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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.08.2009

Die Zukunft ist derzeit nicht zu haben

Schostakowitschs "Paradies Moskau" auf den Bregenzer Festspielen

Von Wolf-Dieter Peter

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Szene aus der Oper "Paradies Moskau" (Bregenzer Festspiele, Tristram Kenton)
Szene aus der Oper "Paradies Moskau" (Bregenzer Festspiele, Tristram Kenton)

In seiner Operette "Paradies Moskau" erzählt der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch von großspurigen Amtsleitern, bestechlichen Assistenten und aufgedonnerten Geliebten - eine Satire auf die Sowjetunion in den 50er-Jahren.

Fast überbordende Operettenstimmung im Bregenzer Festspielhaus - doch darauf muss gleich der bittere Stoßseufzer folgen: "Oooch! Und die Verhältnisse, sie sind noch immer so!" Denn der herrlich verzerrende Satire-Spiegel, den Dmitri Schostakowitsch da 1958 den Moskauer Wohnungsbaubehörden, ihren Verantwortlichen, aber auch den von den Verhältnissen schon etwas deformierten Menschen, vorhielt, dieser Spiegel zeigte plötzlich uns: unsere Wartelisten, unsere korrupten Behördenleiter, unsere Alltagskorruption gemäß "Vitamin B" wie "Beziehungen" oder neoliberal "Netzwerk".

Schostakowitsch meinte konkret den Trubel um die im Moskauer Vorort Tscherjomuschki überstürzt hochgezogenen Plattenbau-Wohnkasernen für verdiente Werktätige: damals mit Zentralheizung, Warmwasser, Bad, Küche und Balkon ungemein luxuriös und propagandistisch bejubelt, aber auch ungemein schlampig und fehlerhaft gebaut. Dennoch Objekte, für die man wie frau sich streckte, verbog und auch hinlegte.

Schon vor einigen Jahren hat der jetzige Bregenzer Intendant David Pountney dies für die englische Opera North in Leeds inszeniert: als temporeiche, genau auf bissige Pointen getimte, hinreißend grelle und böse Szenenrevue, zusätzlich mit allen Qualitäten der Londoner West-End-Theaterszene, vor allem mit typengenau ausgesuchten Sänger-Schauspieler-Tänzern.

Und da mauschelten sie entsetzlich lustig und wiedererkennbar vor sich hin: der großspurige Halbgott von Amtsleiter, seine aufgedonnerte Geliebte mit Vier-Zimmer-Wünschen, sein bestechlich schmieriger Adlatus mit dem Bund voller Schlüssel und "Blockwart"-Mentalität, die redlich tapfere Baubrigadenführerin, der obdachlos gewordene alte Vater der kunstgeschichtlich anfangs auch bis ins eigene Gefühlsleben bebrillten Museumsführerin, die Zimmer- und bettlos jungen Verliebten und viele Wodkaselige Moskauer Typen drum herum.

Schostakowitsch lässt alle Wünsche aber nur in einem utopisch grünen Zaubergarten inmitten der Betonwüste wahr werden, wo alle auf einer "Prawda"-Bank die Wahrheit sagen müssen. Vor allem aber war mitzunehmen: anfangs wurden drei wunderbar modellierte Statuen als graue "Vergangenheit", metallische Arbeiter-"Gegenwart" und titan-glänzende "Zukunft" gezeigt – am Ende aber war letztere durch das Schild ersetzt: "Die Zukunft ist derzeit nicht zu haben".

Es war kein Plakat aus dem derzeitigen Wahlkampf, dafür aber war der Jubel für Schostakowitschs schmissige Partitur und ein fabelhaftes Ensemble unter James Holmes mitreißender Leitung sehr gegenwärtig und allumfassend.

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