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Interview | Beitrag vom 10.05.2019

Dietmar Dath über sein Theaterstück "Die nötige Folter"Wie wir uns gegenseitig digital platt machen

Dietmar Dath im Gespräch mit Ute Welty

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Bühnenszenario: Im Vordergrund steht ein Schauspieler mit Zigarette in der Hand. Er trägt Sonnenbrille mit einem aufgesteckten Fernglas. Im Hintergrund in der Unschärfe weitere Schauspieler. (Jan-Pieter Fuhr)
Was Menschen sich im digitalen Zeitalter einander antun, zeigt Dietmar Dath in seinem neuen Stück "Die nötige Folter": Im Bild: der Schauspieler Kai Windhövel. (Jan-Pieter Fuhr)

Dietmar Dath gilt als Experte für Dystopien: In Augsburg bringt der FAZ-Redakteur nun ein Stück über neurowissenschaftliche Experimente am menschlichen Gehirn auf die Bühne.

"Die nötige Folter", das neue Theaterstück des Dramatikers und "FAZ"-Filmkritikers Dietmar Dath, ist - der Titel deutet es schon an - eine Dystopie. Drei Männer und eine Frau werden gefoltert. Es geht um neurowissenschaftliche Experimente am menschlichem Gehirn und deren irreversible Folgen.

Sehr vereinfacht zusammengefasst: Die Welt ist nur noch Chaos, die Menschheit ist nicht mehr bei sich, nachdem Videos verbreitet wurden, die verschobene Frequenzwellen enthielten und dadurch neuronal aufs Gehirn wirkten.

Der unmerkliche Eingriff wirkt als "langsames Gift" - bis zur kompletten Geistesverwirrung und Zerstörung der Menschheit. Wegbereiterin dieser Zerstörung ist eine Videokünstlerin, die mithilfe eines Neurowissenschaftlers das Experiment entwickelte und als Kunst verbreitete.

Rache-Akte für eine prekäre, ausgebeutete Existenz

Dath verhandelt auf der Bühne des Staatstheaters Augsburg gleich drei Fragen:  Wie angreifbar und (zer)störbar sind wir Menschen auf neuronaler und neurochemischer Ebene? Was darf Wissenschaft? Was darf Kunst?

Ganz bewusst habe er "die Büchse der Pandora" von einer Künstlerin öffnen lassen - gleichsam als Rache-Akte für ihre eigene prekäre, ausgebeutete Existenz, so Dath:

"Ich wollte das mal ein bisschen umdrehen, dass immer so getan wird, als wären die Laborkittel und die Wissenschaftler hinter allem Schlimmen, was uns passiert. Denn de facto ist es ja so: Der größte Unsinn, der zum Beispiel mit Computern gemacht wird, wird ja nicht von Programmierern angestellt, sondern von Leuten, die, sagen wir mal, Präsident werden und dann twittern."

Schriftsteller und FAZ-Redakteur Dietmar Dath (dpa/Erwin Elsner)Hat wieder eine Dystopie auf die Bühne gebracht: Schriftsteller und FAZ-Redakteur Dietmar Dath. (dpa/Erwin Elsner)

Wenn er sich etwa die Figur des Frankenstein vorstelle, dann denke er heute eher an einen Künstler als an einen Wissenschaftler, sagte Dath im Deutschlandfunk Kultur. Er selbst hat auch schon den Roman von Mary Shelley, "Frankenstein or the modern Prometheus", zusammen mit Stefan Pucher für die Bühne adaptiert.

