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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.11.2017

"dis/order" über Kunst und Aktivismus in der Putin-ÄraWiderstand gegen Zensur zum Prinzip erhoben

Von Thomas Frank

Maskierte Künstlerinnen der feministischen Punk-Band "Pussy Riot" bei einer Aktion in einer Moskauer Kirche, 2012 (dpa / picture alliance / ITAR-TASS/ Mitya Aleshkovsky)
Sie sind unter den bekanntesten regimekritischen Künstlern und wurden zu zwei Jahren Haft verurteilt: Die Frauen der Punkband "Pussy Riot" (dpa / picture alliance / ITAR-TASS/ Mitya Aleshkovsky)

20 Jahre Putin als Präsident haben die russische Kunstszene nachhaltig verändert. Das Kulturfördersystem wird inzwischen staatlich kontrolliert und Regimekritiker drakonisch bestraft. Eine Schau in Aachen zeigt nun, was in Russland nicht mehr zu sehen sein darf.

Eine Metrostation in Moskau. Drei Frauen sind auf einen Kran geklettert. In bunten Kostümen und Sturmhauben. Sie spielen E-Gitarre und skandieren Parolen gegen das russische Wahlsystem. Polizisten sind inzwischen eingetroffen und fordern die Frauen auf, herunterzusteigen. Die Show sei beendet.

"Pussy versus Putin" nennt sich der Dokumentarfilm des russischen Filmemacher-Duos "Gogol’s Wives". Ein einstündiges Porträt über die feministische Punkrock-Band "Pussy Riot", die 2012 mit ihrem Anti-Putin-Protest in einer Moskauer Kirche weltweit bekannt wurde. Der Film begleitet die Aktivistinnen bei Proben, öffentlichen Auftritten, bei den Verhaftungen und dem Prozess. "Pussy Riot" zählt momentan zu den bekanntesten Protestkünstlern in Russland. Und das liegt vor allem daran, dass die Aktivistinnen von Putins Regime so hart bestraft wurden. Zwei Jahre Haft im Straflager. Ein Beispiel dafür, wie rau das Klima für Künstler und Aktivisten unter Putin geworden ist. 

"Also Anfang der 2000er sind zum Beispiel für Widrigkeiten im öffentlichen Raum Künstler mit einer geringen Geldstrafe abgestraft worden, während 'Pussy Riot' zweijährige Haftstrafen aufgebrummt bekommen haben."

...sagt Holger Otten, Kurator der Ausstellung "dis/order" im Aachener Ludwig Forum. Sie zeigt rund 50 Werke von Künstlern und Aktivisten in Russland seit 2000. Angelegt als Parcours, in chronologischer Abfolge. Es überwiegen dokumentarische Fotos und Filme von Protesten, Aktionen, Performances und Happenings. Vereinzelt finden sich auch Gemälde, inszenierte Fotografien oder Installationen. Ein spannender Überblick darüber, wie sich Kunst und Aktivismus in der Putin-Ära verändert hat. Deutlich wird aber auch, dass Aktionskunst in Russland schon eine lange Tradition hat:

"Die Kunst hat eine große Bedeutung für die Protestkultur in Russland, mehr noch Kunst, aber auch andere Sparten wie Theater oder Literatur sind zum Teil Initiatoren von Protesten, spielen eine zentrale Rolle."

Ein Novum in Russland 

Ende der 1990er Jahre lieferten die sogenannten Moskauer Aktionisten zwar provokante Performances. Sie zerschlugen etwa orthodoxe Ikonen mit der Axt oder sprühten Dollarzeichen auf Malereien von Kasimir Malewitsch. Doch die Künstler verstanden sich nicht als Systemkritiker. Zwar versank Russland unter Boris Jelzin im Chaos: Wirtschaftskrise, organisierte Kriminalität, Armut, zugleich gab es aber demokratische Reformen, Presse und Kunst konnten weitgehend frei agieren.

Das änderte sich 1999, kurz vor den Präsidentschaftswahlen. Es zeichnete sich ab, dass Putin gewinnen würde. Das Künstlerkollektiv "Außerparlamentarische Kontrollkommission" kletterte auf das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau und entfaltete Transparente. Darauf geschrieben: "Gegen alle". Sie riefen damit Wähler auf, gegen alle gelisteten Kandidaten zu stimmen.

Künstler mischten sich aktiv in das politische Geschehen ein - das gab es so noch nie in Russland. Wurde aber zum Normalfall, als Putin dann wie erwartet an die Macht kam. Etwa das Künstlerduo "Blue Noses" mit Fotografien von zwei sich küssenden Polizisten in einem verschneiten Wald oder von zwei sich küssenden Balletttänzerinnen, ebenfalls im Wald. Eine Anspielung darauf, wie rigide das Regime und die russisch-orthodoxe Kirche mit Homosexuellen umgehen:

"Die Fotografien machen sich nicht nur über die russische Kultur lustig. Sie sorgten für ein regelrechtes Politikum", ...

... sagt Tatiana Volkova, Kuratorin der Ausstellung. 

"Die russische Regierung hat verboten, die Fotografien in Frankreich in auszustellen. Sie sollten auf einer Schau über politische Kunst in Russland in Paris gezeigt werden. Dazu sollten die Fotos von der Tretjakow-Galerie in Moskau nach Frankreich wandern. Doch das russische Kulturministerium hat verboten, die Kunstwerke zu zeigen. Die Begründung: Die Fotos seien eine Schande für Russland."

Bis heute dürfen die Fotos von "Blue Noses" nicht gezeigt werden. Die Kuratoren der Aachener Schau tun es trotzdem. Widerstand gegen Zensur – das haben die Kuratoren zum Prinzip erhoben.

"Viele Werke, die wir hier ausstellen, sind entweder verboten oder nicht erwünscht. So auch der Dokumentarfilm über 'Pussy Riot'. Deswegen ist es wichtig, dass wir diese Ausstellung über russische Aktionskunst in Deutschland präsentieren können. Denn in Russland dürfte ich das nicht."

Eine Schau, die viel Zeit erfordert

Nachdem Wladimir Putin vor fünf Jahren erneut zum Präsidenten gewählt wurde, herrscht Resignation unter Künstlern und Aktivisten. Das gesamte Kulturfördersystem wird inzwischen staatlich kontrolliert, Regimekritiker werden drakonisch bestraft:

Holger Otten: "Das hat dazu geführt, dass es mehr und mehr Selbstzensur gibt in Institutionen, aber auch unter Künstlern, dass man sich zurücknimmt, oder aber auch sich neue Strategien auswählt, subversiver im Graubereich der Legalität zu agieren."

So etwa die inzwischen aufgelöste Künstlergruppe "Contemporary Art Terrorism". Unter Leitung des Kunstaktivisten Artjom Loskutow inszenierten sie in Nowosibirsk die sogenannten "Monstrations": ein Karneval, auf dem bunt kostümierte Menschen Plakate tragen, die in übertriebenem Maße die Regierungsarbeit bejahen, mit Sprüchen wie: "Wir folgen Dir überall hin, unser Präsident". Eine ironische, subversive Kritik am System. Die "Monstrations" sind inzwischen Kult und finden jährlich statt.

Die Aachener Schau ist ambitioniert: die Exponate werden mit viel Text angereichert. Doch ohne dieses Wissen sind die sozialpolitischen Hintergründe der Kunstwerke nur schwer zu verstehen. Eine Schau, die viel Zeit erfordert. Doch es lohnt sich, sie zu investieren.

Die Schau "dis/order" läuft noch bis zum 18.2.2018 im Ludwig Forum in Aachen. 

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