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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.12.2019

Dieter Thomä über KommunikationGrabenkriege und anonymes Hassen

Moderation: Axel Rahmlow

Die Illustration zeigt rote Pfeile aus dem Mund eines aggressiven Mannes. (imago images / Ikon Images)
Die Kommunikation in den Zehnerjahren war nach Ansicht des Philosophen Dieter Thomä stärker durch „Grabenkriege“ gekennzeichnet als zuvor. (imago images / Ikon Images)

Im abgelaufenen Jahrzehnt habe sich die enorme Wirkungskraft der sozialen Medien gezeigt, meint der Philosoph Dieter Thomä: Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Abgrenzung könne dort extrem leicht abgerufen, hochgejubelt und ausgebeutet werden.

Die Kommunikation in den Zehnerjahren war nach Ansicht des Philosophen Dieter Thomä stärker durch "Grabenkriege" gekennzeichnet als zuvor. Der Wunsch nach Gemeinschaftlichkeit stehe in einem Spannungsverhältnis zu uns als Individuen: "Sie sind mit anderen zusammen, aber Sie wollen eigentlich die anderen nur als Bewunderer oder als diejenigen, die Sie hassen können – das heißt, Sie graben Gräben und versuchen gleichzeitig, ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu erfüllen." Die sozialen Medien seien Teil längerer Entwicklungen und nicht etwas, "was uns total aus der Bahn der Moderne geworfen hat", sondern die konsequente Fortsetzung davon.

In den Zehnerjahren, so die These des an der Universität St. Gallen lehrenden Philosophen, sei die Mentalität des Autofahrers durch die Mentalität des Social-Media-Menschen ersetzt worden: "Wenn Sie Auto fahren und jemand nimmt Ihnen die Vorfahrt, dann verfallen Sie umstandslos in Aggressionsmodus und schimpfen wütend – Sie tun dies in einem geschlossenen Raum, umhüllt von einer Tonne Stahl. Der andere hört Sie nicht und Sie werden ihn nie wieder treffen, aber Sie können umstandslos Hass mobilisieren."

Das Gefühl, unantastbar zu sein

Dieses alte Muster der Interaktion wurde nach Thomäs Beobachtung im Zeitalter von Social Media ersetzt durch ein Muster, "wo Sie sich das Auto wegdenken, aber den Hass beibehalten". Man habe immer noch das Gefühl, anderen nicht wirklich zu begegnen, eigentlich immun und unantastbar zu sein – "man kommuniziert in die Welt hinein und mobilisiert einen Hass, der aus dem Stahlgehäuse des Autos heraustritt und dann irgendwie anonym oder auch mit Klarnamen den anderen erreicht." Das sei das Destruktive daran, und der schimpfende Autofahrer wirke dagegen vergleichsweise unschuldig.

Thomä spricht von einem "Problem mit der Einsamkeit" in unserer Gesellschaft: "Dass wir denken, wenn wir einsam sind, dann fehlt uns was." Das sei auch die Erklärung für die enorme Wirkungskraft der sozialen Medien. Die Sehnsucht, dazu zu gehören, könne dort extrem leicht abgerufen, hochgejubelt und ausgebeutet werden. "Einsamkeitseffekte" seien aber in der Moderne bereits viel beklagt worden, das sei nicht neu. Dennoch sieht Thomä eine signifikante Entwicklung, die mit anderen Kommunikationsmitteln zu tun hat. Er weist auf den interessanten Wortsinn des Twitter-Begriffs "Follower" hin, der Gefolgschaft und Passivität signalisiere: "Es gibt auch eine Art von Gehorsam, der darin steckt."

(cre)

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