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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.02.2019

Digitale ArbeitsweltEin Hoch auf Zerstreuung und Zufall

Ein Kommentar von Marius Hasenheit

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Farben strömen in einen Raum, während ein Mann vorsichtig die Tür öffnet. (imago / Derek Bacon)
Lass den Zufall herein ins Arbeitsleben, meint Publizist und Berater Marius Hasenheit. (imago / Derek Bacon)

Zielgerichtetes Arbeiten, sich fokussieren wird in der digitalen Welt überschätzt. Vielmehr sind es Zerstreuung und Zufall, die wir als Methode anerkennen sollten, meint der Zukunftsforscher Marius Hasenheit.

In einem sind sich viele Konservative und Progressive einig: Wir sollten uns fokussieren. Während Konservative dabei oft an ein strebsames Emporklettern der Karriereleiter denken, halten Progressive ihr Engagement und besonders gerne Achtsamkeit oder Digital Detox hoch.

Ablenkung und Zerstreuung sind in beiden Weltbildern verpönt. Besonders häufig in der Kritik stehen soziale Netzwerke, insbesondere Twitter, als ein Paradebeispiel für eine wachsende Informationsflut.

Informationshäppchen und Grundrauschen

Diese Kritik scheint naheliegend zu sein: Sobald man sich bei Twitter einloggt, rauschen unzählige Tweets über den Bildschirm. Jede dieser Nachrichten ist eine Art Informationshäppchen inmitten eines Grundrauschens. Jedes Häppchen bietet die Möglichkeit der Informationsquelle zu folgen und tiefer in die angeteaserte Thematik einzutauchen. Dementsprechend kann jede Nachricht vom eigentlichen Tun ablenken und gleichzeitig neue Informationsschätze zeigen.

Es gibt viele Menschen, die durch ihren Alltag gehen als wäre ihr Leben ein Twitterfeed. Sie wechseln sprunghaft von Themen und Aktivitäten – oft verknüpfen sie dabei verschiedene Inhalte und Menschen. Dabei kann es ihnen passieren, dass sie an unerwarteten Orten "herauskommen" – und sich dort ziemlich wohl fühlen.

Das Glück des überraschenden Findens

Psychologen, Soziologen, Verhaltensforscher aber auch dubiose Ratgeberautoren nennen diesen Vorgang Serendipität. Es beschreibt das Phänomen, wenn etwas Positives oder Überraschendes per Zufall gefunden wird – der Wert der Entdeckung wird dabei unter Umständen erst später deutlich.

Die Achillesferse dieser Theorie ist, dass wir unseren Entdeckungen, unserem Leben, erst im Nachhinein eine Erzählung, einen Sinn, geben. Somit wird jede Entscheidung für etwas – welche gleichzeitig eine Entscheidung gegen unzählige andere Optionen ist – im Nachhinein mit Bedeutung aufgeladen.

Doch wer kennt das nicht: Die wichtigsten Dinge und Menschen fanden wir selten bei einer Suche "nach Plan". Serendipität-Profis, "Super-Encounter" genannt, sind besonders gut darin, Unverhofftes zu finden oder sich "finden zu lassen". Sie sind häufig sehr neugierig, offen für Neues und entscheidungsfreudig – klar: Sie müssen schließlich laufend über neue Begegnungen, Dinge und Informationen entscheiden. Sie probieren Vieles aus – oftmals nur für eine kurze Zeit. Dabei stolpern sie häufiger über "Glücksmomente" als Kontrollgruppen.

Wer Informationen ungern mundgerecht und von Algorithmen sortiert aufnimmt, sondern Artikel mit zahlreichen, weiterführenden Links und endlose Newsfeeds mag, ist auf diese Fähigkeiten angewiesen. Diffuses Wissen, Dinge vernetzen zu können und in einer wachsenden Informationsflut schwimmen zu können, wird sicher zunehmend wichtig. Schnell eine Situation auszuloten, zu entscheiden und sich gegebenenfalls weiter treiben zu lassen hilft dabei ungemein.

Provozierte Zufälle sind willkommen

Natürlich können solche Super-Encounter aber auch ziemlich anstrengend sein: Sie schweifen oft ab, sind schnell gelangweilt und wirken sprunghaft bis hibbelig. Doch ihre Lernweise kann in der Digitalära inspirierend sein, wenn es darum geht, Wissen und Menschen zu vernetzen. Dafür müssen allerdings ihre Lern- und Arbeitsweisen wertgeschätzt werden. Entgegen vieler Behauptungen leben wir schließlich immer noch in einer Welt von Spezialisten. Die Super-Encounter fallen dabei schnell durch das Raster.

Unwahrscheinlich, dass sie ihre Ausbildung, ihr Studium oder ihren Doktor in der Regelzeit beenden. Vermutlich werden sie auch nie richtig gut Klavier oder Volleyball spielen. Ihre Fähigkeit interdisziplinär Probleme zu lösen wiederum wird zwar oft gefordert, doch nicht selten wird versucht das entsprechende Problem eher mit einer Handvoll Spezialisten abzudecken.

Binden wir die Nicht-Fokussierten lieber ein und lassen sie mit klugen Ratschlägen in Ruhe: Sie brauchen in ihrer Kindheit keinen ADHS-Stempel und als Erwachsene keine Meditationsgutscheine. Weniger Fokus und mehr provozierte Zufälle werden in Zeiten digitaler Transformation und komplexer Probleme wichtiger. Von den Nicht-Fokussierten lässt sich also eine ganze Menge lernen.

Ein Porträtfoto zeigt Marius Hasenheit (Nils Schwarz)Marius Hasenheit (Nils Schwarz)Marius Hasenheit ist Mitherausgeber des transform Magazins, Mitarbeiter des Think Tanks Ecologic Institut und Mitglied der genossenschaftlichen Unternehmensberatung sustainable natives eG.


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