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Tonart | Beitrag vom 14.01.2019

Digitalisierung von Schellack-PlattenAuf dem Weg zum historischen Songarchiv

Von Arndt Peltner

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Der Berliner DJ und Schellackplatten-Sammler Stephan Wuthe hält vor einer Veranstaltung in Leipzig mit historischen Schellack-Schallplatten eine 1938 von den Nazis verbotene Platte "Boogie Woogie" mit Tommy Dorsey und seinem Orchester in den Händen, aufgenommen am 17.03.2012.  (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)
Schellackplatten liefen in der Regel mit 78 Umdrehungen pro Minute, in späteren Zeiten waren 33 Standard. (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)

Sie sind schwer, leicht zerbrechlich und knistern: Doch Fans der Schellackplatte stecken viel Geld, Zeit und Energie in ihre Sammlungen. Die Aufnahmen sind ein historischer Kulturschatz, der nun von Enthusiasten in den USA digitalisiert wird.

Blind Willie Johnson mit "You’re Going to Need Someone on Your Bond", aufgenommen 1930. Es knistert, es rauscht und ist doch ein kultureller Schatz sondergleichen, der nun im Zuge eines großen Projektes bewahrt werden soll.

Mit der gemeinnützigen Organisation "Music Memory" will eine Handvoll Musikbegeisterter so viele 78er-Platten digitalisieren, wie es nur geht. Die treibende Kraft dahinter ist Lance Ledbetter, Gründer und Betreiber von "Dust to Digital"-Records, einem Grammy-ausgezeichneten und mehrfach nominierten Plattenlabel, das sich auf alte Aufnahmen spezialisiert hat.

Machen, ohne an den Profit zu denken

"Als Musikfan und als jemand, der an den Erhalt solcher Platten glaubt, war es für mich immer schwer, kulturell wichtige Projekte zu erkennen, die aber finanziell keinen Sinn machten. Aber anstelle den Leuten zu sagen, wir können das nicht machen, denn es gibt nur fünf Leute auf der Welt, die das kaufen würden und ich bin einer davon, entstand die Idee, das alles dennoch zu bewahren, ohne dabei an einen Profit zu denken."

Vor rund 20 Jahren gründete Lance Ledbetter mit seiner Frau April das "Dust to Digital"-Plattenlabel. Gleich mit der ersten Veröffentlichung, der in Holz gefassten Box "Goodbye Babylon", auf der man alte Gospel-Songs hören kann, ließ das kleine Indie-Label aufhorchen.

Seitdem ist Ledbetter auf einer Mission. Durch seine Veröffentlichungen, seiner Liebe zur alten Musik hat er sich viele Freunde in Sammlerkreisen gemacht. Und die unterstützen nun das Projekt "Music Memory".

"Wir kommen in die Häuser der Sammler und haben so einen ganzen anderen Ansatz als zum Beispiel die 'Library of Congress', die ebenfalls Platten digitalisiert. Sie wollen, dass man die Scheiben irgendwohin bringt, um es dort zu machen. Wir alle wissen, dass einige dieser Sammler niemals ihre Platten aus der Hand geben würden. Mit 'Music Memory' kommen wir deshalb mit einem Toningenieur zu den Sammlern nach Hause."

Die rarsten der raren Platten

"Was wir dadurch erleben ist, dass wir ganz außergewöhnliche Sachen bekommen, die rarsten der raren Platten, die jemand nie abgeben würde. Wir haben bereits vier riesige Sammlungen an 78er RPM Platten digitalisiert, weitere stehen schon an. Wir haben auch einige 45er und ein paar LPs digitalisiert, aber der Fokus liegt auf der 78er-Ära."

Gemeinsam mit den Sammlern wird die Digitalisierung durchgeführt. Sie suchen die raren Platten heraus, sie geben vor, wie die eigene Sammlung überspielt werden muss. Manchmal alphabetisch, manchmal ein Genre nach dem anderen. Was Lance Ledbetter dabei vor allem begeistert, ist, wie die Sound-Puristen, jene 78er-Schellack-Sammler, auf dieses Projekt reagieren:

"Auch wenn die Idee oder der Gedanke daran, diese Aufnahmen auf einem Computer, einem Smartphone oder iPad zu hören, für sie nichts bedeutet, ich glaube, sie verstehen es, was wir vorhaben. Genauso wie sie in den 50er- und 60er-Jahren diese Platten gerettet haben, als sie von anderen einfach weggeschmissen wurden, sie in den Süden, den Mittleren Westen und in den Nordosten des Landes reisten, um die 78er zu suchen. Ich denke, sie verstehen unser Bestreben, diese Musik allgemein zugänglich zu machen."

Stipendien und Zuschüsse

Mehr als 50.000 Aufnahmen sind bereits zusammen gekommen, Hunderttausende von Songs warten noch auf ihre Digitalisierung. Dazu Fotos der Cover und der Labelaufkleber, die gerade für Sammler und Archivare interessant sind.

Mit der gemeinnützigen Organisation "Music Memory" will man nun den nächsten Schritt gehen, Stipendien und Zuschüsse beantragen, um diesen riesigen Klangschatz der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Angedacht sind Partnerschaften mit bereits bestehenden Online-Plattformen und eine eigene Webseite, die sich zu einem riesigen historischen Songarchiv entwickeln soll.

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