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Weltzeit | Beitrag vom 13.02.2020

Die Zukunft der TalibanJung, radikal und hilflos

Von Emran Feroz

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Taliban-Kämpfer geben im Januar 2016 ihre Waffen ab in Jalalabad, Afghanistan. (picture alliance/dpa/EPA/Ghulamullah Habibi)
8200 Taliban-Angriffe soll es 2019 laut US-Militär in Afghanistan gegeben haben. Was tun die vielen radikalisierten Männer nach dem Friedensschluss? (picture alliance/dpa/EPA/Ghulamullah Habibi)

Nach 19 Jahren soll der längste Krieg der USA enden. Präsident Trump will im Februar das Friedensabkommen mit den Taliban unterschreiben und später die Truppen aus Afghanistan abziehen. Zurück bleiben tausende radikalisierte Kämpfer ohne Plan.

Es ist ein bewölkter Tag in der nordafghanischen Provinz Baghlan. In einem Haus nahe der Hauptstadt Pul-e Khumri sitzt der 23-jährige Lemar. Er wirkt begeistert, wenn er über den Krieg in seiner Heimat spricht.

"Mit der Hilfe von Gott werden wird gewinnen. Unsere Bewegung ist sehr erfolgreich und kämpft unerbittlich."

Ein Bruder bei den Taliban, einer bei der Regierung

Bei der "Bewegung", von der Lemar spricht, sind die Taliban gemeint – und er ist einer von ihnen. Der junge Afghane versucht älter zu wirken, als er eigentlich ist. Er trägt eine lange Mähne und einen flaumigen Bart, der sein junges Alter kaum verbirgt. Hinzu kommt seine Kalaschnikow, die er lässig über seine Schulter geworfen hat. Lemar betrachtet sich als stolzen Krieger, der die gerechte Sache kämpft.

"Unter uns Mudschaheddin befinden sich viele reine, junge Kämpfer, die viel Leid erlebt haben. Sie dienen nur Gott und sobald man sie sieht, ist man von ihrer Reinheit überzeugt. Sie opfern sich für ihren Glauben. Sie sterben dafür. Das ist unser Weg, der wahre Weg."

Abdul und sein Sohn kennen den radikalisierten Taliban-Kämpfer Lemar aus der Nachbarschaft. Sie wohnen in der Provinz Baghlan und stehen vor ihrem Haus. (Emran Feroz)Abdul und sein Sohn kennen den Taliban-Kämpfer Lemar aus der Nachbarschaft. (Emran Feroz)

Wer Lemar begegnet, bemerkt schnell, dass er vollständig von der Propaganda der Taliban indoktriniert wurde. Man könnte sogar meinen, dass er der Gehirnwäsche schon von klein auf ausgesetzt war. Tatsächlich ist eher Gegenteiliges der Fall. Während Lemar für die Taliban kämpft, unterstützt seine Familie die offizielle Kabuler Regierung. Sein älterer Bruder, Aziz ur-Rahman, hat sogar einen Regierungsposten beim Gouverneur von Baghlan. Aber Lemar wollte diesen Weg nicht einschlagen. Er riss vor einigen Jahren von zu Hause aus. Mehrmals hat sein älterer Bruder versucht, ihn zurück zu holen. Vergeblich.

In Baghlan herrscht der "klassische" Krieg

Baghlan gehört zu den unruhigsten Provinzen in Afghanistan. Hier im Nordosten des Landes finden immer wieder heftige Kämpfe statt, meist zwischen Taliban und Regierungstruppen. Erst vor wenigen Tagen mussten zahlreiche Menschen aus der Region Cheshm-e Sher ihre Häuser verlassen, nachdem abermals Kämpfe zwischen Aufständischen und Soldaten ausbrachen. In den meisten Fällen nehmen beide Seiten keine Rücksicht auf Zivilisten, sagt Mohammad Sultan, ein Bauingenieur, der selbst zwischen die Fronten geriet:

"Da herrschte das reinste Chaos. Ich musste schnell das Weite suchen, ansonsten hätte man auch auf mich geschossen. Und ich rede hier explizit von den Soldaten der Armee. Denen ist es völlig egal, ob ich ein Zivilist oder ein Talib bin. Wäre ich noch länger geblieben, wäre ich jetzt wohl tot."

Sein Studium schloss Sultan in Kabul ab. Auch dort gab es Selbstmordanschläge und Bombenexplosionen. Doch aufgrund der Größe der afghanischen Hauptstadt bekam er nur selten etwas davon mit. Währenddessen herrscht in seiner Heimatprovinz Baghlan der "klassische" Krieg, an den sich alle gewöhnt haben. So beschreibt es Sultan, ganz gelassen und ruhig – während Explosionen und Gewehrfeuer in nicht allzu weiter Ferne zu hören sind.

