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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 25.09.2018

Die Weltverbesserer - Teil 2Automechaniker revolutioniert Geburtshilfe

Von Thomas Kruchem

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Die Erfindung von Jorge Odon sieht aus wie eine Tüte und kann die Saugglocke ersetzen. (Becton Dickinson)
Babys könnten künftig mit der Erfindung von Jorge Odon zur Welt kommen. (Becton Dickinson)

Statt mit Zange oder Saugglocke könnte bei der Geburt bald eine Art "Saugtüte" helfen: Entwickelt von einem argentinischen Automechaniker, der ein Internet-Video über Korken in der Flasche sah. Ein anderer Weltverbesserer baut Mini-Solarkraftwerke.

Im Weltzeit-Podcast hören Sie beide Folgen über "Die Weltverbesserer" - auch über einen Australier, der in Afrika aus alten Wurzeln Millionen Bäume großzieht.

Hainburg – eine Gemeinde in Hessen. Ein Sattelschlepper startet vom Hof, an Board: Ein 40 Fuß großer Container - gestrichen in den Nationalfarben des westafrikanischen Mali: grün, gelb, rot. Darin ist ein Solarkraftwerk des 2014 gegründeten Startup "Africa Greentec". Sämtliche Module, die Elektronik und gewaltige Lithium-Akkus sind eingebaut. Sie lassen sich mittels ausziehbarer Arme und eines Hebedachs binnen Stunden in Betrieb nehmen. Solartainer nennen Unternehmensinhaber Torsten Schreiber und seine aus Mali stammende Frau Aida ihr Produkt.

Kapitel 4 - Die Solar-Revolution für alle

Die Reise des Solarkraftwerks geht über Hamburg mit dem Schiff nach Senegal und wieder per LKW in die malische Provinz, ins Dorf Djoliba. 4000 Menschen soll dort der Solartainer mit sauberem Strom versorgen. In einem bitterarmen Land in der Sahelzone mit allerdings reichlich Sonnenschein. Trotzdem wird bis heute fast der gesamte Strom Malis aus schmutzigem und sündhaft teurem Diesel gewonnen. Das soll das kleine Solarkraftwerk von Torsten und Aida Schreiber ändern. Wenn der Container in Djoliba ankomme, stünden Strommasten und Leitungen schon bereit.

"Die Hausanschlüsse, die wir bereitstellen, beinhalten einen Smart Meter. Das ist der Zähler, der wird über SMS gesteuert. Und in einem Hausanschluss enthalten sind dann zwei Steckdosen und drei LEDs. Wir wollen, dass die Leute auch gleich auf LEDs umsteigen, um eben auch den Strom effizient zu nutzen."

Der Container des deutschen Start-ups "Africa GrenTec" fährt durch das malische Djoliba in der Koulikoro-Region. Steine und wüstenähnliche Vegetation sind zu sehen. (Africa GrenTec)Der Container des deutschen Start-ups "Africa GrenTec" im malischen Djoliba in der Koulikoro-Region. (Africa GrenTec)

Strom für Licht, Handys, Ventilatoren, kleine Mühlen und sehr wichtig: Kühlschränke. Riesige Mengen Lebensmittel und Medikamente verderben in der Hitze Malis, weil sie nicht gekühlt werden. Bald, hofft Schreiber, werden die Nutzer seiner Solartainer auch mit Strom kochen. Dazu allerdings müssen sie auf den Geschmack ihres traditionell auf Holzfeuern gekochten Essens verzichten. Und sie brauchen moderne Induktionskocher, die erst wenige malische Händler im Sortiment haben. Eine wichtige Zielgruppe für sein Start-up "Africa Greentec" sind derweil auch Gewerbetreibende.

"Wir haben jetzt dadurch, dass wir auch bis zu 400 Volt anbieten können in unserem Netz, auch verstärkt eben Schweißer, Schlosser, also auch richtige kleine Betriebe, die dann eben vor Ort auch helfen, zu bauen, Türen zu reparieren, Achsen zu reparieren, Räder zu reparieren, Türrahmen zu schweißen."

Anschluss an die große weite Welt

Und natürlich Internetcafés. Auch die Menschen in Malis Provinz suchen Anschluss an die große weite Welt, "Afrika Greentec" stellt ihn bereit:

"Der Hauptbeam, das Hauptsignal, kommt via Satellit zu uns zum Container und wird dann eben über eine Antenne verteilt. Und um den Container herum, sage ich mal, 500 Meter bis ein Kilometer, haben wir dann praktisch ein eigenes Wifi-Netz im Dorf, in das sich dann jeder mit seinem Telefon direkt einloggen kann. Man kann dann bei unserem Container eben einen Voucher kaufen. Das kann man dann eben hochladen. Und dann kann man eben für diese Zeit, die man dann bezahlt hat, auch im Internet surfen.

16 Solartainer hat das hessische Unternehmen bis Mitte September 2018 errichtet – einen in Niger, 15 in malischen Dörfern.

Das aufgebaute Mini-SolarKraftwerk des deutschen Start-ups "African GrenTec" im malischen Djoliba steht wie drei Dächer in der Steinwüste. (African GrenTec)Das aufgebaute Mini-SolarKraftwerk des deutschen Start-ups "African GrenTec" im malischen Djoliba. (African GrenTec)
Torsten Schreiber empfinde tiefe Freude, wenn er mal wieder eins der Dörfer besucht.

"Was wir momentan sehen, ist, dass, sobald wir da aktiv sind, sobald also die Lichter angehen, auch die Straßenbeleuchtung abends, blühen diese Dörfer regelrecht auf. Leute, die im Ausland leben, die ursprünglich aus diesen Dörfern kommen und dort ihre Familien haben, schicken Geld. Es werden Grundstücke gekauft, es werden Immobilien gebaut, Läden entstehen, Arbeitsplätze entstehen. Es ist ein regelrechter Boom in so einem Dorf. Und die Schulen werden teilweise wiedereröffnet. Kinder gehen wieder in die Schule, weil man eben dann auch abends lernen kann. Tagsüber, dürfen wir nicht vergessen, haben wir teilweise 45 Grad im Schatten. Und durch Strom entsteht eben auch eine soziale Verlagerung in den Abend, in die kühleren Abendstunden, wo Menschen dann auch wieder produktiver sind. Viele Betriebe, Töpfereien, arbeiten dann eben abends bei Licht, bei elektrischem Licht, weil es tagsüber eben sehr, sehr heiß ist."

Dessen ungeachtet ist Schreiber Unternehmer. Sein Geschäftsmodell, solarbetriebene Mininetze in Afrika zu installieren, sei nagelneu, erklärt er. Und es sei erst tragfähig, seit die Preise für die Bauteile drastisch sinken. Trotzdem, auch Solarstrom kostet:

"Der Preis pro Kilowattstunde am Tag liegt bei 20 Euro-Cent im Moment. Und am Abend bei ungefähr 40 Cent. Das klingt jetzt erst mal sehr viel, gemessen am Haushaltseinkommen."

Man müsse allerdings berücksichtigen, "dass die Leute im Moment, wenn sie Energie haben, das aus Dieselgeneratoren beziehen. Und aufgrund der Dieselpreise von ungefähr einem Euro pro Liter kostet so eine Kilowattstunde umgerechnet dann fast einen Euro." Zudem stelle sein Mini-Solarkraftwerk im Dorf sicher, "dass die Leute eben eine zuverlässige Stromversorgung haben. Vorher, wenn sie diese Generatoren betreiben, läuft der oft nur anderthalb bis zwei Stunden am Tag. Wir kommen jetzt praktisch mit einem Angebot von rund 14 Stunden am Tag."

Ein Solartainer kostet, inklusive Transport nach Mali, 200.000 Euro. Hinzu kommen bis zu 100.000 Euro für ein lokales Stromnetz und die Kosten für zwei selbst ausgebildete Elektriker und einen Wachmann pro Container. Geld, das wieder reinkommen muss.

"Wir finanzieren unsere Solartainer ja privat über Investoren und müssen eben aus dem Stromverkauf auch unsere Erlöse erzielen, um dann unsere Kredite zurück zu bezahlen. Wir sind kein Entwicklungshilfeprojekt, um dann Strom zu verschenken oder Internet, sondern wir sind ein Sozialunternehmen, was wirklich auch vorhat, ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzubauen."

