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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.03.2017

Dieter Borchmeyer: "Was ist deutsch?"Wie die Deutschen mit ihrer Identität hadern

Von Wolfgang Schneider

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Cover - Dieter Borchmeyer: "Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst" (Rowohlt Berlin / picture-alliance / Heinz-Dieter Linke)
Cover - Dieter Borchmeyer: "Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst" (Rowohlt Berlin / picture-alliance / Heinz-Dieter Linke)

Kaum ein Land in der Welt hadert so mit seiner Identität wie Deutschland, meint Dieter Borchmeyer. In seinem Buch geht der Autor dem Deutschsein auf den Grund. Es gibt interessante Entdeckungen zu machen, leider aber spielt Alltagskultur kaum eine Rolle in dem Buch.

"Nie haben die Deutschen ein gesichertes Identitätsgefühl entwickelt, keine Nation hat so unermüdlich sich und den anderen Nationen Rechenschaft darüber abzulegen gesucht, was sie nun eigentlich sei, und die führenden Geister keines anderen Volks haben so harsche Kritik an der eigenen Nation geübt."

Kosmopolitisches Verständnis des Deutschen

Die unsichere Identität ist ein Leitmotiv für Dieter Borchmeyer. Anders als bei stabileren Nationen wie England oder Frankreich war das Gebiet, das wir Deutschland nennen, über Jahrhunderte zerstückelt; war Beuteobjekt oder Aufmarschgebiet umgebender Mächte. Die deutschen Insuffizienzgefühle wurden immer wieder durch schwere militärische Niederlagen verstärkt. Und wie bei einem Manisch-Depressiven ist das Gefühl des Ungenügens in den Superioritätsrausch umgeschlagen – und dann wurde es lebensgefährlich, nicht deutsch zu sein. Daraus entwickelten schon Goethe und Schiller, lange vor der Reichsgründung, ein wohlbegründetes Misstrauen gegen den Nationalismus: 

"Zur Nation Euch zu bilden, Ihr hoffet es, Deutsche, vergebens / 
Bildet, Ihr könnt es, dafür freier zu Menschen Euch aus."

Das wird zum Motto für ein kosmopolitisches Verständnis des Deutschen: Deutschland nicht als Staatsnation, sondern als Kulturnation. "Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen" – auch diese Nietzsche-Formel zitiert Borchmeyer gern. Wieder und wieder belegt er, dass die Größen der deutschen Geistesgeschichte von nationaler Verengung nichts wissen wollten, auch Wagner nicht. 

Überhaupt, die deutsche Musik. In ihrer Weltgeltung zeige sich…

Das ideale Deutschland: ein Land der Mitte

"…das plötzliche Umschlagen von Provinzialität in Internationalität, wie es Händels Dominanz in London, Glucks musikalische Herrschaft in Paris oder Mozarts europäische Präsenz manifestieren. Jener Siegeszug ist der Weg von der Provinz über die Nation hinweg zur Welt: die Signatur deutscher Weltbürgerlichkeit."

Das ideale Deutschland: ein Land der Mitte zwischen West und Ost, ein Amalgam der Weltkulturen, eine Synthese. 

Nationale Stereotypen und alltagskulturelle Vorlieben spielen bei Borchmeyer nur am Rand eine Rolle; bei ihm geht es um den hochliterarischen Diskurs. Was ist deutsch? Schau im Vorlesungsverzeichnis des Fachbereichs Germanistik nach. So erscheint dieses Buch trotz des stattlichen Umfangs von tausend Seiten eher eng konzipiert. Der Eindruck drängt sich auf, dass Borchmeyer seine Schriften zu den Themen wiederaufbereitet hat, die ihn seit langem umtreiben: Weimarer Klassik, Wagners Musiktheater, Thomas Mann. 

Das führt dazu, dass manche Unterkapitel in der hier gebotenen Akzentuierung merkwürdig schief im Konzept sitzen. Heidegger zum Beispiel. Keine Frage, dass dieser in Auftritt, Sprache und Denkstil wohl nur in Deutschland mögliche Philosoph in dieses Buch gehört. Nur scheint es, als hätte Borchmeyer gerade bloß einen Aufsatz zu Heideggers Kollaboration  im Dritten Reich parat gehabt. Für die Frage nach dem "Deutschen" wäre es aber interessanter zu ergründen, warum gerade Heidegger als Schwarzwaldphilosoph solche internationale Strahlkraft (etwa auf den französischen Existenzialismus) haben konnte, als ein weiteres Mal das Versagen der deutschen Intelligenz unter Hitler zu beklagen. 

"Die Deutschen sind eigenbrötlerisch und massenselig"

Leider entwickelt Borchmeyer nur wenige eigenständige Ideen. Stattdessen moderiert er mit außerordentlicher Belesenheit die Reflexionen und Sentenzen der Geistesgrößen und paraphrasiert einschlägige Essays zum Thema. Dabei sind durchaus interessante Entdeckungen zu machen, etwa der mit Thomas Mann befreundete Erich Kahler, dessen Denken mit bohrender Hartnäckigkeit um die Bestimmung der paradoxen Wesensart der Deutschen kreiste: 

"Sie sind eigenbrötlerisch und massenselig, untertänig und hochfahrend, friedfertig und raufsüchtig, pedantisch und schwärmerisch, treuherzig und treubrüchig, leichtgläubig und misstrauisch und alles bis aufs Äußerste."

Interessant immerhin, dass Borchmeyer, als er nach 900 Seiten kurz noch auf die jüngeren Entwicklungen seit der Wiedervereinigung zu sprechen kommt, nun einen erheblichen Bedeutungsverlust der Intellektuellen und Schriftsteller feststellt. Mit Ausnahme von Martin Walser und seinem prophetischen "Geschichtsgefühl" hätten sie 1989 weder links noch rechts der Elbe verstanden, was die Stunde geschlagen hat. Es waren die kleinbürgerlichen Massen, die diese deutsche Revolution besorgten.

"Währenddessen zogen westdeutsche Edelbitterintellektuelle ihre Bedenkenträgerstirnen in krause Falten, und auf der anderen Seite wandten die Staatsautoren der DDR – nicht wissen wollend, bestürzt, vergrämt oder beschämt – ihr Haupt ab."

Wenig inspiriert lässt Borchmeyer auf den letzten Seiten noch die sattsam bekannten Feuilleton-Debatten Revue passieren, die in den Neunzigern um Christa Wolf, Martin Walser, Botho Strauß und Peter Handke geführt wurden und bei denen es – ziemlich kleingeistig – um unterschiedliche Verletzungen der politischen Korrektheit ging.

Borchmeyers Botschaft – das Deutsche sei kosmopolitisch, übernational, überethnisch und orientiere sich am Weltbürgertum Goethes und Thomas Manns –, diese Botschaft ist auch gegen das Ausgrenzungsdeutschtum der neuen Rechten gerichtet. 

Rammstein als Fortschreibung der Volksliedtradition

Allerdings ging der kosmopolitische Anspruch einher mit kultureller Weltgeltung. Und Weltgeltung wie einst die deutsche Philosophie, die deutsche Musik oder die Lyrik der Romantik haben heutige deutsche Kulturleistungen aber nur noch selten. Rammstein – ja, die bringen Menschen in fernen Ländern immer noch dazu, mit Inbrunst ein paar deutsche Sätze mitzusingen. Aber von Rammstein als zeitgemäßer Fortschreibung der deutschen Volksliedtradition ist bei Borchmeyer eben nicht die Rede. 

Lässt sich die heute wieder so drängende Frage nach der deutschen Identität aber beantworten, wenn man über den sehr geschätzten Thomas Mann kaum hinausblickt? Ein Schmerz ist zwischen vielen Zeilen dieser gelehrten Studie spürbar: dass die hohen und weiten Reflexionshorizonte der deutschen Geistesgeschichte nur noch einer schwindenden Minderheit präsent sind. Auch dieser Schmerz ist deutsch.

Dieter Borchmeyer: "Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst"
Rowohlt Berlin, Berlin 2017
1056 Seiten, 39,95 Euro

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