Die "Fabrik"-Gegend in der Provinz Baghlan ist eine strukturschwache Region im Nordosten Afghanistans. Im Hintergrund sind Berge und ein Fluss zu sehen. (Emran Feroz)Die "Fabrik"-Gegend in der Provinz Baghlan ist eine strukturschwache Region im Nordosten Afghanistans. (Emran Feroz)

Sowohl der Bauingenieur Sultan als auch der Taliban-Kämpfer Lemar leben in jenem Teil Baghlans, der als "Fabrik" bekannt ist. Bei der "Fabrik" handelt es sich um eine Zuckerfabrik, die in den 1940er-Jahren mit deutscher Hilfe errichtet wurde. Für den vernachlässigten Nordosten Afghanistans war dies damals ein großer Schritt in Richtung Industrialisierung. Durch den Bau der Fabrik wurden zahlreiche neue Arbeitsstellen geschaffen, die viele Afghanen aus den verschiedensten Regionen des Landes anlockte.

Von all der Hoffnung, die damals aufkeimte, ist heute nicht mehr viel übrig. Während die Zuckerfabrik weiterhin intakt ist, zieht es immer weniger Menschen nach Baghlan. Die Provinz gilt vor allem als Transitroute nach Mazar-e Sharif, Hauptstadt der Provinz Balkh, wo auch die Bundeswehr weiterhin stationiert ist.

Aber allein die Durchreise ist schon ein Risiko. Aufgrund der Kämpfe in Cheshm-e Sher ist der Verkehr oft gestört – Busse fallen aus oder sind gezwungen das Kreuzfeuer in Kauf zu nehmen.

So scheint es nicht überraschend, wenn Bewohner der Provinz Baghlan ihre Zukunft pessimistisch sehen. So wie Sayed Kareem.

Sayed Kareem lebt im Nordosten Afghanistans in der Provinz Baghlan. Er sitzt in einem Laden und blickt aus dem Fenster. (Emran Feroz)Sayed Kareem lebt im Nordosten Afghanistans in der Provinz Baghlan. (Emran Feroz)

Er glaubt nicht an ein baldiges Ende des Krieges, trotz der anhaltenden US-Verhandlungen mit den Taliban in Katar:

"Frieden? Das ist doch Schwachsinn. Ich denke nicht, dass der Krieg in Afghanistan aufhört. Es gibt einfach zu viele Profiteure. Für die einfachen Menschen, die tagtäglich sterben, interessiert sich niemand. Über ihre Köpfe werden irgendwelche Sachen entschieden, und am Ende kommt trotzdem der Tod."

Radikalisierung durch US-Bomben auf Afghanistan

Die Eskalation des Krieges in Afghanistan hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Allein im Jahr 2019 warf das US-Militär mehr als 7400 Bomben über dem Land ab. Die Zahl der getöteten Zivilisten stieg massiv an. Auch jetzt im Januar wurden laut der afghanischen Menschenrechtskommission durch Luftangriffe schon mindestens 26 Zivilisten getötet. Es besteht kein Zweifel daran, dass derartige Angriffe in Afghanistan zahlreiche Dörfer oder ganze Distrikte radikalisieren und Menschen in die Arme der Extremisten treiben.

Das sagt auch der junge Taliban-Kämpfer Lemar. Für ihn sind die tödlichen US-Luftangriffe der beste Beweis dafür, dass man weder mit den ausländischen Soldaten noch mit der afghanischen Regierung Frieden schließen kann. Zu den Verhandlungen seiner Taliban-Anführer mit den USA in Katar möchte er nicht viel sagen. Nur so viel: Seine Führer würden ihn und die anderen Kämpfer nicht "verraten".

"Wir glauben an unsere Führung. Sie haben viele Opfer gebracht. Viele von ihnen haben ihre eigenen Familien verloren. Ihre Söhne sind als Märtyrer an der Front gestorben. Welcher Politiker in Kabul, der als Scherge der Besatzer agiert, kann dies von sich behaupten? Unsere Führer würden uns niemals verkaufen."

Lemar spielt damit zum Beispiel auf Afghanistans Präsidenten Ashraf Ghani an. Der ließ seinen Sohn Tarik Ghani in die USA aufwachsen – dort lehr er inzwischen Wirtschaft an einer Universität. Dagegen wurde der Sohn des gegenwärtigen Taliban-Führers Mawlawi Haibatullah Akhundzada im Krieg getötet.

Ähnlich wie bei vielen Führungsfiguren der Taliban, deren Familienmitglieder auch entführt oder gefoltert werden, etwa in Guantanamo. Afghanische Politiker lebten dagegen im von Hilfsgeldern subventionierten Luxus, beschwert sich Lemar. Sie würden sich bereichern und ihre Kinder auf private Universitäten in westlichen Staaten schicken.

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani, hier bei einem Treffen mit Donald Trump. (picture alliance/dpa/AP/Alex Brandon)Afghanistans Präsident Ashraf Ghani, hier bei einem Treffen mit Donald Trump, lebte von 1977 bis 2001 in den USA und war dort u.a. Professor in Berkeley. (picture alliance/dpa/AP/Alex Brandon)

Aber auch unter den Taliban gibt es inzwischen Misstrauen. Auf der einen Seite ist die politische Delegation in Katar, die seit Jahren Gespräche mit den USA führt – in Sicherheit und einem gewissen Wohlstand. Und auf der anderen Seite sind die Kämpfer an der Front in Afghanistan.

Darunter hochrangige Kommandanten, die nun seit fast zwei Jahrzehnten kämpfen oder Jungspunde wie Lemar, die den Krieg romantisieren und sich immer weiter radikalisieren. Und es sind genau ebenjene Kämpfer, die mehr und mehr die Geduld mit ihren Diplomaten im Golfemirat verlieren. Sie sind der Meinung, dass man den Amerikanern nicht trauen darf und dass ihr "Islamische Emirat Afghanistan" ohnehin den Krieg gewinnen wird. Das Kampfeswille sei ungebrochen. Das zeigen auch Statistiken:

2019: Höchststand an Taliban-Angriffen

Während Taliban-Anschläge in den letzten Monaten in urbanen Gebieten wie Kabul stark zurückgegangenen sind, findet in den ländlichen Gebieten eine Eskalation statt. Laut dem US-Militär fanden 2019 über 8200 Taliban-Angriffe statt – ähnlich wie bei den Luftangriffen der Amerikaner handelt es sich auch hierbei um einen Höchststand. Für viele Afghanen wie Mohammad aus Baghlan ist es paradox, dass der Krieg derart eskaliert, während zeitgleich Friedensgespräche stattfinden.

"Jeder kämpft hier für seine eigenen Interessen. Das betrifft sowohl inländische als auch ausländische Akteure. Der Kampf für diese Interessen wird auf den Schultern der Bevölkerung ausgetragen."

Die meisten Opfer des Krieges sind Zivilisten. 2019 wurde ein großer Teil dieser Zivilisten durch NATO-Luftangriffe, Regierungstruppen und CIA-Milizionäre getötet – ein Umstand, der von der US-Regierung gerne verleugnet wird. Ähnlich verhält es sich mit den Taliban, die weiterhin Zivilisten töten und dies gerne verdrängen. Lemar ist etwa der Meinung, dass seine Bewegung gar keine Zivilisten töten würde.

"Zivilisten? Quatsch. Sie sind schuldig. Sie standen auf der Seite der Regierung. Sie waren bewaffnet. Der Gestank ihrer Leichen ist hierfür der beste Beweis. Ich glaube weder irgendwelchen westlichen Berichten noch der verbrecherischen Regierung in Kabul. Wie kann man die überhaupt ernst nehmen? Unsere Bewegung ist rein und fügt unschuldigen Menschen gewiss keinen Schaden zu."

Der Krieg zerreißt erneut Afghanistans Familien

Schaden nehmen die Familien in Afghanistan. Der Krieg zerreißt sie, wie bei Lemar: Während der eine Sohn sich den Taliban anschließt und für deren "Islamisches Emirat" kämpft, geht der andere zur Armee. Brüder bekämpfen sich, töten sich. Dies ist auch keine neue Entwicklung. Ähnliches spielte sich bereits in den 1980er-Jahren in Baghlan und anderswo ab, als die Sowjets ins Land einmarschierten. Damals bekämpften die Mudschaheddin-Gruppierungen, die von den USA, Saudi-Arabien, Pakistan und anderen Staaten unterstützt wurden, die kommunistische Diktatur in Kabul.

Die Frage, die sich viele Menschen stellen, ist jene, was mit jungen Männern wie Lemar nach dem Abschluss eines Friedensdeals passiert. Werden sie auf ihre Führer hören, ihre Waffen niederlegen und zu ihren Familien zurückkehren? Oder werden sie unter einer neuen Flagge weiterkämpfen? Ein Mann, der sich für die Zukunft dieser Kämpfer ausspricht, ist Ex-Präsident Hamid Karzai.

"Auch diese jungen Männer lechzen nach Frieden und wollen in Ruhe leben, und das werden sie auch tun, sobald die politischen Umstände für einen Friedensdeal geschaffen worden sind. Es liegt an uns, die Reintegration dieser jungen Männer in die Gesellschaft zu garantieren. Wir müssen ihnen Möglichkeiten anbieten. Es steht außer Zweifel, dass diese Menschen in den letzten Kriegsjahren gelitten haben, und zwar viel mehr als wir. Dies muss ein Ende finden. Das ist notwendig und möglich."

Gespräche des ehemaligen Präsidenten Hamid Karzai (l) mit dem politischen Chef der Taliban Mohammad Abbas Stanikzai in Moskau im Februar 2019. (picture alliance/dpa/TASS/Sergei Fadeichev)Gespräche des ehemaligen Präsidenten Hamid Karzai (l) mit dem politischen Chef der Taliban Mohammad Abbas Stanikzai in Moskau im Februar 2019. (picture alliance/dpa/TASS/Sergei Fadeichev)

Lemar wirkt hilflos bei der Frage, was er nach einem Friedensdeal zwischen den Taliban und der US-Regierung macht. Klar ist: Alle ausländischen Truppen sollen abziehen. Anschließend müssten die eigentlichen Verhandlungen starten zwischen der gewählten Regierung in Kabul und den Kämpfern über die künftige Form des Zusammenlebens in Afghanistan.

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