Und das Potential? Zwei Solartrainer im Monat errichten die Sozialunternehmer Aida und Torsten Schreiber zurzeit. Und sie haben noch viel vor – in ihrem Kampf für saubere Energie in Afrika.

"Wir haben selbst jetzt mal, intern, uns schlau gemacht, wie viele Dörfer denn potenziell auch mit unserem System versorgt werden könnten. Und da haben wir allein in Afrika 1,5 Millionen Dörfer identifiziert. Also da gibt es dann schon noch genug zu tun für uns."

Kapitel 5 - Bezahlen per Handy wie in Afrika

Strom ist eine Ressource, die Teilhabe an modernem Leben, sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung erleichtert. Es gibt etliche solcher Ressourcen: Zugang zu Bildung, zu ordentlichem Essen und Gesundheitsversorgung, Zugang auch zu bargeldlosen Zahlungsverkehr. Milliarden Menschen in Entwicklungsländern zahlen bis heute Rechnungen und schicken Geld an Verwandte, indem sie persönlich hinfahren, jemanden beauftragen oder Geld in einem Umschlag schicken. Mühselige, teure und riskante Prozeduren. Zugang zu einem Bankkonto haben, insbesondere in Afrika, nur wenige Menschen. In Kenia jedoch begann Anfang 2007 eine weltweit einmalige finanztechnische Revolution – initiiert von den Mobilfunkunternehmen Vodafone und Safaricom.

Bezahlen mit dem Handy ist durch M-Pesa in vielen afrikanischen Ländern zum Standard geworden. Eine junge Frau wischt mit dem Finger über das helle Handy-Display. (imago | Westend61)Bezahlen mit dem Handy ist durch M-Pesa in vielen afrikanischen Ländern zum Standard geworden. (imago | Westend61)

In groß angelegten Werbekampagnen warben die Unternehmen für ihr neues Produkt M-Pesa – bargeldlosen Zahlungsverkehr per Handy für jedermann. Das neue Produkt sei eingeschlagen wie eine Bombe, berichtet zehn Jahre später Michael Joseph, seinerzeit Chef von Safaricom. Binnen weniger Monate meldeten sich über eine Million Kenianer für das neue Zahlungsverfahren an – ein genial einfaches Verfahren:

"Sie zahlen bei einer M-Pesa-Agentur Bargeld ein, das per SMS in elektronisches Geld auf ihrer SIM-Karte verwandelt wird. Wenn Sie dieses E-Geld nun transferieren, erhalten Sie eine SMS-Quittung und der Empfänger eine SMS, dass er, zum Beispiel, 100 Pfund von Ihnen bekommen hat. Die kann er bei jeder beliebigen M-Pesa-Agentur abheben. Eine Transaktion, die Sekunden dauert und sehr wenig kostet – meist weniger als ein Prozent der transferierten Summe."

Vor wenigen Tagen telefoniere ich mit Safaricom-Manager Sitoyo Lopokoiyit, der heute verantwortlich ist für M-Pesa in Kenia. 160.000 M-Pesa-Agenten gebe es inzwischen in Kenia, erzählt er: Kioske, Supermärkte, Tankstellen.

Eine M-Pesa-Agentur im Slum Mathare in Nairobi. Eine Frau sitzt vor Wellblech-Kiosk. (Thomas Kruchem)Eine M-Pesa-Agentur im Slum Mathare in Nairobi. (Thomas Kruchem)

Auch in entlegenen Dörfern sei die nächste Agentur nur Minuten entfernt. 30 Millionen Kenianer nutzen M-Pesa. Mit ihren elektronischen Geldbörsen wickeln sie Tag für Tag 15 Millionen Finanztransaktionen ab: Überweisungen an die Familie, Zahlung der Schul- und Telefongebühren oder des Restaurantbesuchs.