Bühnenszenario in grünem Licht. Im Vordergrund ein Mann der auf den Knien sitzt und einen Arm leidvoll in die Luft streckt, neben ihm ein weiterer Mann am Boden liegend. Im Hintergrund weitere Personen deren Aktivitäten nicht zu entschlüsseln sind. (Jan-Pieter Fuhr)Natalie Hünig, Kai Windhövel, Anatol Käbisch, Andrej Kaminsky in "Die nötige Folter" am Staatstheater Augsburg. (Jan-Pieter Fuhr)

Wichtig sei ihm, im Stück zu zeigen, dass es heute andere Mechanismen als früher gebe, mit denen sich Menschen gegenseitig zerstörten. Während frühere Schülergenerationen drohten, die Autos ihrer Lehrer anzuzünden und so ein Ventil für ihre Wut gesucht hätten, machten sich die Jugendlichen heute "gegenseitig kaputt mit WhatsApp" oder anderen sozialen Medien:

"Wenn da eine oder einer aus der Reihe tanzt, dann fängt ein Shitstorm an. Dann liegen die aufeinander wie in einem Rugby- oder Footballspiel - wo dann riesige Menschenhaufen stattfinden, nur finden die digital statt."

(mkn)

"Die nötige Folter", Staatstheater Augsburg, Premiere: 11. Mai, 19.30 Uhr. Weitere Termin bis Ende Juni 2019.


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Schaut man sich die Titel der Romane von Dietmar Dath an, dann lässt sich eine gewisse Lust am Untergang erkennen. "Die Abschaffung der Arten", "Deutschland macht dicht" oder auch "Leider bin ich tot". Heute laufen die letzten Vorbereitungen für das neue Theaterstück von Dietmar Dath, und auch diese Zeilen stimmen nicht gerade optimistisch: "Die nötige Folter. Spiel für sechs Unschuldige und ein Bild". Uraufführung ist morgen in Augsburg.

Es geht um einen Stoff, aus dem echte Albträume sind: Eine Videokünstlerin vergiftet quasi mithilfe eines Neurowissenschaftlers die Menschheit, weil ihre Filme direkt ins Hirn gehen und dort mit weitreichenden Folgen nachhaltige Zerstörung anrichten. Wollten Sie endlich mal nicht nur einen Untergang, sondern eben die ganz große Katastrophe schreiben?

Dath: Ach, um Untergang geht es mir gar nicht so oft. Mir geht es einfach darum, einen Satz von Walter Benjamin umzukrempeln: "Nicht das Ende ist schlimm, sondern dass es so weitergeht ist die Katastrophe." Der Alltag nervt ja viel mehr als die Katastrophen und nervt auch viel mehr Leute, weil natürlich viel mehr Leute Alltag haben als Katastrophe - jedenfalls in unserem noch relativ sicheren Land.

Mir ging es bei dieser Frau weniger darum, eine außergewöhnliche Person in die Mitte zu stellen, als eine, die so ein bisschen zuspitzt, was wir alle gerade haben. Weil: Man erzählt uns ja überall, Ideen sind das neue Geld, und du musst kreativ sein.

Ich habe mal in so einem ganz kleinen Laden gearbeitet, wo die Webdesignerin dann sogar die Aufgabe hatte, die Anzeigen zu besorgen, von denen sie dann finanziert wird. Du musst also sozusagen das Geld selber erzeugen, dass dir dann dein Chef gibt für das, was du da machst. Dieses ständige Kreativsein, sich verkaufen, dauernd lernen, wie man an irgendwelchen Schnittstellen von Twitter bis sonst was sich irgendwie darstellt, das ist in der Künstlerin natürlich extrem zugespitzt. Und die Künstlerin in dem Stück will sich aber dagegen wehren. Sie ist mit der Idee, sich zu wehren, vielleicht auch gar nicht gut weggekommen.

Am Anfang sieht es jedenfalls so aus, als sei sie dafür bestraft worden oder als sei sie tot. Dann sitzen da andere Leute, um die es eigentlich geht. Die werden ja eigentlich gefoltert. Das sind Leute, die denken, sie haben eigentlich überhaupt nichts falsch gemacht und müssen dann eventuell das Gegenteil lernen, was wir ja alle manchmal müssen.

Selbstdarsteller können ziemlich viel anrichten

Welty: Aber warum ist es denn ausgerechnet eine Künstlerin, die die Büchse der Pandora öffnet?

