Samstag, 28.11.2020
 

Lange Nacht | Beitrag vom 14.11.2020

Die Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek"Leben will ich, leben, leben"

Von Hermann Vinke

Porträt der jungen Wiederstandskämpferin Cato Bontjes van Beek. (Arche Verlag)
Cato Bontjes van Beek (Arche Verlag)

Am 14. November 1920, vor einhundert Jahren, wurde die Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek in Bremen geboren. Wie Sophie Scholl war sie im Widerstand gegen die Nazis aktiv, wurde zum Tode verurteilt und 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Cato Bontjes van Beek gehört der Roten Kapelle an, einer der größten Widerstandsgruppen gegen das Nazi-Regime. Die Bezeichnung Rote Kapelle stammt aus dem Fahndungsbuch der Gestapo und der militärischen Abwehr. Dass Catos Schicksal und das der anderen Anhänger der Roten Kapelle weitgehend in Vergessenheit geraten ist, liegt an der Nachkriegsgeschichte im geteilten Deutschland.

Die Widerstandsgruppe ist nach 1945 lange Jahre nicht als Teil des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus wahrgenommen worden, weil sie der Spionage verdächtigt wurde. Erst der Politikwissenschaftler Johannes Tuchel rehabilitiert die Gruppe, der Menschen unterschiedlicher politischer Couleur angehören.

Kindheit in Fischerhude

Cato Bontjes van Beeks Elternhaus ist ein Haus der Maler, Musiker, Philosophen und Lebenskünstler. Ihre Kindheit ist nahezu unbeschwert. Das Leben der van Beeks spielt sich im Wohnzimmer mit den alten Möbeln, Bildern, einem Barockspiegel und Musikinstrumenten ab. Heinrich Breling, Catos Großvater, war Maler am Hofe des bayerischen Königs Ludwig II, bevor er als königlicher Professor nach Hannover wechselte. Olga Bontjes von Beek, geborene Breling, ist seine jüngste Tochter. Als vielbeachtete Ausdruckstänzerin hat sie Auftritte im In- und Ausland. Ihre Karriere gibt sie auf als ihre drei Kinder Cato, Mietje und Tim zur Welt kommen und wendet sich der Malerei zu.

Die Aufnahme vom 23.05.2012 zeigt das vom Jugenstil-Künstler Heinrich Vogeler gestaltete Gesamtkunstwerk Barkenhoff in Worpswede (Kreis Osterholz). Der einstige Treffpunkt der Worpsweder Künstlergemeinschaft ist hier in seinem restaurierten Zustand zu sehen. (Ingo Wagner /dpa)Der einstige Treffpunkt der Worpsweder Künstlergemeinschaft: das vom Jugenstil-Künstler Heinrich Vogeler gestaltete Gesamtkunstwerk Barkenhoff (Ingo Wagner /dpa)

Jan Bontjes van Beek, Catos Vater, hat niederländische Wurzeln und gehört als Matrose am Ende des Ersten Weltkrieges den Arbeiter- und Soldatenräten an, die nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. die Revolution durchsetzen wollten. Über die von Heinrich Vogeler gegründete sozialistische Kommune Barkenhoff in Worpswede gelangt Jan schließlich nach Fischerhude, wo er sich in Olga verliebt.

Amelie Breling ist für Cato - neben ihrer Mutter Olga und Tante Louise Modersohn, geborene Breling - die wichtigste Bezugsperson, mit der sie sich in vielen Briefen über Kunst, Literatur und Philosophie austauscht. Amelie überzeugt Catos Vater, im Haus eine eigene Töpferei aufzubauen. Viele Menschen kommen ins Haus, darunter Heinrich Vogeler, Franz Radzivill, Theodor Lessing und andere.

Jahre im Ausland

Mit zehn Jahren geht Cato zu Verwandten nach Amsterdam, wo sie eine deutsche Schule besucht und Niederländisch lernt. Als sie mit 13 Jahren, im Sommer 1933 nach Fischerhude zurückkehrt, hat sich dort viel verändert. Seit Januar sind die Nationalsozialisten an der Macht und wenig später trennen sich ihre Eltern. Mit 16 Jahren geht Cato nach England. Sie lebt als Au-pair in einer englischen Gastfamilie.

In England ist Cato viel auf Achse. Sie nimmt an einer Fuchsjagd teil  und reist nach London. Mit ihren Gasteltern macht sie viele Ausflüge in die nähere Umgebung. Ihr Gastvater, der mit ihr Autofahren übt, lädt sie zum Segelflug ein, womit sich ihr Kindheitstraum vom Fliegen erfüllt.

Eine alte scharz-weiß Aufnahme zeigt Cato mit zwei Kameradinnen der Frauensegelfluggruppe in Berlin zwischen 1937-1938. (Cato mit zwei Kameradinnen der Frauensegelfluggruppe, Berlin 1937-1938)Archiv Saskia Bontjes van Beek / Elisabeth Sandmann Verlag (Cato mit zwei Kameradinnen der Frauensegelfluggruppe, Berlin 1937-1938)

Bei ihrem Vater in Berlin absolviert sie später den Schein als Segelfliegerin. Sie verliebt sich in John Hall, Student der Agrarwissenschaften.

Er ist Catos erste große Liebe. John, ein gut aussehender junger Mann, interessiert sich wie Cato brennend für die fernöstliche Philosophie. Darüber tauschen sie sich aus, lesen sich gegenseitig Zitate vor und begeben sich gemeinsam auf eine geistige Entdeckungsreise. Im Sommer 1938, nach Catos Rückkehr aus England, besucht John die Familie Bontjes van Beek in Fischerhude, wo sich John und Cato verloben. Es sind glückliche und unbeschwerte Tage.

Ereignisse werfen ihre Schatten voraus

Wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus England träumt Cato von ihrem eigenen Tod, eine Hinrichtung auf dem Schafott mit erschütternden Details:

"Mir träumte, ich sei zum Tode verurteilt worden, zusammen mit noch anderen. Warum und was ich verbrochen hatte, weiß ich nicht. Ich war aber das einzige weibliche Wesen. Nach dem Urteil wurden wir gleich zum Hinrichtungsplatz geführt. Der Weg dorthin ging durch eine große Halle, die mit rotgemusterten imitierten persischen Teppichen behangen war. Zuerst ging der Scharfrichter, dann der Richter, dann wir Verurteilten und hinter uns ein Haufen Volke. Ich spürte aber in mir nicht die geringste Trauer um mein Leben, nein, ich habe vielmehr schon mit dem Leben vollkommen abgeschlossen und warte nur noch auf die Hand des Henkers."

Im Herbst 1937 geht Catos unbekümmerte Kindheit und Jugend zu Ende. In Berlin, wo sie bald darauf ihre Ausbildung als Keramikerin beginnt, stürzt die Wirklichkeit vehement auf sie ein: Unter dem Druck der NS-Diktatur schließt Cato sich in Berlin der Widerstandsgruppe Rote Kapelle an.

Catos Vater hat in der Jungfernheide eine gutgehende Keramik-Werkstatt aufgebaut. Zunächst wohnt Cato in der Charlottenburger Wohnung ihres Onkels Hans Schultze-Ritter und ihrer Tante Josephine. Unweit der Kleinstadt Trebbin südlich von Berlin beginnt Cato Ende Oktober 1937 eine halbjährige Segelflug-Ausbildung, die sie dann erfolgreich abschließt. Zwischen Cato Bontjes van Beek und Ruth Wolff, einer der wenigen Segelfliegerinnen, entsteht eine Freundschaft, die auch getragen wird durch ihre gemeinsame Ablehnung des Nationalsozialismus.

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 weckt bei Cato düstere Vorahnungen, die sie in einem Brief an ihre Tante Louise Modersohn vom 4. März 1940 beschreibt: "An manchen Tagen spüre ich es besonders stark, dass alles seinem Ende entgegen geht. Alles wird sich verändern und nichts wird so bleiben und werden, wie wir es uns denken. Die Welt ist so schrecklich."

Cato Bontjes van Beek, Hermann Vinke (Hg.): "Leben will ich, leben, leben. Die junge Frau, die gegen die Nazis kämpfte und ihr Leben ließ"
Elisabeth Sandmann Verlag, 2020, 240 Seiten, 24 Euro

Cato wird Zeugin, wie die Gestapo eine jüdische Familie abführt, die im selben Haus wie ihr Vater wohnt. Aus Polen dringen Nachrichten von den verübten Mordaktionen an Juden und Angehörigen der gesellschaftlichen Oberschicht nach Deutschland. Im April 1940 wird Cato zum Reichsarbeitsdienst einberufen.

Ihr Tag ist ausgefüllt mit Feldarbeit, Fahnenhissen, Aufräumen und Putzen. Ganz selten dürfen die jungen Frauen die Umgebung erkunden. Der Krieg unterbricht die Verbindung zu John Hall, ihrem Verlobten in England, denn nach dem Überfall auf Polen erklären Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg. Ende September 1940 kehrt Cato nach Berlin zurück. Gleich in der ersten Nacht erlebt sie einen schweren Luftangriff. Es gibt kaum noch eine Nacht ohne Luftangriffe. Die Stadt, von der Cato sich einst magisch angezogen fühlte, wird zum Albtraum. Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 tritt der Zweite Weltkrieg in eine neue Phase.

