Seit 23:00 Uhr Nachrichten
Samstag, 23.01.2021
 
Seit 23:00 Uhr Nachrichten

Tonart | Beitrag vom 24.11.2020

Dirty Projectors: "5EPs"Die Summe der einzelnen Teile

Von Dennis Kastrup

Beitrag hören
Dave Longstreth spielt Gitarre bei einem Konzert von Dirty Projectors. (imago images / Votos-Roland Owsnitzki)
Dave Longstreth ist die einzige Konstante in der Band Dirty Projectors. In der neuen Zusammensetzung gibt es gleich fünf EPs. (imago images / Votos-Roland Owsnitzki)

Die Band Dirty Projectors wechselt immer wieder die Mitglieder, nur Dave Longstreth bleibt die Konstante. Neun Alben sind so bereits entstanden. Seit März veröffentlicht Longstreth alle paar Wochen eine EP, nun ist das Gesamtwerk "5EPs" erschienen.

"Es herrschte eine neue Energie in der Band mit drei neuen Mitgliederinnen: Felicia Douglas, Kristin Slipp und Maia Friedman. Der Gesang der Dirty Projectors hat viele Harmonien, dreistimmig und vierstimmig. Und als wir daran arbeiteten, habe ich gedacht, dass es doch toll wäre, wenn jede Stimme alleine singen würde, also wenn jede irgendwie Leadsängerin der Band wäre."

Gesagt getan. Dave Longstreth schrieb neue Stücke und kramte gleichzeitig in alten Demos. 20 Songs sind es geworden, vier Stücke auf jeder EP. Jede einzelne trägt einen anderen Namen: "Windows Open", "Flight Tower", Super Joao", Earth Crisis" und "Ring Road".

"Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Konzept ist. Es gibt da keine einheitliche Geschichte, sondern ein Gerüst, mit dem wir unterschiedliche Stile, Gefühle, Stimmungen und Strukturen entdecken können."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Begleitet von Drummer Mike Johnson prägt jede Sängerin mit ihrem Gesang jeweils eine EP. Auf einer singt Longstreth alleine, auf der letzten harmonieren alle zusammen. Das Schreiben der Texte war eine Gemeinschaftsarbeit. Jede und jeder konnte persönliche Erfahrungen einbringen und verarbeiten. Inhaltlich dreht es sich unter anderem um klassische Probleme in Beziehungen, oder auch um größere Themen wie die Klimakrise.

"Weil wir die Texte zusammen geschrieben haben, gab es nicht DIE eine Person, die bewusst entscheiden hat, was das zu bedeuten hat und was nicht. Die Texte sind also generell sehr offen. Vieles ist möglich. Vielleicht steckt da auch die Idee eines Schwellenzustands drin: Also wo fängt der Text an und wo endet er? Das ist ein bisschen unklar. Und das ist ein Grund, warum ich die Songs so mag."

Vorliebe für vielschichtige Musik

Diese Aussage könnte man auch auf die Musik der vergangenen Alben übertragen. Longstreth hat immer schon eine Vorliebe für äußerst komplexe und vielschichtige Musik gehabt. Seine Songs tauchten bewusst in viele unterschiedliche musikalische Stile ein und waren schwer nur einem Genre zuzuordnen. Bei den "5EPs" bricht der Amerikaner mit dieser Tradition. Die Stile sind deutlich erkennbar, weil jede einzelne EP unterschiedlich ist: Folk, Pop, Bossa Nova, Experimentell und Indie.

"Ich finde es bei diesen EPs ein wenig lustig, dass die stilistischen Wechsel sich von jeder EP deutlich unterscheiden, anstatt dass jeder einzelne Song diese einzelnen unterschiedlichen Zutaten enthält. Es ist also ein bisschen organisierter. Ich schaue da aber als Ganzes drauf und sehe diese unterschiedlichen Strukturen, Stimmungen und Stile. Alle diese unterschiedlichen Erzählstränge sind miteinander verbunden."

Treuer Begleiter ist die Nylongitarre

Dabei hört man Inspirationen von Longstreth, die er oft auch für seine vorherigen Alben nennt: Er hat sich unter anderem an den Streicherarrangements von Igor Stravinsky, der Filmmusik von Aaron Copland und der Orchestrierung von Gustav Mahler orientiert. Harry Belafonte taucht in den Credits genauso auf wie Maurice Ravel.

Besonders offensichtlich wird es bei der EP "Super João", eine Hommage an den brasilianischen Songschreiber João Gilberto: Sehr reduzierte Akustik-Songs, bei denen neben dem Gesang nur seine Nylongitarre zur Geltung kommt. Sie ist seit Jahren ein treuer Begleiter und oft auch der Ursprung seiner Stücke.

"Für mich steckt da alles drin. Sie kann alles sein: Simpel, aber zur selben Zeit auch so reich an Ideen. Ich liebe die Gitarre, um damit zu schreiben. Und doch hat es nicht viel Dirty Projectors Musik gegeben, die das deutlich zeigt. Sie scheint aber der Grundpfeiler dieser EPs zu sein."

Mit der Veröffentlichung von "5EPs" bricht Dave Longstreth die Songs der Dirty Projectors auf unterschiedliche Genres runter. Damit dekonstruiert er seine Musik und legt ihre Einflüsse offen. Die Reduktion ist ein Experiment, und das wiederum stellt eine neue Etappe, eine Weiterentwicklung des Schaffens der Band dar.

Insbesondere für Fans ist das ein aufregendes Bekenntnis, denn die Aufnahmen dokumentieren das Kennenlernen der neuen Dirty Projectors, also die Interaktion der Musiker und Musikerinnen. Und genau dieser Prozess hat Dave Longstreth am Ende gezeigt, "dass wir eine gute Band sind und es toll wäre, irgendwann auf Tour zu gehen und die Songs zusammen zu spielen."

Mehr zum Thema

Neues Album der Dirty Projectors - Lässiger Protest
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 13.7.2018)

Dirty Projectors - Postmoderne Liebeslieder
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 23.2.2017)

Modulare Synthesizer - Ist das noch Physik oder schon Musik?
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 4.12.2018)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur