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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.04.2019

Dieter Forte: "Als der Himmel noch nicht benannt war"Eine Hommage an die Sprache

Von Michael Opitz

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Eine Wandmalerei im Pha Taem National Park in Thailand. (S. Fischer Verlag / Imago / Westend61)
Zunächst machte sich der Mensch mittels Wandmalereien ein Bild seiner Umwelt. (S. Fischer Verlag / Imago / Westend61)

Es ist eine poetische Herausforderung, bis in die Zeit zurückzugehen, als die Menschen anfingen, den Dingen Namen zu geben. Der Autor Dieter Forte hat sich ihr in dem einzigartigen Buch "Als der Himmel noch nicht benannt war" gestellt.

"Der Mensch ist ein zerstörerisches Wesen." Dieser Meinung ist in Dieter Fortes neuem Buch "Als der Himmel noch nicht benannt war" eine Frau, die – wenn überhaupt – allein durch diesen einen Satz in Erinnerung bleibt. Mit ihrer Replik widerspricht sie dem Erzähler, der der Ansicht ist, dass der Mensch "ein erzählendes Wesen" ist.

Während die Frau in dem ungewöhnlichen Buch des 1935 in Düsseldorf geborenen Autors, der seit vielen Jahren in Basel lebt, keinen weiteren Auftritt hat, grundiert der Disput zwischen beiden Fortes Buch. Es kreist um die Frage, wer der Mensch ist.

Rätselhaft wie der Tod

Um die Frage beantworten zu können, geht Forte weit in die Geschichte zurück. Er erinnert an Namenlose, die vor uns auf der Welt waren und die anfingen, den Dingen Namen zu geben.

Auf der Suche danach, wie es angefangen hat mit der Menschheit und ihrer Kultur, setzt sich Forte zugleich mit dem Ende auseinander und erzählt vom Tod. Das verbindende Element zwischen Anfang und Ende ist die Sprache, die sich aber erst über einen langen Zeitraum bildete.

Stumm war die Welt nie. Aber "gesprochen" hat zunächst nur die Natur. Zum Säuseln des Windes gehörte das Rauschen des Wassers, und den Tieren ließen sich spezifische Laute zuordnen.

Inzwischen wissen wir viel darüber, wie "es" angefangen hat. Doch genau können wir immer noch nicht sagen, wie es in jener grauen Vorzeit wirklich gewesen ist. Der Anfang, von dem kein schriftlicher Beleg existiert, liegt im Dunkeln, und er gleicht in seiner Rätselhaftigkeit dem Tod.

Die Namen werden in Büchern bewahrt

Das Thema von Fortes Buch ist geeignet, in einem umfangreichen Kompendium verhandelt zu werden. Doch der Autor legt keine ausufernde Abhandlung vor, sondern er fügt Textbausteine wie Bruchstücke aneinander. Dabei spielt er zunächst auf früheste Kulturen an, geht dann noch weiter zurück, um schließlich jenen geheimen Punkt erzählend zu umkreisen, als unsere Vorfahren begannen, Bilder auf Felswände zu malen und sich sprechend zu verständigen.

In Beziehung setzt Forte diese Texte mit Erzählsequenzen, die vom Tod handeln und in denen die Farbe weiß dominiert. Als verbindendes Element zwischen der Welt ohne Sprache und der, in der nicht mehr gesprochen wird, platziert Forte Texte aus der Welt der Bücher.

In diesen Kapiteln begegnet der namenlos bleibende Erzähler einem Bibliothekar, der ihn umherführt in einer Bibliothek und ihn auf alte Folianten hinweist. Der Mensch hat den Dingen Namen gegeben, er hat sein Wissen erweitert und es Büchern anvertraut, damit es nicht verloren geht – er ist ein erzählendes Wesen.

Belege dafür gibt es genügend. Zugleich ist er aber auch ein zerstörerisches Wesen, das Kulturen vernichtet, Andersdenkende verfolgt und tötet.

Eine große Entdeckungsreise

Das Zurück zu den Anfängen erweist sich in Dieter Fortes Buch als eine poetische Herausforderung. Gestellt hat er sich ihr bereits 2013 in das "Labyrinth der Welt", einem Buch, das ebenfalls von vergangenen Kulturen handelt.

Vergleicht man diese beiden zuletzt erschienenen Bücher mit seiner Romantrilogie "Das Haus auf meinen Schultern", in der Forte von der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählt, scheint sich der Autor mit zwei sehr verschiedenen Themen zu befassen. Doch beide Themen haben etwas Gemeinsames. Forte, der als Kind den Krieg erlebt und erlitten hat, musste, um ihn beschreiben zu können, zunächst eine Sprache finden.

"Als der Himmel noch nicht benannt war" ist ein kleines, ein einzigartiges Buch, geschrieben in einer Sprache, die einen hebt, aufhebt, und die einen mitnimmt auf eine große Entdeckungsreise.

Dieter Forte: "Als der Himmel noch nicht benannt war"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019
92 Seiten, 17 Euro

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