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Frühkritik | Beitrag vom 06.07.2018

Dietrich Kalteis: "Shootout"Das beste Gras in Nordamerika

Von Sonja Hartl

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Cover: "Dietrich Kalteis: Shootout" (Suhrkamp / imago)
Ein Schmöker voller Humor: Dietrich Kalteis Krimi "Shootout" (Suhrkamp / imago)

Die Hauptfigur des in Kanada spielenden Buches "Shootout" hat einen grünen Daumen. Mit unvorhersehbaren Wendungen und hohem Tempo ist dem Schriftsteller Dietrich Kalteis ein Kriminalroman gelungen, der das Lesevergnügen stetig steigert.

Whistler liegt im Westen Kanadas, ein kleiner Ort inmitten der Berge. Während der Olympischen Spiele in Vancouver fuhren Skifahrer die Pisten hinab, heute kommen im Winter Touristen und werden im Sommer fünfeinhalb Kilo schwere Käseräder den Berg heruntergerollt. Und dieses beschauliche Fleckchen Erde wird nun in Dietrich Kalteis Kriminalroman zu dem Schauplatz des titelgebenden "Shootout". 

Schlafen, kiffen, Musik hören

Auslöser sind die Gras-Anbaufähigkeiten von Grey Stevens. Eigentlich ist er ein unauffälliger Zeitgenosse, der gerne in Whistler seine Ruhe hat, seiner Ex hinterher trauert und ein Faible für Musik von Mungo Jerry hat, doch er fügt über einen bemerkenswerten grünen Daumen und züchtet mit Eight Miles High das wohl beste Gras in Nordamerika. Bisher bestand sein Leben aus schlafen, kiffen, Musik hören, Makkaroni mit Schimmelkäse essen und dafür sorgen, dass seine Lieferanten ausreichend Stoff haben, um Touristen, Straßenmusiker, Skater, Mountainbiker und sonstige Abnehmer zu versorgen.

Träumen vom Ruhestand

Dank eines Arrangements mit einer Biker-Gang verlief das immer friedlich, so dass Stevens weiterhin von seinem Ruhestand mit Mitte 30 träumen konnte. Aber nun hat Gangsterboss Bumby Rosco den Schläger Travis sowie seinen missratenen Sohn Nick nach Whistler geschickt, um Stevens von einer Zusammenarbeit notfalls mit Gewalt zu überzeugen. Eigentlich ein Routinejob für Travis. Wären da nicht die Indo-Army, die der Rosco-Gang nicht das Feld überlassen will, zwei Cops, von denen einer von dem großen Ermittlungscoup träumt, und der dämliche Nick, der nicht zu kontrollieren ist. 

Sympathie für alle Figuren

Es gibt viele Autoren, die so schreiben wollen wie George V. Higgins oder Elmore Leonard, Dietrich Kalteis kann es. Mit "Shootout" stellt er sich eindeutig in ihre Tradition: Es gibt eine Vielzahl von Figuren – der Originaltitel "The Deadbeat Club" weist schon daraufhin –, verschiedene Erzählperspektiven von gleichermaßen desillusioniert wie abgezockten Männern und Frauen und vor allem eine nahezu gleich verteilte Sympathie für alle Figuren, die noch den letzten Schluffi und die übelste Nervensäge spannend erscheinen lässt. Ja, sogar Drogenbosssohn Nick, ein erbärmlicher Gernegroß, dessen Protzgehabe schon fast bemitleidenswert ist, würde er nicht so viel Unheil anrichten und wäre so verdammt frauenfeindlich, bekommt eine komische Seite. 

Hinreißende Liebelei

Bei aller Tradition aber wirkt Kalteis niemals altbacken. Er dreht die bekannten Stellschrauben stetig ein wenig weiter. Travis ist ein Killer, den man nicht mögen soll. Aber seine Liebelei mit der Bordellempfangsdame Lexie ist so hinreißend, dass man unweigerlich hofft, er würde vielleicht doch durchkommen. Die Cops Jimmy Gallo und Lance Edwards sind auf den ersten Blick klischeehafte "Blödmänner aus der Stadt, ausgeliehen vom 312 Main" und scheitern immer wieder herrlich bei ihren Versuchen, so cool wie die Drogenfahnder aus dem Fernsehen zu sein. Die smarte Darna ist anfänglich Auslöser für eine private Fehde zwischen Nick und Stevens, darf aber am Ende viel mehr sein und mit einer Käserolle gründlich aufräumen. 

Garniert mit viel Action

Dazu steckt dieses Buch voller Humor, mal staubtrocken, mal überaus saftig und meist entlarvend ist. Es gibt Verfolgungsjagden mit Fahrrädern, einen schießwütigen Showdown, gelangweilte Ex-Söldner, denen es in Kanada eindeutig zu friedlich ist – und sogar einen klugen Hund. Jedoch ist hier nichts zu viel, jede Perspektive und jedes Detail genau richtig – und garniert wird alles mit sehr viel Action, unvorhersehbaren Wendungen und einem sehr hohen Tempo, das niemals atemlos wird, sondern das Vergnügen stetig steigert. "Shootout" ist ein komischer, ehrlicher und satter Schmöker.

Dietrich Kalteis, Shootout,
Aus dem Englischen von Susanna Mende.
Suhrkamp Berlin 2018.
341 Seiten, 9,95 Euro.

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