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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.08.2016

Digitalradiotag"DAB+ ist die Technologie der Zukunft"

Willi Steul im Gespräch mit Nana Brink

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(Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Willi Steul ist seit 2009 Chef vom Deutschlandradio (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)

Das digitale Radio, DAB, bietet eine klare Audioqualität und größere Programmvielfalt gegenüber UKW. Trotzdem besitzen nur zehn Prozent der deutschen Haushalte ein DAB-Gerät. Woran das liegt und wie man die Entwicklung vorantreiben kann, darüber spricht der Intendant des Deutschlandradios Willi Steul.

Nana Brink: Alles soll ja digital sein heute. Wir haben uns in dieser Sendung ja schon mit den Streaming-Diensten für Filme beschäftigt, nachzulesen ist das Interview bei uns auf der Website. Und natürlich will auch das Radio digital daherkommen: DAB, Digital Audio Broadcasting. Mittlerweile sind ja die Endgeräte schon zwischen 30 und 100 Euro zu haben, das war ja immer so ein Hindernis für die Verbreitung, aber trotzdem sind nur zehn Prozent aller deutschen Haushalte im Besitz eines DAB-Gerätes. Und um das zu ändern, beschäftigen sich die ARD und Deutschlandradio heute mit dem Digitalradio. Und ein großer Verfechter ist der Intendant des Deutschlandradios, Willi Steul. Schönen guten Morgen hier in "Studio 9"!

Thementag: Thema "DAB+" - Digital ist besser

Willi Steul: Guten Morgen! Und ich würde schon mit Ihnen wetten, dass es Ende des Jahres fünfzehn Prozent sind

Elende Diskussion verzögert Entwicklung

Brink: Fünfzehn Prozent... Warum sind es nur zehn, warum sind es eigentlich so wenig?

Steul: Na ja, dieses DAB+ in dieser Qualität, in dieser Technologie... Es gibt ja erst die Sendemasten, über die ausgestrahlt wird, seit August 2011. Das heißt, wir reden hier über vier Jahre Entwicklung und Sie können nicht erwarten, dass das in vier Jahren sozusagen wirklich weiter ist. Es wäre weiter, wenn man diesen Streit nicht hätte und diese elende Diskussion, ob man soll oder nicht und ob wir DAB brauchen oder nicht. Wenn wir die nicht hätten, wären wir schon sehr viel weiter. In der Schweiz, wo es den Streit zwischen den Partnern – also das sind das private Radio und das öffentlich-rechtliche – nicht gibt, wo man an einem Strang zieht und entschieden hat, dass tatsächlich DAB+ die Technologie der Zukunft ist, da wird man im Jahr 2024 beginnen, langsam Schritt für Schritt den UKW-Betrieb einzustellen und dann wird man in der Schweiz nur noch auf DAB senden.

Zu sehen ist das Digitalradio-Logo

Thementag - Radio der Zukunft

Brink: Sie haben ja schon beschrieben, es gibt diesen großen Streit. Wo liegen denn die Vorzüge von DAB+?

Steul: Ich nenne Ihnen mal ein griffiges Beispiel im Deutschlandradio: Wir bespielen heute, ich glaube, es sind 321 UKW-Frequenzen und die Verbreitung unserer Programme kostet uns zwischen 36 und 38 Millionen, das schwankt immer mal wieder ein bisschen. Und wir erreichen mit Deutschlandradio Kultur bedauerlicherweise nur 60 Prozent der Menschen, alle zahlen aber Rundfunkgebühr und mit dem Deutschlandfunk sind es 70 Prozent. Mit DAB+ sind es 100 Prozent dann, wenn wir das Netz ausgebaut haben und dann kostet uns das statt zwischen 36 und 38 Millionen nur noch zwischen 21 und 23 Millionen. Das ist sehr relevant. DAB verbraucht erheblich weniger Strom und es ist von der Qualität her absolut stabil. Die Kritik bezieht sich vor allen Dingen darauf… Erstens sagen die "Internet-Aficionados", alles hört ja über IP-Radio. Nur da vernachlässigen sie, dass das Kosten sind. DAB, das haben Sie mit der Rundfunkgebühr bezahlt und wenn Sie über Ihr Handy Radio hören im Internet, dann werden Sie sehen, wie Ihnen die Flatrate in die Knie geht. Weil schon mit wenigen Stunden Betrieb am Tag werden Sie über Ihre Flatrate hinauskommen und dann kostet es richtig Geld.