"Sie können mit M-Pesa Waren und Dienstleistungen bei über 100.000 kenianischen Händlern bezahlen. Wir sind in diesem Bereich inzwischen zehnmal größer als Visa und Mastercard. Sie können auch, dank unserer Verbindung zu allen Banken in Kenia, Geld von Ihrem Bankkonto aufs Smartphone transferieren – und umgekehrt. International können Sie aus 190 Ländern Geld auf ihr Handy überwiesen bekommen. Und über den Zahlservice PayPal haben Sie Zugang zu 200 Millionen Händlern weltweit. Wir sind verbunden mit dem Google Play Store, mit Western Union, mit zahllosen internationalen Unternehmen."

Innovative Geschäftsmodelle rund um die Bezahlplattform

"Der Wirtschaftsprüfungskonzern KPMG hat ausgerechnet, dass Kenias M-Pesa-Kunden Jahr für Jahr anderthalb Milliarden Euro sparen – an Kosten für Finanztransaktionen. Kein Wunder, dass das Handy-Bezahlsystem auch in anderen Ländern Fuß fasst. Nicht in Europa, wo Bezahlen per Handy noch weitgehend unbekannt ist, aber in Lesotho, der Demokratischen Republik Kongo, Mosambik und Ghana, in Afghanistan und Indien.

Besonders stark ist das Wachstum in Kenias Nachbarland Tansania. Und hier wie in Kenia wachsen rund um die Bezahlplattform innovative Geschäftsmodelle: Sie helfen ärmeren Menschen, die oft nur kleine Summen Geld zur Verfügung haben und selten Monatsrechnungen auf einmal bezahlen können. Sie können mit Hilfe von M-Pesa zum Beispiel in Tansania mit Flüssiggas kochen, wie mir Jessica Alderman vom Sozialunternehmen Envirofit erzählt. Die Hightech-Gasflaschen des Unternehmens verfügen über GPS und eine SIM-Karte. Der Kunde muss nichts investieren. Er kann täglich kleinste Mengen Gas zum Kochen seines Abendessens erwerben anstatt viel teurer und gesundheitsschädlich Holzkohle auf dem Markt zu kaufen.

"Wir liefern dem Kunden die komplette Technik samt Gasflasche ins Haus, installieren sie und zeigen dem Kunden, wie sie funktioniert. Der Kunde kann nun per M-Pesa-Überweisung das Ventil der Gasflasche für beliebige Mengen Gas elektronisch freischalten. Und sobald uns die Flasche mitteilt, dass sie zu 80 Prozent entleert ist, bringen wir automatisch eine neue Flasche."

Kapitel 6 - Findiger Automechaniker hat Idee für Geburtshilfe

Im Frühjahr 2018 besuche ich Mukuru, ein Slum in Kenias Hauptstadt Nairobi. In der Wellblechhalle der Songa Mbele-Tagesstätte für behinderte Kinder singt eine Betreuerin mit 20 Kindern zwischen drei und acht Jahren. Sie sitzen in Hochstühlen; die meisten verkrampft vornübergebeugt. In einem Bett liegt die siebenjährige Mbithe, gestreichelt von ihrer Mutter Christina Katui.

"Mbithes Geburt dauerte zwei Tage und von Anfang an war sie anders als andere Kinder. Sie wuchs nie richtig, sie ist blind und kann nicht sprechen. Sie hat immer wieder Krämpfe und Husten. Ich hätte Böses getan, sagen meine Nachbarn, deshalb hätte ich ein solches Kind."

Mbithe und die anderen Kinder hier sind Opfer einer frühkindlichen Hirnschädigung, der infantilen Zerebralparese. Betroffen sind weltweit zwei von tausend Kindern, in Afrika – nach Schätzungen – fünfmal so viele. Und Hauptursache hier ist nicht, wie in Industrieländern, eine Frühgeburt, sondern Sauerstoffmangel infolge zu langer Wehen.

