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Länderreport | Beitrag vom 07.10.2020

Digitales Erbe Nachlassverwaltung per App

Von Astrid Wulf

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Grafik eines Mobiltelefons mit einem Kreuz darauf. (imago images / Panthermedia / keport)
Für Angehörige eine Hilfe: Eine App klärt über den Zugang zum digitalen Nachlass eines Verstorbenen auf. (imago images / Panthermedia / keport)

Viele Erinnerungen eines Menschen sind nicht in Alben abgeheftet, sondern existieren nur digital bei Online-Plattformen. Wenn ein Mensch stirbt wird es schwer, das digitale Erbe zu regeln. Eine App unterstützt Angehörige dabei.

Manchmal werden geliebte Menschen einfach so auf dem Leben gerissen. Was bleibt, sind die Erinnerungen. Gerade bei den etwas Jüngeren, die online aktiv waren, bleibt noch etwas anderes: das "digitale Erbe".

Betrifft jeden, der Daten im Netz hat

Mit "digitalem Erbe" oder auch "digitalem Nachlass" sind vor allem Abos bei Streamingdiensten, E-Mail-Konten und Social-Media-Profile und -Kanäle gemeint – egal, ob kostenpflichtig ein Amazon-Prime-Abo oder kostenlos wie ein Facebook-Account. Was passiert mit all dem, wenn der Nutzer stirbt? Diese Frage hinterlässt bei vielen Angehörigen und bei Menschen auf der Straße erst einmal Verwirrung:

"Eine Freundin von einem Freund hatte Suizid begangen. Und das war sehr traurig, und alle sehr unsicher waren, was mit ihrem Facebook-Profil passieren soll", erzählt eine Person.

Eine andere fragt sich: "Kann man nicht den PC wegschmeißen und gut ist? Ich habe so wenig Ahnung, ich würde das denken, so ist es nicht. Muss alles mein Sohn machen dann."

Und jemand Weiteres sagt: "Ich sollte mich damit auseinandersetzen, weil es jeden betrifft, der im Netz Daten hat. Man schiebt es vor sich her, ich gehöre auch dazu. Also wenn es eine Lösung dafür gibt, dann immer her damit."

Anmelden ist leicht, abmelden nicht unbedingt

Eine Lösung für zumindest etwas mehr Durchblick hat Benjamin Waack aus Schleswig-Holstein. Eine App, die helfen soll, nach dem Tod eines Angehörigen sein "digitales Erbe" zu verwalten und abzuwickeln. Er hat die App entwickelt, die er sich in dieser Situation selbst gewünscht hätte.

"Mein Onkel ist gestorben, viel zu früh, wie es oft ist im Leben. Ich habe mich viel damit auseinandergesetzt, was muss man alles tun und machen in der Zeit, habe darüber nachgedacht, dass mein Onkel einen Youtubekanal hat für Musik. Wie kündigt man das eigentlich? Dann habe ich angefangen zu googeln, und habe festgestellt: Anmelden kann man sich überall ganz leicht, aber abmelden ohne Zugangsdaten, wenn man die nicht hat, ist ganz schön schwer."

Nachweis über den Tod des Nutzers

Wie der 33-Jährige herausgefunden hat, fordern die Unternehmen teilweise völlig unterschiedliche Nachweise über den Tod des Nutzers:

"Manche wollen ein Foto der Traueranzeige, eine der schlimmsten Geschichten, die ich als Antwort bekommen habe, ich habe viele Anbieter angeschrieben. Manchen reicht eine Kopie der Sterbeurkunde, manche wollen wissen, in welchem Verwandtschaftsgrad man zum Verstorbenen steht, ganz unterschiedliche Dinge werden angefordert."

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Benjamin Waack hat mit seiner App zusammengetragen, was Unternehmen von Xing über LinkedIn, Spotify bis hin zu Twitter verlangen, um den Nutzungsvertrag kündigen zu können – wenn man das denn möchte.

"Bei Facebook kann man eine Gedenkseite aus dem Profil machen", so Waack. "Wenn man es nicht komplett aufgeben möchte, kann man sagen: Die Person ist gestorben, das soll eine Seite sein, wo keiner mehr Kommentare darunterschreiben kann, sondern nur als Andenken."

Digitalen Nachlass im Testament regeln

Als Angehöriger hat Benjamin Waack die Erfahrung gemacht, dass es sehr mühsam und langwierig sein kann, sich ums digitale Erbe zu kümmern. Immerhin hat der Bundesgerichtshof dieses Jahr entschieden: Unternehmen müssen den Erben Zugang zu Konten und Nutzerprofilen geben – und eben auch die Möglichkeit, Konten zu kündigen, sagt der Lübecker Anwalt für Vertragsrecht Christian Dwars.

Noch einfacher wird es für die Angehörigen, wenn der digitale Nachlass bereits im Testament geregelt wurde. Zum Beispiel mit einer Liste über alle Konten und Portale, die der Hinterlassende zu Lebzeiten genutzt hat und die gekündigt werden müssten, sagt Anwalt Christian Dwars. Wenn die Erben im Todesfall gleich Zugriff auf sämtliche Passwörter und Zugangsdaten haben, macht es die Sache leichter.

"Es gibt auch elektronische Lösungen, mit denen man das machen kann, sogenannte Passwortsafes, die dann auch Funktionalitäten beinhalten, dass wenn Passworte geändert werden, Zugangsdaten geändert werden, dass automatisch mitgeplottet wird – und dann muss ich nur noch eine Zugangsberechtigung weitergeben."

11.000 App-Downloads

Hat der Verstorbene seinen digitalen Nachlass nicht geregelt, ist Benjamin Waacks App zumindest eine Hilfe, um sich im Dschungel der möglichen Online-Aktivitäten des verstorbenen Angehörigen durchzuackern. Die App ist für Android-Nutzer kostenlos, bei Apple kostet sie 3,49 Euro. 11.000 Mal wurde sie schon heruntergeladen. Der Entwickler, der eigentlich beruflich Drucker- und Büroausstattung verkauft, freut sich zum einen über die Zahl der Downloads – auch wenn er nicht viel daran verdient, wie er sagt.

"Zum anderen habe ich E-Mails bekommen, wo die Leute ihre Trauergeschichte dazugeschrieben haben, wo man manchmal denkt: Ich wollte eine Hilfe bieten, freue mich über ein ‚Danke‘, aber manchmal muss man auch schlucken, wenn jemand zu früh gegangen ist, gegen einen Baum gefahren ist, ist das schon heftig. Aber man freut sich schon tierisch, wenn jemand sagt: Das hat mir geholfen, das hat mir Zeit zur Trauerbewältigung verschafft."

Wer möchte sich schon mit dem Tod befassen?

Mit der App und vor allem, wenn man als Nutzer schon zu Lebzeiten einen Überblick über die eigenen Netzaktivitäten hat, muss die Abwicklung des digitalen Nachlasses für die Angehörigen gar nicht so kompliziert sein. Aber wer beschäftigt sich schon gern ernsthaft mit dem Tod – mit dem eigenen oder mit dem der Liebsten?

"Ich habe einen E-Mail-Account. Das ist natürlich schwierig, aber meine Exfreundinnen müssen noch das Passwort zu meinem Computer wissen. Und wenn sie das wissen, kommen sie natürlich auch an alle anderen ran. Ist natürlich nervig, müsste sich jemand hinsetzen und das Ganze regeln."

"Mir schwant gerade Böses, wenn mein Mann vor mir stirbt, habe ich viel zu tun, dann bin ich für so eine App dankbar. Aber wenn ich vorher sterbe, ist es ja ok."

Länderreport

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