Technologie von gestern?

Brink: Das ist ja die Kritik, weil Sie das Internet irgendwie angesprochen haben. Die Kritik bezieht sich ja nicht nur darauf, dass es im Internet ist, dass man sich auch das dann runterlädt und anhört, was man möchte, sondern dass die Technologie auch von gestern ist.

Steul: Das Argument habe ich noch nicht gehört, dass die Technologie von gestern ist. Nein. Man sagt, das braucht man nicht, weil anders geht es sowieso über das Internet und das ist falsch. Versuchen Sie einmal – das Internet bricht Ihnen zusammen –, an Silvester zwischen Mitternacht und zwanzig vor eins mit Ihrer Familie zu telefonieren, dann werden Sie merken, was das Internet für eine Beschränkung hat. Und im Katastrophen- und im Krisenfall ist das Internet das Erste, was abschaltet. Und dann können Sie nur über ein proprietäres, also dem Rundfunk gehörendes Verbreitungssystem arbeiten. Lassen wir dieses Thema, ich könnte jetzt ungefähr noch eineinhalb Stunden mit Ihnen über diese Dinge reden. Es ist auch viel Unfug, was geschrieben und gesagt wird über DAB und warum das Internet so toll ist.

Ich glaube mittlerweile, das Internet ist ja ein Mythos. Niemand von uns begreift dieses Internet in seinen technischen Möglichkeiten und in seiner Komplexität wirklich. Man ordnet ihm mittlerweile eine Fähigkeit zu, als könne das vor allen Dingen mit Kommunikation alles lösen. Dies ist ziemlicher Unfug. Und wir sehen auch diese gigantische Wahlmöglichkeit, die die Menschen natürlich haben. Über das Internet können Sie sich 3.000, 4.000, 5.000 und mehr Radioprogramme holen. Menschen, die über die DAB-Radios verfügen, UKW und WLAN, experimentieren ein paar Wochen lang mit Reggae aus Jamaika und Ukulele-Programmen aus Uruguay und finden am Ende zu ihren wenigen zwei, drei, vier präferierten Programmen zurück und die hören sie dann ausschließlich über DAB.

Politik muss Lokalbetreiber unterstützen

Brink: Blicken wir noch mal ganz kurz in die Zukunft: Wird dieser Streit sich lösen?

Steul: Der wird sich lösen. Es wird nur ein bisschen dauern.

Brink: Wie wird er sich lösen?

Steul: Ja, ich glaube auch, vor allen Dingen gegenüber den kleinen Lokalbetreibern mit Radioprogrammen, dass man denen gegenüber von der Politik aus unter die Arme greifen müssen wird, damit sie Modelle entwickeln können. So war es auch bei der digitalen Umstellung zum Fernsehen, dass man hier Subventionsmöglichkeiten gibt. Man kann diese berühmte digitale Dividende dafür benutzen, in der Versteigerung von Netzen, da gibt es also Möglichkeiten. Und wir sehen das in Großbritannien, wo schon mehr als 50 Prozent der Menschen digital hören, wo fast kein Auto mehr verkauft wird, ohne dass das Radio dort drin DAB+-fähig ist. Es braucht seine Zeit, und wir werden auch in … Ich bin da ganz optimistisch. Wir brauchen unsere Zeit, aber wir werden auch in Deutschland dazu kommen.

Brink: Vielen Dank! Der Intendant des Deutschlandradios Willi Steul über das DAB+, das Digital Audio Broadcasting, die Technik der Zukunft – zumindest für ARD und Deutschlandradio.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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