Zentrum für behinderte Kinder im kenianischen Mukuru. Auch der kleine Jeremy hat Hirnschäden infolge Sauerstoffmangels durch zu lange Wehen erlitten. Er sitzt auf dem Bett mit Betreuerin. (Thomas Kruchem)Zentrum für behinderte Kinder im kenianischen Mukuru. Auch der kleine Jeremy hat Hirnschäden infolge Sauerstoffmangels durch zu lange Wehen erlitten. (Thomas Kruchem)

Die Geburtshilfe in Afrikas Slums und Dörfern müsse besser werden, sagt mir eine junge Physiotherapeutin. Im Internet hat sie recherchiert, dass es da ein wunderbares neues Instrument gebe – erfunden von einem argentinischen Automechaniker. Ich solle doch mal Doktor Mario Merialdi anrufen, lange Zeit führender Experte für Geburtshilfe bei der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Der noch erstaunlich jung wirkende italienische Arzt ist mehr als bereit zu einem Gespräch. Bei weltweit 13 Millionen Geburten jährlich komme es zu ernsten Komplikationen, berichtet er. Täglich sterben immer noch 800 Frauen einen vermeidbaren Tod. Unzählige Kinder verlieren ihr Leben oder ihre Zukunft.

"Bei rund 15 Prozent aller Geburten gibt es Probleme, die eine ärztliche Intervention erfordern – mit der Zange oder einer Saugglocke oder mit einem Kaiserschnitt. Solche Interventionen können Leben retten, sind zugleich aber mit Risiken behaftet – für die Mutter und für das Baby. Und es bedarf sehr gut ausgebildeter Geburtshelfer, um diese Interventionen richtig durchzuführen."

Ein Kaiserschnitt ist in afrikanischen Slums oder Dörfern selten möglich. Die meisten Mütter dort entbinden ohne qualifizierte Geburtshilfe. Da kann dann eine falsch angesetzte Geburtszange leicht Schläfenkochen des Babys brechen. Eine auf dem Kopf des Babys falsch angesetzte Sauglocke kann schwere Blutungen und Hirnschäden verursachen. Beide Techniken seien uralt, erklärt mir Mario Merialdi – die Zange 500 Jahre, die Saugglocke fast 200 Jahre.

Der Geistesblitz des Jorge Odon 

Eine wirklich neue Erfindung habe es im Bereich der Geburtshilfe seit Jahrhunderten nicht gegeben – bis vor etwa zehn Jahren der argentinische Automechaniker Jorge Odon einen Geistesblitz erlebte.

"Jorge Odon beobachtete, wie Mitarbeiter seiner Autowerkstatt in Buenos Aires versuchten, einen in eine leere Flasche gedrückten Korken aus der Flasche herauszuziehen, ohne ihn zu beschädigen. Nach dem Vorbild eines YouTube-Videos führten sie eine dünne Plastiktüte in die Flasche ein, die sich doppelt über den Korken legte. Als die beiden dann Luft in die Tüte bliesen, legte die sich fest um den Korken. Und mit einem Ruck konnten sie ihn unbeschädigt aus der Flasche herausziehen – Jorge Odon war beeindruckt. Und während der folgenden Nacht kam ihm plötzlich die Idee, dass das Korken-aus-der-Flasche-Prinzip auch nützlich sein könnte bei der Entbindung von Babys. Mitten in der Nacht weckte Jorge seine Frau und begann, ihr von Korken und Babyköpfen zu erzählen. Die Frau aber schüttelte nur den Kopf und sagte ihm, er solle weiterschlafen."

Erfinder Jorge Odon hält seine Alternative zur Saugglocke in den Händen. Früher war der Argentinier Automechaniker. (Jorge Odon)Erfinder Jorge Odon hält seine Alternative zur Saugglocke in den Händen. (Jorge Odon)

Jorge Odon jedoch, Inhaber mehrerer Patente im Automobilsport, ließ sich nicht beirren. Er begann, Prototypen eines neuartigen Instruments für die Geburtshilfe zu bauen und argentinischen Fachärzten vorzuführen. Die Ärzte lachten zuerst, dann wurden sie nachdenklich und informierten 2013 schließlich den WHO-Experten Merialdi. Der habe, so sagt er, seine anfängliche Skepsis rasch überwunden.

"Wehen und Entbindung sind zwar biologische, zugleich aber auch biomechanische Prozesse. Denn das Kind muss ja rein mechanisch den Geburtskanal durchqueren – ein Prozess, für den ein Automechaniker durchaus tieferes Verständnis entwickeln kann. Und als ich Jorge Odon traf, war ich extrem beeindruckt von dem Wissen, dass er sich zu allen Aspekten der Geburt erarbeitet hatte. Er hatte sich sogar ein lebensnahes Modell des weiblichen Beckens besorgt, um den mechanischen Prozess der Geburt besser zu verstehen."

