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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.10.2016

"Digitalpakt" für SchulenWas heißt Bildung in einer digitalisierten Gesellschaft?

Rudolf Kammerl im Gespräch mit Nana Brink

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Friedrich-Gymnasium in Freiburg / Baden-Württemberg: Physiklehrer Patrick Bronner unterrichtet seine Klasse in einem Pilotprojekt mit einem Tabletcomputer. Die Schüler erarbeiten Ergebnisse mit dem Smartphone. (picture alliance / dpa)
Friedrich-Gymnasium in Freiburg / Baden-Württemberg: Physiklehrer Patrick Bronner unterrichtet seine Klasse in einem Pilotprojekt mit einem Tabletcomputer. Die Schüler erarbeiten Ergebnisse mit dem Smartphone. (picture alliance / dpa)

Die Lehrerausbildung müsse angesichts der Herausforderungen der digitalen Zukunft verändert werden, fordert der Medienpädagoge Rudolf Kammerl. Notwendig sei auch eine Diskussion über die Erweiterung des schulischen Fächerkanons.

Wie kann sich die Schule den Herausforderungen der digitalen Zukunft besser stellen? Rudolf Kammerl, Professor für Medienpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, hat eine verändertes Bewusstsein auch für die Lehrerausbildung gefordert.

Notwendig seien nicht nur Investitionen im Bereich der Technik, sondern auch bei der Lehrerbildung, sagte Kammerl im Deutschlandradio Kultur.  Es gehe es auch um die Entwicklung neuer didaktischer Konzeption zu digitalen Medien. Dabei müsse eine bestimmte Frage diskutiert werden:

"Was heißt eigentlich Bildung in einer Gesellschaft, die zunehmend von Digitalisierung geprägt ist?"

Nachdenken über ein Fach "Medien"

Kammerl sprach sich auch für eine Diskussion über die Erweiterung des schulischen Fächerkanons aus:

"Eine Deutschlehrerin kann wahrscheinlich nicht gut erklären, wie das Internet eigentlich funktioniert oder wie das Geschäftsmodell bei 'Whatsapp' ist. Da muss es auch eine Weiterentwicklung geben. Viele denken über ein Fach Informatik oder ein Fach Medien nach."

So lautet die Einschätzung von Kammerl vor dem Hintergrund der von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka angekündigten Strategie "Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft" mit einem finanziellen Milliardenprogramm für Schulen.  


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Die Nachricht haben ja viele Lehrer, Schüler und auch Eltern am Wochenende gern gehört: Für Computer und WLAN in allen 40.000 Schulen will die Bildungsministerin Johanna Wanke bis 2021 fünf Milliarden Euro bereitstellen. Heute nun wird sie ihr Projekt "Digitalpakt D" vorstellen. Und so viel weiß man schon: Der Bund will sozusagen die Hardware stellen, also WLAN und Computer, und die Länder, die sollen die Lehrer ausbilden und auch die Konzepte für den Unterricht bereitstellen.

In den sozialen Medien musste sich die Ministerin schon gewaltig viel Spott anhören, nach dem Motto "Ach, auch schon aufgewacht?". Rudolf Kammerl ist Professor für Medienpädagogik in der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ich grüße Sie!

Rudolf Kammerl: Guten Morgen!

Brink: Wie kam denn bei Ihnen die Idee der Bildungsministerin an?

Kammerl: Ich freue mich auch, dass in die Schulen investiert wird. Die Initiative kommt so ein bisschen spät, aber es ist richtig, dass sie kommt.

Fünf Milliarden Euro für die Schulen - doch Deutschland ist spät dran 

Brink: Ich wollte gerade sagen, fünf Milliarden in den nächsten Jahren, anhand dieser Summe kann man ja schon feststellen, wie sehr die Schule hinterherhinkt.

Kammerl: Richtig. Also, es zeigen uns vergleichende Studien, dass Deutschland im internationalen Vergleich so ein bisschen spät dran ist. In anderen Ländern, gerade in europäischen Ländern, wird also viel mehr mit digitalen Medien gelernt, aber auch über digitale Medien.

Brink: Warum ist das so, warum sind wir so spät dran?

Kammerl: Es gibt verschiedene Gründe. Ich glaube, der Föderalismus ist sicherlich ein Aspekt, dass man eben da nicht an einem Strang gezogen hat. Ein anderer Aspekt ist sicherlich auch, dass es in Deutschland auch aufgrund geschichtlicher Ereignisse immer so ein bisschen eine Skepsis gegenüber Medien gibt, also Propagandaerfahrungen im Dritten Reich, hängt das sicherlich zusammen. Deshalb gibt es eine große Skepsis, eine Zurückhaltung, und das schlägt sich dann so nieder, dass eben also hier auch wenig Innovatives in den letzten Jahren kam.

Brink: Dabei gibt es ja doch schon eine Menge Projekte. Ich würde mal eines jetzt erzählen. "Bring your own device" heißt es, nach dem Motto "Bring dein eigenes Gerät mit". Das ist ein Pilotprojekt für digitales Lernen. Sie haben viel Erfahrung damit. Bringen solche Pilotprojekte was?

Kammerl: Pilotprojekte sind ganz wichtig, dass man Neues ausprobiert. Aber es kommt eben auch dann darauf an, dass man aus den Konsequenzen lernt und vor allem auch, dass man in die Fläche geht, dass es eben nicht nur Einzelstandorte sind, die da vorangehen, sondern dass wir tatsächlich eben alle Schulen mitnehmen.

Pilotprojekt "Bring your own device"

Brink: Ich möchte noch mal bei diesem Pilotprojekt bleiben, weil ich das ganz interessant fand. Also "Bring your own device", "Bring dein eigenes Gerät mit". Wir wissen ja, dass fast alle Schüler eigentlich ab einem bestimmten Alter ein Handy haben, auch ein Smartphone haben. Was spricht denn eigentlich dagegen, dass sie das dann auch in die Schule mitbringen, wenn man es denn sinnvoll nutzt?

Kammerl: Es spricht eigentlich zunächst nichts dagegen, sondern das Entscheidende ist wirklich, dass man was draus macht. Und bei den Geräten, die die Schüler mitnehmen, das sind also in der Regel eben die Smartphones, gibt es einfach dann Einschränkungen.

Das beginnt bei der Größe des Displays beispielsweise, aber auch die eingestellten Push-Nachrichten, die können natürlich auch mal ablenken vom Unterricht. Also da ist es dann schon ganz wichtig, dass man sich Konzepte überlegt, wie man das Ganze dann einerseits ein bisschen reglementiert, aber andererseits eben dann auch wirklich sinnvoll und zielgerichtet einschränkt.

"Die Lehrer müssen mitgenommen werden"

Brink: Das ist ja völlig klar, dass die da nicht herumspielen sollen und daddeln sollen. Haben Sie denn Erfahrungen mit solchen Konzepten? Wie ist denn da die Bereitschaft auch vonseiten der Lehrer?

Kammerl: Gerade bei den Pilotprojekten ist es so, dass eben die Lehrer vor allem mitgenommen werden, die eben eine Lust haben, was Neues zu probieren, die da vielleicht auch schon Vorerfahrungen haben. Es gibt aber auch in der Lehrerschaft doch auch eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen, die da Vorbehalte haben. Und das wird eben jetzt sicherlich spannend werden.

Da gibt es sicherlich dann auch Widerstände von einigen Lehrkräften, aber auch von einigen Eltern, die haben natürlich auch Bedenken, also mit WLAN-Strahlung und dergleichen.

Brink: Also wenn ich Sie jetzt anhöre, dann habe ich das Gefühl, dass eigentlich die Mehrheit der Lehrer das bremst, diese digitale Zukunft.

Kammerl: Ja, ganz wichtig ist tatsächlich, dass wir hier nicht nur in Technik investieren, sondern wirklich in Lehrerbildung. Wir brauchen tatsächlich tolle didaktische Konzepte, die dann dazu hinführen, dass es auch wirklich einen Beitrag leistet, dass eben dann vielleicht besser gelernt wird.

Aber mindestens genauso wichtig ist, glaube ich, dass wir eben über Internet, Computer, digitale Medien etwas lernen und tatsächlich uns Gedanken machen: Was bedeutet eigentlich, was heißt eigentlich Bildung in einer Gesellschaft, die zunehmend eben von Digitalisierung geprägt ist.

Eine Diskussion über den Fächerkanon ist notwendig

Brink: Das heißt, gibt es dann bestimmte Fächer, die sich vielleicht besonders eignen, dass man da mal einhaken kann, wenn man sich so einen Stundenplan anguckt? Weil in den meisten Stundenplänen gibt es ja dieses Digitale Lernen als Fach gar nicht.

Kammerl: Genau. Einerseits müssen wir fachintegrativ vorgehen. Und wenn wir uns das Fach Deutsch zum Beispiel herauspicken, da ist vollkommen klar, dass also viele Texte, die mit Lesen und Schreiben zu tun haben, die werden heute eigentlich nur noch digital vorhanden sein. Ob das eben jetzt Internetseiten sind. Oder ob, wenn wir uns die Schreibkultur bei WhatsApp anschauen, dass das tatsächlich eigentlich eher so zunehmend so eine digital geprägte Schriftkultur ist.

Aber wir brauchen auch, denke ich, eine Diskussion darüber, wie wir vielleicht den Fächerkanon weiterentwickeln müssen. Eine Deutschlehrerin kann wahrscheinlich nicht gut erklären, wie das Internet eigentlich funktioniert oder wie das Geschäftsmodell bei WhatsApp ist. Da muss es auch eine Weiterentwicklung geben.

Da denken natürlich viele über ein Fach Informatik nach oder auch über ein Fach Medien. Das kann man natürlich auch kombinieren. Also da, denke ich, wird es sicherlich auch eine Weiterentwicklung geben.

Brink: Vielen Dank, Rudolf Kammerl, Professor für Medienpädagogik an der Universität in Erlangen-Nürnberg. Schönen Dank für das Gespräch!

Kammerl: Ja, ich danke Ihnen, Wiederhören!

Brink: Wie gesagt, die Bundesbildungsministerin will heute ihr Projekt "Digitalpakt D" vorstellen, und zwar will sie die Schulen in Deutschland bis 2021 mit WLAN und Computer ausstatten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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