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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 17.10.2009

Die Zukunft des Buches

Gäste: Detlef Bluhm, Autor und Geschäftsführer beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg und Gertrud Selzer, Buchhändlerin

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Eine Frau liest auf der Buchmesse in Frankfurt am Main in einem Buch. (AP)
Eine Frau liest auf der Buchmesse in Frankfurt am Main in einem Buch. (AP)

<em>"Das Buch ist tot, es lebe das Buch?" </em> - Ob Internet, Digitalisierung oder Ebooks - es gab und gibt immer wieder Gründe, das Ende des gedruckten Buches und damit der traditionellen Buchhandlungen nahen zu sehen. Auch auf aktuellen Frankfurter Buchmesse ist dies wieder Thema, sie ist längst von einer Buch- zur Medienmesse geworden.

Präsentiert werden 400.000 Titel, darunter 124. 000 Neuerscheinungen, 37 Prozent der Bücher werden auch als Ebook präsentiert. Allein in China sind derzeit 400.000 Ebooks im Angebot, täglich kommen 8000 hinzu. Bei Amazon ist mittlerweile jedes dritte in den USA verkaufte Buch ein Ebook. In Japan boomen Handy-Romane, der letzte Schrei der Branche: Vooks – mit Videos angereicherte Ebooks für den PC oder das iPhone.

"Das Leseverhalten wird sich schneller und grundlegender ändern als bisher angenommen", sagt Detlef Bluhm. Der Autor und Geschäftsführer beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg beobachtet die Buchszene seit Langem. In seinem neuesten Buch "Von Autoren, Büchern und Piraten" zeichnet er nicht weniger als 3500 Jahre Buchkultur nach – von den Papyrusrollen der Ägypter bis zum Ebook. Der leidenschaftliche Leser und Buchkäufer sieht die Zukunft des gedruckten Buches nüchtern:

"Es ist abzusehen, dass das Buch in den Bereichen Freizeit, Reiseführer, Hobby-Literatur nur noch eine marginale Rolle spielen wird. Als Buch wird es sich vielleicht noch als prächtiger Bildband halten mit Gartenbildern – alles andere wird übers Internet oder Ebook gehen. Der ganze Informationsbereich – Wörterbücher, Nachschlagewerke - da sehe ich relativ schnell, dass das Buch eine untergeordnete Rolle spielen wird."

Auch er nimmt auf Reisen gern sein Ebook mit, anstelle eines Stadtplans lädt er sich die Informationen auf sein iPhone.

"Bei Gutenberg.de kann ich mir die Inhalte von 12.000 Büchern kostenlos anschauen. Unlängst habe ich auf einer Bahnfahrt das Nibelungenlied gelesen, die ersten 40 Seiten – alles auf dem Display."

Als Hobbykoch schlage er auch nicht mehr in dem gedruckten Kochbuch nach – dafür sei das Internet ideal.

Dennoch sieht er auch eine Zukunft für das traditionelle Buch:

"Wir leben in einer Zeit der Digitalisierung und die trägt zu einer absoluten Beschleunigung bei, beim Fernsehen, Twitter - alles wird in Häppchen geboten, auch bei den Zeitungen wird alles kürzer und knapper. Ich glaube, das Buch ist klassische Entschleunigung. Wenn ich mich mit einem 400-Seiten-Buch zurückziehe, bleibt die Welt stehen. Ich bestimme die Lesegeschwindigkeit selbst, mein Geist ist kreativ. Das gedruckte Buch kann ein Rezept sein, dieser Beschleunigung entgegenzuwirken."

Diese Entwicklung mache auch vor den Buchhandlungen nicht halt. Der stationäre Buchhandel verliere jährlich 75 Millionen Euro an den Internethandel.

"Natürlich ist es superbequem, bei Amazon ein Buch zu bestellen", weiß auch die Buchhändlerin Gertrud Selzer aus der Buchhandlung "Rote Zora" im saarländischen Merzig. "Bei uns müssen die Leute unter Umständen ins Auto steigen, sie kommen mit dem ÖPNV – und sie machen es trotzdem."

Ihre Kunden informierten sich oft im Internet, kauften dann aber doch in der Buchhandlung, auch, um das Buch anzuschauen, anzulesen, sich im Gespräch noch einmal zu vergewissern.

"Eine Buchhandlung muss mehr sein als reines Verkaufen, sie ist ein Ort der Kommunikation, man kann hören und sich austauschen, was es an kulturell Neuem im Ort gibt. Unsere Aufgabe ist, die Leute auf andere Ideen zu bringen, jenseits der Bestseller-Listen. Sie brauchen Orientierung: Ist es das richtige Buch für meine Tochter? Für den Sohn, der nicht so gern liest?"

Noch kaufen ihre Kunden traditionelle Bücher – in diesem Jahr hat sie gerade einmal zwei Ebooks verkauft.

"Ich bin grundlegend optimistisch, ich glaube, dass das Buch überleben wird. Ich glaube auch, dass sich der Buchmarkt grundlegend verändern wird und dass viele Buchhandlungen nicht überleben werden. Aber in den nächsten 15 Jahren kann ich mir ein Aus für die Bücher nicht vorstellen. Ich bin 45, es gibt in meiner Generation immer noch genug Menschen, die Bücher brauchen. Ich brauche ein schönes Buch, das ein schönes Regal macht."

Und um sich gegen die Konkurrenz im Internet und der großen Buchhandelsketten zu behaupten, lässt sich das "Rote Zora"-Team immer neue Ideen einfallen: Zum Beispiel die "Rote-Zora-Praline", kreiert von einer Kundin:

"Sie ist klein, rot, ein bisschen scharf – sie schmeckt nach Pfeffer und Chili."

Oder den "Einschließlich Genuss-Abend", bei dem man sich in der "Roten Zora" nach Geschäftsschluss einschließen lassen kann und bei Prosecco und Knabberkram im Angebot stöbern darf. Es gibt spezielle Angebote für Kitas und Schulen. Deshalb wird der "Roten Zora" auf der Frankfurter Buchmesse auch die Auszeichnung "Buchhandlung des Jahres 2009" verliehen.

"Das Buch ist tot, es lebe das Buch?" Über die Zukunft des Lesens diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Gertrud Selzer und Detlef Bluhm.

Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 / 2254 – 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet:
Buchhandlung Rote Zora
Detlef Bluhm

Literaturhinweis:
Detlef Bluhm, "Von Autoren, Büchern und Piraten - Kleine Geschichte der Buchkultur", Verlag Artemis & Winkler 2009

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