Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 08.12.2019
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Konzert / Archiv | Beitrag vom 24.11.2019

Direkt aus der Großen Synagoge BaselWie Jesaja sagte

Moderation: Volker Michael

Beitrag hören
Sänger der Knabenkantorei Basel bei ihrem Adventskonzert 2018 (Jean Jacques Schaffner/Knabenkantorei Basel )
Sänger der Knabenkantorei Basel bei ihrem Adventskonzert 2018 (Jean Jacques Schaffner/Knabenkantorei Basel )

Die Martinů Festtage Basel enden spektakulär: Erstmals gibt es in der Großen Synagoge der Stadt ein Konzert. Biblische Gesänge von Petr Eben, Maurice Ravel, Darius Milhaud und Viktor Ullmann gruppieren sich um Martinůs "Weissagung des Jesaja".

Der Komponist Viktor Ullmann stand dieses Jahr im Fokus der Martinů Festtage Basel. Er war ebenso wie Namensgeber Bohuslav Martinů tschechischer Herkunft. Der Schüler von Arnold Schönberg und Alois Hába lebte in verschiedenen Städten Mitteleuropas als Musiker und Komponist, ab 1933 in Prag, wo er zuvor schon am Neuen Deutschen Theater mit Anton Webern und Alexander von Zemlinsky gearbeitet hatte. 1942 wurde er ins KZ Theresienstadt deportiert, wo er mit Kollegen das musikalische Leben gestaltete, als Akt der menschlichen Selbstbehauptung. Sein Leben endete gewaltsam nach der erneuten Deportation im KZ Auschwitz.

Der tschechische Komponist Bohuslav Martinu. (CTK Photo/dpa)Der tschechische Komponist Bohuslav Martinu. (CTK Photo/dpa)

Anlass für die programmliche Gestaltung des Abschlusskonzerts ist Bohuslav Martinůs Werk "Weissagung des Jesaja" für Soli, Männerchor, Viola, Trompete, Klavier und Pauke, eine Art Schwanengesang. Martinů hat diese biblischen Gesänge in der Nähe von Basel komponiert und nicht vollenden können, bald darauf starb er in Liestal. "Nach den apokalyptischen Vorstellungen des Zorns und der Zerstörung fehlen die Worte der Erlösung und der Versöhnung, die für einen Martinů das unentbehrliche Gegengewicht bilden." So schildert Martinůs Biograf Harry Halbreich die absurde Situation, dass der ansonsten als fröhlich und unbeschwert geltende Komponist dieses Werk in dem Moment abzubrechen gezwungen war, als er die Apokalypse in eine Verheißung hätte wandeln können.

Gesänge auf Jiddisch und Hebräisch

Für einen Männerchor und einen Kinderchor in Theresienstadt komponierte Viktor Ullmann sechs Gesänge in jiddischer und hebräischer Sprache. Für die jungen Stimmen schrieb Ullmann drei hebräische Stücke auf religiöse und weltliche Texte und widmete sie seinem Sohn Max, der in dem Knabenchor mitwirkte. Auch Max wurde in Auschwitz ermordet.

Aus Frankreich kommen weitere Beiträge in diesem vielfältigen Programm - zwei hebräische Lieder Maurice Ravels, wobei nur das eine wirklich in hebräischer Sprache ist, das andere wahlweise auf Französisch oder Jiddisch zu singen. Darius Milhaud vertonte den 121. Psalm für Männerchor.

Biblische Figuren in zeitgenössischer Musik

Der einzige wahrhaft religiöse Komponist in diesem Programm stammt aus Tschechien. Petr Eben war Organist und Komponist, Hochschullehrer und ab 1990 Leiter des berühmten Festivals "Prager Frühling". Er schrieb ebenfalls einen Männerchor auf einen aramäischen Text - Chad Gadyoh - eigentlich ein Kinderreim über ein Lämmchen, das von einer Katze gefressen, die von einem Hund gefressen, der von einem Stock verprügelt wird.

Zwei weitere biblische Figuren erscheinen in Werken Petr Ebens - im Lied der Ruth wird der Frau gedacht, die sich als "Fremde" ganz in das Volk der Hebräer integriert hat und zur Urgroßmutter König Davids wurde. Den legendären Besuch König Sauls bei der Prophetin (bei Händel heißt sie Hexe) in En-Dor hat Petr Eben als dramatisches Allegro für Violine und Klavier vertont.

Premiere in der Großen Synagoge Basel

Beim allerersten Konzert, das in der 150 Jahre alten Großen Synagoge Basel stattfindet, singen die Herren des WDR Rundfunkchors unter Leitung ihres zukünftigen Chefdirigenten Nicolas Fink und die jungen Stimmen der Knabenkantorei Basel unter Leitung von Katharina Haun. Festivalleiter Robert Kolinsky wird selbst spielen, außerdem hat er Musiker und Vokalisten eingeladen, die sich gern für dieses besondere Programm engagiert haben.

Martinů Festtage Basel
Live aus der Großen Synagoge Basel

Einführung durch Rabbiner Dr. Moshe Baumel

Petr Eben
"Chad Gadyoh" für Männerchor a cappella

Maurice Ravel
"Deux mélodies hébraïques" für Gesangsstimme und Klavier

Darius Milhaud
121. Psalm für Männerchor op. 72

Petr Eben
"Lied der Ruth" (Gesang zur Trauung) für tiefere Stimme und Klavier

Viktor Ullmann
Drei hebräische Knabenchöre a cappella 
Drei jiddische Männerchöre a cappella

Petr Eben
"Saul bei der Prophetin in En-Dor - Fresco aus dem Buch Samuel" für Violine und Klavier

Bohuslav Martinů
"Weissagung des Jesaja" für Soli, Männerchor, Viola, Trompete, Klavier und Pauke H. 383

Bruno de Sá, Sopran
David Feldman, Countertenor
Tal Koch, Tenor
Marc-Olivier Oetterli, Bariton
Nitzan Bartana, Violine
Dominik Ostertag, Viola
Huw Morgan, Trompete
Robert Kolinsky, Klavier
Domenico Melchiorre, Pauken
Knabenkantorei Basel
Leitung: Katharina Haun
WDR Rundfunkchor
Leitung: Nicolas Fink

Mehr zum Thema

Martinů-Festtage Basel - Cellowerke des Tschechen
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 02.12.2018)

Meisterwerk aus Theresienstadt - Viktor Ullmanns Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“
(Deutschlandfunk Kultur, Musikfeuilleton, 11.10.2019)

Stadtrundgang - Digitaler Streifzug durch Basel
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 10.10.2014)

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur