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Interview | Beitrag vom 26.04.2019

Die Zukunft des Bezahlens Auslaufmodell 500-Euro-Schein

Sebastian Gießmann im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Hand hält mehrere 500-Euro-Scheine. (APA/Barbara Gindl/picture alliance )
Zum letzten Mal ganz neu in die Hand: Die Bundesbank gibt heute die letzten Fünfhunderter aus. (APA/Barbara Gindl/picture alliance )

Die Bundesbank gibt die letzten 500-Euro-Scheine aus. Der Kulturwissenschaftler Sebastian Gießmann erprobt im Alltag alle Möglichkeiten des Bezahlens. Hierzulande verändere sich die Zahlungsmentalität besonders langsam, sagt er.

Anlässlich des Abschieds vom 500-Euro-Schein stellt sich die Frage nach der Zukunft des Bezahlens. Sebastian Gießmann erklärt in Deutschlandfunk Kultur, was in welcher Weltregion üblich ist und welche Trends zu erwarten sind.

(gem)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Es gibt Dinge, von denen werden Sie in absehbarer Zeit vielleicht nicht mehr so viel hören – vom 500-Euro-Schein beispielsweise. Der wird heute in Deutschland und übrigens auch in Österreich zum allerletzten Mal neu ausgegeben, aber keine Angst, es wird nicht so kommen wie bei der Glühbirne, also dass man mit den Großen anfängt und am Ende alles verbietet.

Außerdem ganz wichtig: Alle 500-Euro-Scheine behalten unbegrenzt ihre Gültigkeit. Also Sie müssen, wenn Sie einen haben, den auch nicht wechseln, nur wenn Sie wirklich noch einen neuen wollen, dann müssen Sie sich heute beeilen. Was das bedeutet, ob nicht vielleicht diejenigen sagen, na, das glaube ich nicht, die fangen mit dem an, und dann sind die anderen auch weg. Ob die nicht irgendwann doch recht behalten, darüber wollen wir mit Sebastien Gießmann reden, er ist Medien- und Kulturwissenschaftler an der Universität Siegen, und zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Mediengeschichte der Kreditkarte und des digitalen Bezahlens. Schönen guten Morgen, Herr Gießmann!

Sebastian Gießmann: Guten Morgen!

Kassel: Ich glaube, bevor wir anfangen, müssen wir die Fronten klären. Wie zahlen Sie persönlich am liebsten, Bargeld, Kreditkarte oder App?

Gießmann: Als Medienwissenschaftler liebt man ja alle Medien. Das heißt, ich probiere und teste, was das im Alltag heißt, und das ist die ganze Bandbreite. Im Siegerland, da gibt es immer noch die gute deutsche Bargeldkultur, man will das Geld direkt sehen, der Fremde könnte ja gleich wieder weg sein, aber gleichzeitig ist es die normale Alltagsmischung. Im Supermarkt wird es die EC-Karte, die eigentlich Girokarte heißt, international auf den Forschungsreisen natürlich eher die Kreditkarte, und eigentlich erst seit Ende letzten Jahres das App-basierte bezahlen mit Apple Pay. Dann wissen Sie auch, was für ein Mobiltelefon ich habe.

Ein Spaziergänger an der Hafenpromenade Stravenvägen in Stockholm. (image Broker/picture alliance )An der Hafenpromenade Stravenvägen in Stockholm gilt selbst beim Eisverkäufer die Barzahlung als altmodisch. (image Broker/picture alliance )

Kassel: Kann man nicht drauf kommen! Wir wissen aber beide, wo man zumindest mit dem Bargeld, auch wenn man sich die örtliche Währung – da ist es nämlich nicht der Euro – holt, nicht sehr weit kommt: Schweden nämlich, und was da einem konkret passieren kann, darüber berichtet unser Korrespondent Ulrich Schmidt.

Ulrich Schmidt: Sie stehen in einer Schlange vor einem Eisstand, die Sonne scheint über Strandvägen, der Promeniermeile Stockholms. Alle vor Ihnen zahlen das kleine Softeis mit der Kreditkarte, nur Sie zücken ein 50-Kronen-Schein und sind stolz, dass Sie es passend haben. Der Blick des schwedischen Eisverkäufers spricht Bände. Was sind Sie denn für einer? Mit Bargeld zu zahlen ist in Schweden sowas von gestrig. Kleinste Kleinigkeiten werden mit der Kreditkarte beglichen. Während in vielen deutschen Restaurants das Cash-only-Schild an der Tür abschreckt, heißt es in schwedischen Bars gerne: "no cash". Ein kleines Bier wird mit der Kreditkarte gezahlt. Teuer genug ist es ja.

Der deutsche Weg zum Girokonto

Kassel: Das ist nicht neu, selbst Schweden, dürften viele schon mal gehört haben, Herr Gießmann, und dieser Vorwurf, die Deutschen würden viel stärker am Bargeld hängen als andere, der ist auch nicht neu, aber haben Sie dafür eigentlich eine Erklärung?

Gießmann: Also ganz oft wird die Weimarer Republik als Erklärung herangezogen, die Erfahrung, sehr schnell das Geld entwertet zu sehen. Ich halte einen anderen Punkt für viel wichtiger, auch für die aktuelle Präferenz, die es immer noch gibt des Bargeldes in Deutschland. Es gibt das bargeldlose Bezahlen in Westdeutschland vor allem als die Abwechslung oder den Wechsel von der Lohntüte zum Girokonto.

Ende der 1950er-Jahre passiert das durch Sparkassen, Genossenschaftsbanken, aber auch Privatbanken. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich, plötzlich muss man ganz anders seine Zahlungen verbuchen. Es ist ein Wechsel im Alltag, auch in der Arbeitskultur. Wenn man jetzt sucht nach dem sozusagen deutschen Weg in Richtung Bargeldlosigkeit, dann muss man beim Girokonto anfangen. Der grundsätzliche Unterschied, der mich als Medienwissenschaftler immer interessiert, ist der zwischen Bargeld, das sozusagen eine direkte Interaktion ermöglicht, und einer Verbuchung der entsprechenden Transaktionen. Das ist das, was wir im Moment als große Entwicklung haben.

Geld wird wesentlich stärker nachverfolgt, kontrolliert. Das gilt vor allem für den 500-Euro-Schein. Der Grund, ihn auszuwechseln oder jetzt nicht mehr in Umlauf zu bringen, ist ja vor allem die Erwägung, dass Bargeld Kriminalität fördert. Das mag sein, weil es eben genau diese Nichtnachverfolgbarkeit auf eine gewisse Art und Weise gewährleistet, aber aus der Sicht von uns allen im Alltag sind wir natürlich nicht diejenigen, die mit dem 500-Euro-Schein kriminelle Aktivitäten vorhaben, sondern eher die ganz normalen Konsumentinnen und Konsumenten, die auch darauf verzichten wollen, dass eine bestimmte Transaktion immer schon nachverfolgbar und verortbar ist. Denn mit digitalen Bezahlsystemen ist das auf eine bisher nicht geahnte Art und Weise möglich geworden.

Mobiles digitales Bezahlen in China

Kassel: Was ich interessant finde in dem Zusammenhang gerade, was Verfolgbarkeit angeht und dem Argument, deshalb seien die Deutschen da misstrauisch, dass ja zu den Ländern dieser Welt, wo bargeldlose Bezahlsysteme schon sehr, sehr verbreitet sind, auch China gehört. Nun wissen wir, in China wird ohnehin enorm überwacht. Wie würden Sie das interpretieren? Sagt sich der chinesische Verbraucher, die wissen sowieso schon alles, da ist die Kreditkarte oder die App dann auch nicht mehr so wichtig?

Gießmann: Ich glaube, es ist etwas anders einzuschätzen. Also für China ist das Internet und das mobile digitale Bezahlen immer noch das Neueste. Es ist eher positiv besetzt im Alltag. Wir haben diese auch Datenschutzmentalität und das Bewusstsein dafür, dass die Nachverfolgbarkeit unserer Praktiken und Transaktionen tatsächlich Folgen hat. Das ist in Deutschland sehr weit verbreitet.

In China gibt es dieses Bewusstsein auch, aber es ist durchaus, womit man auch seine eigene Identität, seine Profile auszubilden lernt. Es ist auf diese Art und Weise in den Alltag integriert. Wir sehen natürlich den chinesischen Staat als großen Überwacher, aber die Art und Weise, wie Alipay und WePay als mobile digitale Bezahldienste eingebunden werden in den Alltag, ist durchaus noch mal anders zu bewerten als das, was dann an Scoring, an Überwachung und Kontrolle gleichzeitig immer mitläuft.

So wie wir das Bewusstsein der Nichtverfolgbarkeit haben, gibt es in China durchaus auch ein Bewusstsein dafür, dass man auf diese Art und Weise überhaupt erst Teil der Gesellschaft wird, und andere Gesellschaftsentwürfe bringen eben auch andere Medienpraktiken mit sich.

Eine Verkäuferin schaut auf ihr Mobiltelefon auf dem Markt in Nairobi. (Stephen Morrisson/epa/dpa/picture alliance )In Kenia ist das Mobiltelefon aus dem Marktgeschehen nicht mehr wegzudenken. (Stephen Morrisson/epa/dpa/picture alliance )

Kassel: Nun denken wir in unserer Gesellschaft bei bargeldlosem Zahlen doch meistens schon noch an irgendeine Karte, die man in die Hand nehmen kann, vielleicht sogar in einen Apparat steckt oder zumindest in dessen Nähe halten muss. Mobile Payment für das Mobiltelefon, da habe ich zu meinem großen Staunen erfahren, ist andererseits völlig alltäglich angeblich in Kenia. Habe ich da etwas völlig verpasst, also hat auch Kenia schon ein besseres 5G-Netz als wir?

Gießmann: Da haben Sie etwas verpasst, und zwar nicht auf der Ebene eines 5G-Netzes, sondern auf der Ebene von 2G und 3G, also den frühen Mobilfunkgenerationen. Kenia gilt als Pionierland durch einen Bezahldienst M-Pesa, der von einem Mobiltelefonieanbieter, Safaricom, in die Welt gesetzt worden ist, und zwar mit alten Handys, also nicht den Smartphones. Das war der Startschuss für eine Entwicklung, die ganz Afrika heute kennzeichnet in unterschiedlichen Abstufungen und Graden. Es gibt nicht nur M-Pesa über auch Ländergrenzen hinweg, sondern auch MTN, Mobile Money, auch von den Mobilfunk-Providern.

Das heißt, mit der Ausweitung der Mobilfunktechnologie in Afrika haben viele afrikanische Länder auch ganze medientechnische Generationen übersprungen. Zur gleichen Zeit hat sich Mobile Payment, das auch in Deutschland mit dem Handy möglich war in den 2000er-Jahren, nicht durchgesetzt. Der Markt war viel zu fragmentiert. Ich weiß nicht, ob Sie mal mit Ihrer Mobilfunkrechnung irgendwann etwas bezahlt haben. Ich glaube, ich habe das einige wenige Male getan.

In Afrika ist das aber Alltag, und Kenia, M-Pesa, ist das leuchtende Beispiel. Die andere Seite dessen ist, es gibt wesentlich weniger Bankfilialen. Es gibt Bankfilialen, aber M-Pesa ist auch deswegen erfolgreich, weil es sozusagen dezentral aufgeladen werden kann bei sehr, sehr vielen Agenten, die es gibt, am Kiosk, und das sind dann auch menschliche Agenten, die im Grunde genommen den Bankangestellten ersetzen. Also eine ganz andere Konfiguration und für den alltäglichen elektronischen Wertetausch absolut etabliert.

Großer Wandel im Gang 

Kassel: Jetzt werden ganz viele Leute sagen, dann ist es ja auch in Deutschland keine Frage, ob das Bargeld irgendwann komplett weg ist, sondern eher wann. Werden wir irgendwann tatsächlich überhaupt kein Bargeld mehr haben?

Gießmann: Davon gehe ich nicht aus. Also erstens verändern sich unsere Zahlungsmentalitäten wesentlich langsamer als die in den afrikanischen Ländern durch die Mobilfunktechnologie, als in China, Südasien, Südostasien durch die verschiedenen App-basierten Bezahlverfahren. Es war so, dass im letzten Jahr zum ersten Mal mehr Geld bargeldlos bezahlt und transferiert worden ist insgesamt, also von der reinen Geldmenge. Die Entwicklung, die wir im Moment sehen, die auch eine große Transformation mit sich bringen kann, ist die zum Smartphone und App-basiertem Bezahlen. Das wiederum hat einige unerwartete Optionen, und zwar im Alltag können Sie eine App der Sparkasse mit einem Android-Handy benutzen, Sie können die nicht mit einem Apple-Handy benutzen zum Beispiel. Das heißt, im Moment werden die international schon weiter etablierten Zahlungsdienste, Google Pay, Apple Pay, aber auch die Apps der Genossenschaftsbanken wie Sparkassen und der Privatbanken, auch in Deutschland immer populärer in der Nutzung vor allem bei jüngeren Generationen.

Kassel: Also die Verwirrung sorgt dann doch wieder zum Beibehalten des Alten. Ganz sicher ist die Abschaffung des 500-Euro-Scheins kein Menetekel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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