen diese Entfernungen, gegen die Distanz, die zwischen den Menschen entsteht. Und meinen Hörern eine kleine, ruhige Stunde geben, um zu sich zu kommen und vielleicht dann endlich mal wieder Zeit haben, um ihre Freunde anzurufen oder sogar treffen. Was ein Höhepunkt wäre."

Von der Natur inspiriert

Wie schon häufiger in der Vergangenheit fand Martin Tingvall auch für das neue Album wieder viele Inspirationen in der Natur. Zur Vorbereitung auf das Album zog es ihn diesmal nach Island, wo er schnell fand, was er suchte: einerseits Ruhe, andererseits eine beeindruckende Natur. Die Ideen kamen von ganz alleine.

"Ich habe in mein Telefon was eingepfiffen oder eingemurmelt ... gejault vielleicht – ich bin kein Sänger. Und dann weiter gearbeitet zu Hause."

In Hamburg also, wo Martin Tingvall seit Jahren 1999 lebt, hat er seine Ideen weiterentwickelt und vor allem lange an einer überzeugenden Dramaturgie gearbeitet. Und: Martin Tingvall ist ein Perfektionist. Er spielt zwar oft aus dem Bauch heraus, aber die Vollendung eines Songs und eines ganzen Albums sind auch für ihn harte Arbeit. Martin Tingvall sucht dabei die Komplexität in der Einfachheit – und stellt sich der Herausforderung in dieser oft sehr minimalistischen Musik, die Spannung zu halten.  

"Ich vergleiche das oft mit einem Film. Es gibt Filme, die sind wunderschön – und es passiert nichts. Es ist nur ganz langsam. Aber trotzdem ist das wunderschön. Und diese Stimmung baut sich ganz langsam auf. Und ich habe viele Schwächen, ich habe aber auch ein paar Stärken und ich habe versucht, mit meinen Möglichkeiten, die Spannung zu halten. Mit den Kompositionen, aber auch mit der Art, mit der ich spiele."

Ruhige Grundstimmung

"Distance", das neue Album von Martin Tingvall, verströmt schier unaufhaltsam seine sympathisch ruhige Grundstimmung, doch dann taucht in der Mitte des Albums plötzlich ein Blues auf. Ein überraschender Moment, der für Martin Tingvall von großer Bedeutung ist, dramaturgisch, aber auch persönlich …

"Ich stehe sowieso auf Blues. Also nicht auf Jazz-Blues, sondern auf etwas ganz Einfaches und ich finde, das ist ein schöner Kontrast zu den anderen Sachen auf dem Album. Ich finde das passt sehr gut und bringt die anderen Sachen in ein anderes Licht."

Und in der Tat: Dieser Blues hat den Charakter einer Zäsur und erleichtert es Martin Tingvall danach seine Balladen weiter auszudifferenzieren. Denn auch wenn die ruhige Grundstimmung des Albums dann wieder aufgenommen wird – jedes dieser wunderschönen kleinen Stücke auf "Distance" hat seinen eigenen Charakter. Und wie Martin Tingvall das hinbekommt ist schon sehr beeindruckend. 

Mehr zum Thema:

Homepage von Martin Tingvall

Highlights - Jazz im August
(Deutschlandradio Kultur, Jazz, 20.07.2015)

Am Mikrofon - Das Tingvall Trio
(Deutschlandfunk, Klassik-Pop-et cetera, 26.07.2014)

Tonart

Kathleen Hanna "All Girls To The Front!"
Sängerin Kathleen Hanna bei einem Auftritt ihrer Band The Julie Ruin beim Øyafestivalen 2015 in Oslo. (dpa / Tord Litleskare/CITYPRESS24)

"Riot Grrrl" hieß die Bewegung, die Anfang der 90er-Jahre allzu männliche Gewissheiten des Punks erschütterte. Maßgeblich daran beteiligt war die Band Bikini Kill um die Sängerin Kathleen Hanna. Die Vorkämpferin für feministische Themen im Punk wird heute 50 Jahre alt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur