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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.09.2009

Diffuse Unruhe

Edward St. Aubyn: "Muttermilch", DuMont Verlag, Köln 2009, 317 Seiten

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In dem Roman geht es darum, wie ein Mann seinen Kindern ein guter Vater ist. Auch geht es um die Frage, wie er Geborgenheit geben kann, die er selber nicht verspürt.

Als der englische Schriftsteller Edward St. Aubyn Anfang der Neunzigerjahre den ersten Teil seiner Patrick-Melrose-Trilogie veröffentlichte, avancierte er in den englischen Medien schnell zum Klatschobjekt. Und das nicht etwa, weil man sogleich erkannte, dass hier ein großartiger, ein großer Autor zu entdecken war, der mit so feinnerviger wie eiskalter Eleganz die Verkommenheit und Grausamkeit der sogenannten feinen Gesellschaft entlarvte, sondern weil er in einem Interview zugegeben hatte, dass Patrick Melrose sein alter Ego und vieles in dem Roman autobiografisch sei. Da St. Aubyn ein Spross des englischen Hochadels ist, wurden auch die folgenden Romane häufig eher mit voyeuristischer Gier als mit literarischem Verstand gelesen.

Jetzt liegt das Buch, mit dem ihm in England endlich der literarische Durchbruch gelang, auf Deutsch vor. "Muttermilch" heisst es und fast hätte St. Aubyn für diesen Roman den begehrten Booker-Prize gewonnen.

Auch hier begegnen wir dem einst so geschundenen und später darob verhunzten Patrick Melrose wieder, der trotz aller Pein so hell und gescheit zu denken und zu reden versteht. Er ist ruhiger geworden, lebt als Anwalt mit Frau und zwei Kindern in London. Und doch regt sich ein Rest der alten Rastlosigkeit mit scharfen kleinen Zähnen in ihm. Nicht der Vater, der ihn missbrauchte, belagert seinen Kopf, nicht die eigene Vergangenheit im Drogenpfuhl. Die Unruhe ist diffuser geworden. Und die Angst konkreter: Wie kann er seinen Kindern ein guter Vater werden, wie kann er sie schützen vor sich und seinem Seelentumult. Wie ihnen Geborgenheit geben, die er selber nicht verspürt. Der immer noch und immer wieder auf der Suche nach Betäubungen durch Schlafpillen, Sex und Alkohol durchs Leben torkelt.

Die Frage seines Lebens, hat St. Aubyn einmal gesagt, sei die, ob und wie man dem Gift entkommen könne, das von Eltern an ihre Kinder weitergereicht werde.

Der Roman wäre kein echter St. Aubyn, wenn die lebensverwirrenden Themen nicht bestechend elegant und mit bösem Witz daherkämen. Da ist die Gattin, die ihrerseits die Herzensleere der eigenen Mutter an ihren Kindern wieder gut machen möchte und sich so gänzlich der Über-Fürsorge für den jüngsten Sohn hingibt, dass sie ausfällt als Bettgespielin für Patrick. Mit den üblichen Folgen des unvermeidlichen Ehebruchs.

Da ist Patricks Mutter, die, gefühlsarm wie eh und je, das eigene Kind rüde ins Abseits schiebt, um sich mit Eifer der Weltrettung zu verschreiben. Ihr Vermögen und ihre französischen Besitzungen vermacht sie nicht Sohn und Enkeln, sondern einem irischen Gaukler oder vielleicht eher Gauner, der einstmals Krankenpfleger im Nationalen Gesundheitsdienst war, bevor er den Schamanen in sich entdeckte.

Natürlich gibt es auch in "Muttermilch" niederträchtig amüsante Szenen aus der Welt der Reichen und Schönen. Ein Feld, auf dem St. Aubyn sich mit sichtlichem Vergnügen und fraglos großer Kenntnis tummelt. Doch in diesem Roman gibt es ein Novum. Denn es ist dem bissigen St. Aubyn zum ersten Mal gelungen, eine Sprache für Zärtlichkeit und für Nähe zu finden. Zwar ist auch hier die Muttermilch verseucht, doch der Bazillus könnte besiegbar sein.

Besprochen von Gabriele von Arnim

Edward St. Aubyn: Muttermilch
Roman aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, DuMont Verlag, Köln 2009, 317 Seiten, 19,95 Euro

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