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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.01.2013

Die Zukunft gehört dem Zwitter

"Hybride Gebäude" als Thema auf der DOMOTEX in Hannover

Von Jochen Stöckmann

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Das Gebäude der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin - laut Architekt Eckert ein echter Hybrid. (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)
Das Gebäude der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin - laut Architekt Eckert ein echter Hybrid. (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)

Hybride Mischformen sind nicht nur aus Technik und Wissenschaft bekannt, sondern auch aus der kulturellen Debatte. Welche Rolle das Hybride in der Architektur spielt, wurde in der Reihe "contractworld" auf der DOMOTEX-Messe in Hannover besprochen.

Auf den ersten Blick wirkt sie ganz famos, jene Hybrid-Architektur, die vornehmlich in skandinavischen Büros entsteht: In Kopenhagen etwa hat BIG die Müllverbrennungsanlage mit einer Skipiste auf dem Dach kombiniert, das erspart den Freunden des Wintersports Benzin und zeitraubende Anfahrten. Ein anderes Beispiel, mit dem die "contractworld" Architekten und das Fachpublikum der DOMOTEX-Messe lockte, wäre ein Museumsgebäude, das am Abend und in der Nacht als Hotel genutzt werden kann.

Das hört sich auch sehr nachhaltig an, kann aber in den Augen des Zürcher Architekten Piet Eckert auch ein spektakulärer Vorwand sein, um möglichst große Projekte durchzusetzen – ein ökonomisches Spekulanten-Kalkül mit ökologischer Effekthascherei:

"Letztlich geht es immer noch um die Größe und darum, das Maximale daran rechtfertigen zu können. Also ist es auch ein marktökonomisches Phänomen, als das es in erster Linie konzeptionell erdacht worden ist. Ob sich jetzt das Museum rechnet oder nicht? Es kann eher zu einem Vehikel werden für das Hotel oder für andere Dinge. Es geht dann viel mehr um die Flächenproduktivität im Verhältnis zum bestehenden Stadtboden."

Die eher versteckten, die ökonomischen oder ökologischen Dimensionen prägen das Thema "Hybrid-Architektur", nicht das formal vielleicht noch so virtuose "Stapeln", das Aufpfropfen oder ineinander "Verschachteln" unterschiedlicher Funktionsbereiche. Wenn etwa eine aufgegebene Kirche in Stavanger in eine Kombination aus Turmhaus, Terrassenhaus und Containerhaus verwandelt wird, hat das ästhetische Reize – reicht aber nicht an Piet Eckerts Ideal eines Hybrid-Komplexes heran, in dem etwa die Abluft aus Restaurants oder einer kleinen Fabrik für Wohnbereiche genutzt werden:

"Um zu kombinieren braucht man Größe, und damit natürlich auch Mut zur Größe - ob das nun an einem bestimmten Ort adäquat ist oder nicht, das hängt immer von der Sache ab – und es geht es um Höhe, weil das, was sich überlagert, in der Regel auch übereinander gestapelt wird."

Nicht gestapelt, aber ineinandergeschoben hat Eckerts Büro e2a beim Berliner Neubau der Heinrich-Böll-Stiftung einen Glaskubus mit repräsentativem Foyer und den äußerst schlichten Bürotrakt. So konnten mit dem ungewöhnlich niedrigen Budget von 10 Millionen Euro 7500 qm Fläche entstehen, ohne dass der Bau ärmlich wirken würde. Ein echter Hybrid, erklärt der Schweizer Architekt:

"Ein Wohngebäude, das kombiniert wird mit anderen Programmen, verändert selten seinen Wesenszug als Wohngebäude. Deswegen ist ein hybrides Gebäude etwas anderes als ein multifunktionales Gebäude, nämlich letztlich aus einem Typus und der Verwendung eines anderen Typus einen neuen, dritten zu entwickeln, der eben plötzlich mehrdeutig wird und somit eher ein Bastard wird, aber typologisch kann so etwas zu einer neuen Entdeckung führen."

Pure Addition führt zum unsäglichen Design sogenannter Multifunktionsgeräte, die Drucker, Scanner und Kopierer zugleich sind. Gefragt ist ein "relational design", das technische Anforderungen, soziale Bedürfnisse und ökonomische Erfordernisse analysiert und am Ende ästhetisch überzeugt. Solch eine Hybrid-Architektur ist nicht durch Vorgaben der Politik zu erzwingen.

Nicht durch Kennziffern, Grenzwerte oder ein Nachnutzungskonzept, wie es in Hannover zur Expo 2000 gleich neben dem Messegelände auf der grünen Wiese realisiert werden sollte:

"Ich glaube, dass es langsam Zeit wird, dass Urbanität und die Stadt selber als Modell das Experimentierfeld einer nachhaltigeren Entwicklung wird, anstatt dass man – ähnlich wie hier in Hannover – zehn Jahre danach immer noch feststellt, dass da draußen kein Nutzer sich finden lässt, sondern diese Bedingungen im urbanen Umfeld direkt implementiert: Damit auch ein Bewusstsein entstehen kann, dass es in der Stadt besser funktioniert als irgendwo anders."

Hybride Gebäude, vor allem aber hybride Stadträume greifen ein in komplizierte Verhältnisse, in die gegenseitigen Abhängigkeiten von Bauherren und Budget, Bewohnern und deren Bedürfnissen. Da ist soziale Fantasie gefordert, die sich nicht durch eine von der Politik nach Schema F vorgegebenen Baupolitik einengen lässt, zugleich, aber auch ihr Maß kennt:

"Ein Hybrid, wenn er denn als Metapher der Stadt selber gelesen wird, muss auch mit gewissen Konventionen, mit gewissen Prinzipien in der Stadt umgehen können. Und wenn er das nicht macht, dann wird er da nur herangetragen und ist ein ultimativer Egoist. Solche Gebäude kann man wie eh und je immer an der Peripherie oder in der Agglomeration setzen. Aber wenn es darum geht, die zentralen Bereiche unserer Städte zu verdichten, also das Zentrum attraktiv zu machen, die nahen Distanzen wieder umzusetzen, dann müssen diese Gebäude auch einen Aspekt der Einordnung in sich tragen können."

Damit aber, so machte der erste Tag der "contractworld" deutlich, ist es auch in Skandinavien noch nicht weit her – zumindest nicht weit genug.

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