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Sein und Streit | Beitrag vom 17.06.2018

Die zerfressene Moral des Westens Das unbefriedigte Übermaß an Hunger

Von Peter Trawny

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Kinder in Sanaa im Jemen strecken Zetteln in ihren Händen aus und rufen. (imago/Xinhua)
Im Jemen droht eine Hungersnot, aber auch anderswo treiben Armut und Elend die Menschen zur Flucht nach Europa. (imago/Xinhua)

Was sich in den vergangenen Jahren an Europas Grenzen und im Mittelmeer ereignet, sei nur ein kleines Vorspiel, kommentiert der Philosoph Peter Trawny. Ein Leben, das im Hungern bestehe, könne sich an den geistigen Früchten der Vernunft nicht nähren.

Am Dienstag wird die Welthungerhilfe in Berlin ihren Jahresbericht von 2017 vorstellen. In der vergangenen Woche hatte sie bereits den G7-Gipfel in Kanada kritisiert. Vor drei Jahren hatten die mächtigsten Männer und Frauen der Welt der Gruppe der sieben reichsten Industrienationen der westlichen Welt im deutschen Elmau versprochen, 500 Millionen Menschen von Hunger und Mangelernährung zu befreien. Gewiss, das Projekt ist – gelinde gesagt – ambitioniert. Doch die Zukunft dieser Industrienationen – besonders in Europa – hängt von ihm ab.

Hunger bei Karl Marx

Hunger, sagt Karl Marx, sei – ich zitiere – "ein natürliches Bedürfniß; er bedarf als einer Natur ausser sich, eines Gegenstandes ausser sich, um sich zu befriedigen, um sich zu stillen". Das ist eine praktische Definition, mit der man arbeiten kann. Hunger verlangt nach einem "Gegenstand ausser sich", nach Nahrung nämlich. Sein Problem ist dann, dass ihm allzu häufig dieser "Gegenstand", der ihn "befriedigen" könnte, fehlt. Daher gibt es einen Unterschied zwischen dem Hunger, der sich zu befriedigen vermag – und einem Übermaß von Hunger, der unbefriedigt bleibt.

Suche nach Nahrung fürs Überleben

Dieser Hunger – und das überrascht – entstammt keineswegs einem Mangel von Nahrungsmitteln. Nahrung gibt es genug. Vielmehr sind eine halbe Milliarde von Männern, Frauen und Kindern zu arm, sich täglich mit dem Nötigsten zu versorgen. Das dürfte wohl die furchtbarste Form der Armut sein: sein Leben darauf einzurichten, Nahrung fürs Überleben zu besorgen. Wer dermaßen hungert, kennt Tag für Tag keine andere Aufgabe, als "Gegenstände" zu finden, die den Hunger keineswegs stillen. Vielmehr ermöglichen sie ihm nur, Hunger zu bleiben. Leben heißt dann nichts anderes als – Hungern.

Fettleibigkeit in den USA

Im Gegensatz dazu gilt in den USA inzwischen jeder Dritte als fettleibig. Das ist mehr noch als übergewichtig. Klar, auch dieses Phänomen hängt mit sozialen Unterschieden zusammen (ich erinnere an das Problem der billigen Fast-Food-Ernährung mit ihren "All you can eat"-Angeboten). Doch die Tatsache, dass 30 Prozent der Amerikaner superfett sind, während Hunderte von Millionen Menschen sich keine Nahrung leisten können, um nicht mehr zu hungern, bleibt grotesk – ein Schlag ins Gesicht der sich aufgeklärt wähnenden Vernunft, die solche Systemfehler letztlich nur beschreiben, doch nicht erklären kann, ohne die eigenen Paradoxien einzugestehen.

Der Hunger wird ignoriert

Man braucht nicht zu betonen, dass ein Leben, das im Hungern besteht, sich an den geistigen Früchten dieser Vernunft nicht nähren kann. Das hat Konsequenzen für seine moralisch-politische Orientierung. Wer, der so hungert, wird dem expansiven Selbstverständnis des Westens, ein Ort von Moral und Kultur zu sein, vertrauen? Er nimmt zur Kenntnis, dass sein unerträglicher Hunger ignoriert wird. Extreme Positionen des Denkens und Glaubens profitieren davon.

Hilfe aus Egoismus

Was sich in den letzten Jahren an Europas Grenzen, zum Beispiel im Mittelmeer, ereignet hat, wird nur ein kleines Vorspiel gewesen sein zu dem, was geschehen wird. Wird der Reichtum auf jene Nationen beschränkt bleiben, die die globale Wirtschaft dominieren, verändert sich die Welt noch mehr, als sie es bereits tut. Die Hilfe, die wir den Hungernden verweigern, geht also keineswegs auf Nächstenliebe oder Mitleid zurück. Sie hat ganz egoistische Motive. Daher ist es umso erstaunlicher, dass sie seit Jahrzehnten ausbleibt.

Blamage des Westens

Und selbst wenn nichts geschehen wird; wenn die Hungernden in vergessenen Ländern einfach immer weiter hungern und verhungern werden, ohne eine Spur in unserem Leben zu hinterlassen, bleibt die Blamage, dass die Vernunft des Westens sich als Lüge erwiesen haben wird.   

Der Philosoph Peter Trawny leitet das von ihm 2012 gegründete Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität Wuppertal.  

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