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Interview | Beitrag vom 19.08.2020

Diskussion um Vier-Tage-WocheEin Arbeitsmodell, von dem viele gar nichts haben?

Thomas Rigotti und Hilmar Schneider im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Ein Großraumbüro mit vielen ARbeitsplätzen. (Unsplash / Alex Kotliarskyi)
Hilmar Schneider bezweifelt, dass viele Angestellte in einer Vier-Tage-Woche wirklich weniger arbeiten würden. (Unsplash / Alex Kotliarskyi)

Ist die Vier-Tage-Woche ein geeignetes Mittel, um gerade jetzt in der Coronakrise den Arbeitsmarkt zu stärken? Durchaus, meint der Arbeitspsychologe Thomas Rigotti und beruft sich auf Studien. Auf gar keinen Fall, sagt der Ökonom Hilmar Schneider.

Viele Gewerkschaften halten die Vier-Tage-Woche für das Mittel der Wahl, um den Arbeitsmarkt zu stützen und zugleich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zufriedener zu machen. Was sagen ein Ökonom und ein Arbeitspsychologe dazu?

Der Ökonom Hilmar Schneider, Leiter des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, sagt klar: Nein. Und erläutert, warum es aus seiner Sicht nicht die richtige Maßnahme ist, um Jobs zu retten: "Selbst wenn es ohne Lohnausgleich vonstatten ginge, müsste man sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht klar machen, dass das für die Unternehmen ja trotzdem zusätzliche Kosten verursacht. Wenn man den gleichen Output erzielen will, braucht man mehr Leute. Das heißt, man hat mehr Rekrutierungsaufwand. Das ist gar nicht so billig, wie man vielleicht denken mag. Man braucht aber auch mehr Infrastruktur, mehr Kapazitäten in der Lohnbuchhaltung und alles Mögliche."

Kein Mittel in der Krise

Die Arbeitszeitverkürzung produziere also mehr Kosten. "Ich halte das, ehrlich gesagt, nicht für die richtige Maßnahme in einer Krise wie der jetzigen", betont Schneider.

Der Arbeitspsychologe Thomas Rigotti,  Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, hält dem entgegen: Das Prinzip der Vier-Tage-Woche sei nicht neu und bereits erprobt worden.

Es gebe dazu beispielsweise etliche US-Studien bereits aus den 1970er-Jahren. Diese zeichneten durchweg ein positives Bild "über eine Zunahme der Arbeitszufriedenheit, über geringe Absentismuswerte, über gleichbleibende, wenn nicht sogar gesteigerte Produktivität."

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Auch in Deutschland gebe es Beispiele, wie die Vier-Tage-Woche realisier- und offenbar auch finanzierbar sei: Volkswagen praktiziere dieses Modell schon seit längerem.

In einem permanenten Arbeitszustand

Der Ökonom Schneider bleibt jedoch skeptisch: Weil sich Erwerbstätigkeit mehr und mehr ändere – weg von der körperlichen, hin zu mehr "Kopfarbeit" – werde die Arbeit auch von ihrer Orts- und Zeitabhängigkeit befreit. Das bedeutet jedoch: "Die Leute sind in einem permanenten Arbeitszustand." Es werde immer schwieriger, Arbeit und Freizeit sauber voneinander zu trennen.

Schneiders These: "Wenn Sie in so einer Situation den Leuten auch noch eine Arbeitszeitverkürzung zumuten, kann ganz schnell eine Situation daraus werden, in der die Menschen genauso viel arbeiten wie vorher, weil sie gar nicht abschalten können, aber weniger Geld dafür bekommen. Ich weiß nicht, ob die Gewerkschaften ihren Mitgliedern einen Dienst damit erweisen."

(mkn)

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