Es ist ein sehr einfaches Instrument, das aus zwei Teilen besteht. Eine Tüte aus weichem Polyäthylen wird mithilfe einer Einführungshilfe aus Kunststoff in den Geburtskanal eingeführt und um den Kopf des Babys gelegt. Die Tüte ist doppellagig, und sobald sie richtig sitzt, wird Luft zwischen die beiden Lagen geblasen. Nun umgreift die Tüte sanft, aber fest den Kopf des Babys. Der lässt sich herausziehen und das Baby dann entbinden.

Vielversprechende klinische Studie

Rasch begriff der WHO-Experte, dass ihm der bescheiden, aber selbstbewusst auftretende Jorge Odon ein Instrument vorführte, das nach einer bahnbrechenden Jahrhundertentwicklung roch. Unverzüglich mobilisierte Merialdi seine Kontakte zu einem führenden Biomechanik-Institut in den USA, reiste mit Odon dorthin und organisierte nach vielversprechenden Simulationstests eine erste klinische Studie mit 50 Frauen ohne große Probleme bei der Geburt. Das Ergebnis:

"Das Instrument hinterlässt keinerlei Spuren auf dem Körper des Babys. Und wir haben die betreffenden Babys sehr genau untersucht. Auch mehrere Simulationsstudien zeigen, dass das Odon-Instrument einen weit geringeren Druck auf den Kopf des Babys ausübt als, zum Beispiel, die Geburtszange. Kurz, alle bisherigen Erfahrungen deuten darauf hin, dass das neue Instrument Babys deutlich weniger belastet als die auf den Skalp aufgesetzte Saugglocke oder die an den Schläfen ansetzende Zange.

Hinzu kommt: Das Odon-Instrument ist als steril eingesetztes Einweg-Instrument konzipiert. Da dürfte es, gerade unter hygienisch prekären Bedingungen, weit weniger Infektionen geben als mit abgenutzten Zangen und Saugglocken. Außerdem lässt sich der Umgang mit dem neuen Instrument kinderleicht erlernen, man kann wenig falsch machen.

Ende 2018 beginnt nun eine so genannte randomisierte klinische Studie – durchgeführt von der nationalen Gesundheitsbehörde eines EU-Landes und finanziert von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Mehrere hundert Frauen mit Problemen bei der Entbindung werden, per Losverfahren, entweder mithilfe der Sauglocke oder mithilfe des Odon-Instruments entbunden. Für den Fall, dass sich das neue Instrument, wie erwartet, als wirksam und sicher erweist, hat Jorge Odon den amerikanischen Medizingerätehersteller Beckton Dickinson, kurz BD, mit Produktion und Vertrieb beauftragt. Mario Merialdi arbeitet inzwischen für BD. Und der inzwischen 60-jährige Odon hat seine Autowerkstatt seinem Sohn übergeben.

Unterwegs auf medizinischen Fachkongressen

Mit einem Modell seiner Erfindung reist der Argentinier nun um die Welt und hält Vorträge bei medizinischen Fachkongressen. Gemeinsam mit Mario Merialdi wirbt er dafür, dass sein Instrument nicht nur die Zahl der Kaiserschnitte in Europa oder Amerika reduziert, sondern – bei einem Preis von vielleicht 30 Euro – auch in armen Regionen Afrikas verfügbar gemacht wird.

"Dieses Instrument könnte, in erheblichem Maße, verhindern, dass Babys bei der Geburt sterben oder schwere Hirnschäden erleiden. Dies können wir allerdings nur dann erreichen, wenn das Odon-Instrument tatsächlich überall zur Verfügung steht. Wir sollten nicht, wie in so vielen Fällen, unsere Arbeit einstellen, wenn wir bewiesen haben, dass das Instrument wirksam und sicher ist. Nein, jede gebärende Frau, die es braucht, sollte Zugang zum Odon-Instrument haben."

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