Dath: Weil ich das mal ein bisschen umdrehen wollte, dass immer so getan wird, als wären die Laborkittel und die Wissenschaftler irgendwie im Gebüsch hinter allem Schlimmem, was uns passiert. De facto ist es ja so: Der größte Unsinn, der zum Beispiel mit Computern gemacht wird, wird ja nicht von Programmierern gemacht, sondern von Leuten, die, sagen wir mal, Präsident werden und dann twittern oder solche Scherze.

Das heißt, man muss nicht unter allen Umständen mehr können als sich darstellen, um ganz schön viel anrichten zu können. Das haben wir, wie gesagt, gerade in Amerika. Und das wiederum schien mir so spiegelbildlich. Die Leute hören gerne Mozart und Beethoven, ohne dass sie unbedingt Noten verstehen können. Das heißt, es geht in vielen Dingen unseres Alltagslebens und unserer Zuspitzung des Alltagslebens, die wir Kunst nennen, im Grunde darum, eine Einstellung, eine Haltung zu den Dingen zu haben und nicht so sehr dadrum, Doktor Mabuse zu sein. Wenn ich den "Frankenstein" heute machen würde - obwohl das habe ich ja neulich gemacht in Zürich - dann wäre das auch eher ein Künstler.

Welty: Die Vorstellung, dass Videos unsere Gehirne manipulieren, ist ja umso gruseliger, da wir ja eh schon auf Bildschirme starren. Sind wir vielleicht längst Teil eines großen Experimentes, ohne es zu bemerken?

Dath: Ich glaube, das Schlimmste ist, dass wir gar nicht mal mehr so sehr wie so in klassischen "Wir müssen uns wehren"-Szenarien von oben beherrscht werden, sondern dass wir die Arbeit denen auch noch abnehmen, also dass wir das miteinander machen.

Wer aus der Reihe tanzt, wird kaputt gemacht

Welty: Wie meinen Sie das?

Dath: Das heißt beispielsweise, wenn ich so an jüngere Leute denke, die ich kenne, die noch in die Schule gehen: Wovon die terrorisiert werden, das sind nicht mehr wie zu unserer Zeit die Lehrer, bei denen dann überlegt, dem zünde ich irgendwann mal das Auto an. Sondern die machen sich gegenseitig kaputt - mit WhatsApp und mit all diesen sozialen Medien. Das heißt, wenn da eine oder einer aus der Reihe tanzt, dann fängt so ein Shitstorm an, dann liegen die aufeinander wie in so einem Rugby- oder Footballding, wo dann so riesige Menschenhaufen stattfinden. Nur finden die digital statt.

Das bedeutet, wir brauchen eigentlich gar niemanden mehr, der mit der Peitsche oder mit der Pauke über uns steht und uns den Takt angibt. Sondern wir besorgen das sozusagen miteinander gegenseitig. Das ist natürlich eine Situation, aus der es sehr viel schwerer auszubrechen ist, als bei so einer klassischen Theater- oder Film- oder Fernsehserienidee, wo es so einen Bösen gibt: Wenn der übel stirbt, dann ist das Üble sozusagen ausgeglichen, dann sind alle zufrieden, dann hast du das Gefühl: Der Zweck heiligt die Mittel, wenn der rebellische Held, der kleine David, die Schleuder hat und den Goliath umhaut.

Aber wenn das alles kleine Davids sind, die miteinander jeweils so leben, dass alle anderen Davids mein Goliath sind, dann wird es natürlich sehr viel schwieriger. Das kannst du nicht abschaffen, weil wir andererseits nicht außerhalb von Gesellschaft überleben können. Die Brille, der Zahnersatz, die Klamotten und das, was ich täglich esse und die Wohnung, in der ich wohne: Das habe ich ja alles nicht selber gemacht.

