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Kompressor | Beitrag vom 26.10.2017

Digitalisierung im GefängnisKontrollierter Internetzugang hinter Gittern

Uwe Holzmann-Kaiser im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Ein Mann schaut aus einer Zelle der Strafanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel.  (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Ein Mann schaut aus einer Zelle: Digitale Kommunikation ist in deutschen Gefängnissen bisher verboten. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

In Berlin startet demnächst ein Pilotprojekt: Ausgewählte Häftlinge werden über speziell konfigurierte Tablets beschränkten Zugang zum Internet erhalten. So soll unter anderem die Wiedereingliederung der Gefangenen nach ihrer Entlassung gefördert werden.

Das Mitgefühl für Strafgefangene hält sich in der Öffentlichkeit für gewöhnlich in Grenzen. Von daher dürfte die Lobby für Häftlinge, die jetzt einen Zugang zum Internet fordern, eher klein sein. Es überwiegen die Bedenken, Berlin probiert es trotzdem.

Am Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme bereitet Uwe Holzmann-Kaiser im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Justiz ein Pilotprojekt mit speziell konfigurierten Tablets vor. Der Informatiker erläuterte in Deutschlandfunk Kultur die aktuelle Situation der Insassen von Haftanstalten:

"Als Kommunikation steht den Häftlingen heute zur Verfügung, der normale Besuch durch Angehörige zu bestimmten Terminen. Sie haben die Möglichkeit, Post zu empfangen, das dauert natürlich immer, mit dem Hin und Her. Und der dritte Kommunikationsweg ist heute das Telefon." Handys und Internetzugang seien nicht erlaubt, sondern nur die Nutzung von wenigen PCs, die den Gefangenen zu Schulungszwecken in bestimmten Räumen zur Verfügung stünden, sagte Holzmann-Kaiser.

Förderung der Resozialisierung

Der Informatiker erläuterte die Befürchtungen, die hinter dieser Regelung stehen. So solle verhindert werden, dass Gefangene aus der Haft Straftaten begehen, Menschen belästigt werden oder Informationen zum Haftalltag ungefiltert aus dem Gefängnis nach außen dringen.

Der Internetentzug bereite allerdings besonders Gefangenen mit langjährigen Haftstrafen Schwierigkeiten, nach ihren Entlassung wieder in den Alltag zurückzufinden: "Von daher ist der Ansatz, in begrenztem Umfang einen Zugang zu solchen Medien zu ermöglichen, ein Weg, um die Resozialisierung zu fördern." Für viele Haftinsassen gehe es darum, überhaupt den Umgang mit digitalen Medien zu lernen, so Holzmann-Kaiser.

Information, Praxis und ein bisschen Abwechslung

In das Internetprojekt fließen Wünsche der Gefangene genauso ein, wie die Bedenken der Haftanstalt, die dann das letzte Wort über den Umfang des Angebots im Pilotprojekt hat. So sollen zum Beispiel die Agentur für Arbeit, das Angebot Nachrichtenleicht des Deutschlandradios oder auch Portale mit Sportübungen und Ernährungsthemen über die Tablets erreichbar sein: "Und letztendlich haben wir auch den Spielcharakter nicht verloren, weil: Ein Tablet nur dazu zu haben, damit man die 'ernsten Dinge' machte, das macht dann auch keinen Spaß."

Eine erste Pilotierung und Feldforschung mit ausgewählten Gefangenen ist für den Winter 2017/2018 geplant, sobald letzte Sicherheitstests abgeschlossen sind. "Alle schauen natürlich im Moment auf Berlin", betonte abschließend Holzmann-Kaiser die Vorreiterrolle des Projekts.

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