Im Widerstand

Im September 1941 lernt Cato Libertas und Harro Schulze-Boysen, Oberleutnant im Reichsluftfahrtministerium, kennen. Aus der Sicht des Ehepaares bringt Cato wichtige Voraussetzungen für eine Untergrundtätigkeit mit: Sie ist entschlossen nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln.

Libertas und Harro Schulze-Boysen in Mülheim, um 1935 (Edition Salzgeber / Gedenkstätte Deutscher  Widerstand)Libertas und Harro Schulze-Boysen in Mülheim, um 1935 (Edition Salzgeber / Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Der Widerstandskreis Rote Kapelle leistet Hilfe für Verfolgte, vor allem für verfolgte Juden. Er dokumentiert anhand von Fotos und Informationen von der Ostfront die deutschen Kriegsverbrechen und versucht, die Bevölkerung durch Flugblätter und Zettel-Klebeaktionen aufzurütteln. Cato wirkt an der Herstellung und Verteilung von Flugblättern mit und hilft auch beim Verfassen und Übersetzen von Texten.

Die Flugblätter sind eine schonungslose Abrechnung mit dem NS-Regime. Cato, die daran aktiv beteiligt ist, gehört erstmals zu einem Kreis von Menschen, die nicht nur diskutieren, was sie innerlich bewegt, sondern zugleich etwas unternehmen: Gegen den Krieg, gegen die Vernichtung der Juden, gegen den drohenden Untergang Deutschlands, indem sie aufklären und Verfolgten helfen.

Am 20. September 1942 klingeln Beamte der Gestapo morgens um acht Uhr an der Wohnungstür von Jan Bontjes van Beek am Kaiserdamm in Berlin. Sie durchsuchen die Räume, nehmen ihn und seine Tochter Cato mit.

Letze Lebensmonate in Haft

Am 18. Januar 1943 verkündet das Reichskriegsgericht das Urteil: Cato Bontjes van Beek erhält wegen Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats und zur Feindbegünstigung die Todesstrafe. Kurze Zeit vor ihrer Hinrichtung erhält sie Besuch von ihren nächsten Verwandten. Nicht nur für Cato bedeutet die Begegnung eine tiefe seelische Erschütterung. Ähnlich ergeht es auch ihrer Mutter und den beiden Geschwistern.

Ihr Bruder Tim beschreibt diese Begegnung: "Das Erschütterndste meines Urlaubs war mein Besuch bei Dodo, die ich im Gefängnis aufsuchen durfte. Ich hätte sie fast nicht wiedererkannt, als sie – von einer Wärterin begleitet – in das Besuchszimmer geführt wurde, in dem wir auf sie warteten. Sie hatte eine völlig durchsichtige graue Haut und war furchtbar aufgeschwemmt im Gesicht und am Körper (durch die Kartoffelsuppen). Sie weinte bitterlich, als sie mich sah. Auch ich kämpfte mit den Tränen, sodass ich nicht fähig war, etwas zu sprechen."

Der 5. August 1943 ist ein Tag, wie Cato ihn liebt. Die Sonne scheint und der Himmel ist tiefblau. Am Vormittag wird sie vom Berliner Frauengefängnis nach Plötzensee gebracht, zusammen mit anderen Frauen und Männern. Sie alle sind Gefangene, die wissen, dass der Tod ihnen unmittelbar bevorsteht. Kurz nach 13 Uhr wird Cato mitgeteilt, dass ihre Hinrichtung noch am selben Tag stattfinden wird.

Bundesweit zentrales Gedenken

Was von Cato bleibt sind Briefe, Bücher und Filme über ihre Leben, aber es fehlt die breite Anerkennung Cato Bontjes van Beeks und der anderen Anhänger der Roten Kapelle als legitime Widerstandskämpfer gegen der Nazi-Diktatur. Ihr aktiver Widerstand in der Roten Kapelle und ihr geistiger Widerstand im Gefängnis – beides macht sie zu einem zeitlosen Vorbild für Mut und Entschlossenheit im Kampf gegen Unterdrückung und Unfreiheit.

Das bundesweit zentrale Gedenken zum 100. Geburtstag der Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek findet am 14. November 2020 in Form des 80-minütigen Konzertfilms "CATO" des Komponisten Helge Burggrabe und der dreistündigen Radiosendung "Leben will ich, leben, leben" des Autoren und Cato-Biografen Hermann Vinke im Deutschlandfunk statt.

Eine Produktion von Deutschlandfunk/Deutschlandfunk Kultur 2020, das Skript zur Sendung finden Sie hier.

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