Das heißt, mir wird jeden Tag klar, ich bin in Gesellschaft, und das heißt, ich habe total Angst davor, dass die mich ausstößt, dass die mich irgendwie einsperrt, ausschließt, irgendwas mit mir macht, dass ich sozusagen meine Mittel nicht mehr habe. Das ist so die sehr, sehr gruselige – eigentlich viel gruseliger als ein Horrorfilm – Ausgangssituation, die ich mir vorgenommen habe.

Da sind vier Leute, und die wissen das alles, und wenn sie es nicht im Kopf wissen, dann wissen sie es sozusagen in den Nerven und in den Reaktionen aufeinander, wie sie miteinander reden. Und die Frage ist: Können sie was anderes lernen?

An den Extrempunkt gehen

Welty: Ihr Stück heißt "Die nötige Folter", und mir ist da sofort der Name Wolfgang Daschner eingefallen. Der damalige Polizeivizepräsident von Frankfurt hat versucht, im Entführungsfall des Bankierssohns Jakob von Metzler das Leben des Kindes zu retten, indem er dem Entführer auch mit Gewalt droht. Aber kann Folter tatsächlich nötig sein oder durch wissenschaftliches Interesse gerechtfertigt sein?

Dath: Das ist genau die Frage. Aber wie das bei den ganzen Antworten ist, die sich irgendwie lohnen, dann muss man daran immer auch ein bisschen selber mitarbeiten. Eine fertige Antwort gibt es nicht. Aber es ist tatsächlich so, dass der Bert Brecht, der ja mit Augsburg eng verbunden ist, weswegen ich für Augsburg genau dieses Stück machen wollte, ein Stück geschrieben hat namens "Die Maßnahme", wo es drum geht, wenn ich eine Veränderung der Gesellschaft will, muss ich da nicht Sachen auf mich nehmen, muss ich nicht Mittel akzeptieren, zum Beispiel der Selbstbestrafung, die das Ganze weiterbringen. Für eine Veränderung einer Gesellschaft, die so im Loch steckt und die sich so furchtbar anfühlt für alle, sind nicht alle Mittel richtig.

Da wollte ich einfach an einen Extrempunkt gehen, der nicht einfach ist wie "wir lösen die Sache, indem wir den Schuldigen identifizieren und kaltmachen." Mir scheint es gibt viel zu viele politische Bewegungen oder Richtungen, die denken, irgendwelche einzelnen oder Gruppen von Menschen müsse man nur loswerden, dann ist alles super. Die viel schwierigere Frage ist: Wenn mein Ziel nicht ist, irgendjemanden loszuwerden, wie ist es denn, wenn sich Leute ändern müssen und wenn ich mich auch ändern muss.

"Was der Kopf alleine macht, ist leider egal"

Da ist es nun so das klassische Mittel, etwas einzusehen und etwas zuzugeben. Ein Verhalten zu beeinflussen wäre ja, wenn man das schlimmste, das strengste, das ernsteste Mittel nimmt - sowas wie Folter, also jemandem was androhen oder antun, bis die Person irgendwie den Mund aufmacht, also die Geständniserzwingung durch Folter – oder das Verhalten ändert. Die Frage ist, man kann sehr leicht nach so einem "Die Helden kämpfen gegen die Bösen"-Klischee sagen, da muss jemand besiegt werden. Viel schwieriger ist es, sich anzugucken, da muss jemand geändert werden. Muss er das, muss sie das, geht das, darf man das, wie verändert die Anwendung eines solchen Mittels die Leute, die das tun.

Der Witz beim Theaterstück ist, man hat mehrere Figuren, das heißt, es gibt möglicherweise mehrere Antworten, und was ich mir wünsche ist, dass die Leute rausgehen und sagen "die hatte recht", "der hatte recht", "nein, sehe ich anders". Und am besten reden sie miteinander, weil wir haben uns das alle miteinander eingebrockt, und ich glaube, kein einzelnes Bewusstsein kann das lösen. Also Marx sagt an irgendeiner Stelle so schön und so schlimm: "Was der Kopf alleine macht, ist leider egal."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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