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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.02.2007

Die Welt in einem magischen Licht

Maurizio Maggiani: "Reisende in der Nacht", Edition Nautilus, Hamburg 2007, 224 Seiten

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Wüstenboden (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)
Wüstenboden (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)

Das Leben besteht aus Geschichten und daraus, diese Geschichte weiter zu erzählen. Das jedenfalls begreift Maurizio Maggianis namenloser Held in dem Roman <em>Reisende in der Nacht</em> als den Kern seines Daseins. Der italienische Vogelforscher befindet sich mitten in Afrika und durchquert mit einigen Angehörigen des Nomadenvolkes der Tuareg die Wüste, um den Flug der Schwalben zu beobachten.

Zu seinem Gefolge gehört auch ein professioneller Geschichtenerzähler, ein alter Mann mit einem Gehstock, der jeden Abend am Lagerfeuer in einen betörenden Singsang verfällt und das berichtet, was am Tage geschah. Da geht es um einen in die Jahre gekommenen, stolzen Löwen, den die Nomaden verehrten und dessen verblutender Leichnam seit Jahren an verschiedenen Stellen auftaucht. Oder um Kamelstuten und die wundersamen Dinge, zu denen sie in der Lage sind. Oder die Rede kommt auf einen Oleanderstrauch, der inmitten eines trockenen Wadi plötzlich erblüht ist. Oder es geht um einen jungen Mann, der spärlich bekleidet und ohne Wasserschlauch durch die Wüste wandert, seit vielen Jahren schon.

Gemeinsam mit dem Vogelforscher, zugleich der Ich-Erzähler des Romans, werden wir Zeugen des mühseligen Alltags in der Sahara. Die Tage sind glühend heiß, die Nächte kalt, die Mahlzeiten kärglich. Einmal nimmt der Italiener teil an einem Fest, zu dem auch eine französische Journalistin namens Marguerite angereist ist. Sie will eine Reportage über die Gebräuche der Tuareg schreiben.

Als während der Feierlichkeiten eine junge Frau beginnt, einem – wie bei den Tuareg üblich – verschleierten Mann den Hof zu machen, fragt Marguerite in westeuropäisch unempfindsamer Art nach dem Grund für das Liebeswerben. "Schönheit" antwortet ihr die Frau und lädt sie ein, sie am nächsten Tag zu besuchen, um ihr zu zeigen, was Schönheit bedeutet.

Unter den Augen der gesamten Familie wird die französische Besucherin als Braut zurecht gemacht: geschminkt, frisiert, mit Schmuck behangen und eingekleidet. Das sei Schönheit. Aber Marguerite kann sich selbst nicht betrachten, denn Spiegel besitzen die Tuareg keine. Schönheit, so lautet die indirekte Belehrung, ist nicht nur eine Sache der Oberfläche.

Auch der Vogelforscher beginnt, Geschichten auszubreiten: Kindheitserlebnisse fließen in das Gewebe der Wüstenerzählungen ein, Erinnerungen an seinen Vater Dinetto, einen Mann, der mit seinen selbst gebauten Vogelkäfigen ebenfalls der Schönheit auf der Spur war. Außerdem nimmt der Wissenschaftler Bezug auf einen (authentischen) französischen Pater, der zwanzig Jahre bei den Tuareg lebte und Bücher über sie schrieb.

Dann tauchen Erlebnisse früherer Reisen auf, als er Bärenforscher in Bosnien war und während des Balkankrieges die verlagerten Routen der Tiere dokumentierte. Schließlich werden Berichte vom Krieg in Tschetschenien mit seinen grausamen Verbrechen eingeflochten, Geschichten von Vertreibung und Unterdrückung. Doch plötzlich endet die Nacht, der Wüstenmorgen bricht an, und die Truppe zieht weiter.

Maggianis Roman besticht vor allem durch seine intensive Atmosphäre. Wie auch in früheren Büchern gelingt es dem Schriftsteller, der 1951 in Castelnuovo Magra geboren wurde und seit vielen Jahren in Genua zu Hause ist, eine besondere Stimmung zu erzeugen. Dabei geraten Wirklichkeit und surreale Erfahrungen in ein eigentümliches Spannungsverhältnis: Immer wieder weisen die Geschichten über sich hinaus und tauchen die Welt in ein magisches Licht. Abendländische Ratio genügt nicht, um sie zu durchdringen und ihren Zauber einzufangen. Da braucht es andere Fähigkeiten, wie sie die Wüstenvölker noch besitzen.

Ein Rest dieses ursprünglichen Weltempfindens steckt immer noch in der Fähigkeit des Erzählens. Zentral ist für Maggiani das Motiv der Wiederholung: unabhängig von dem Kulturkreis, ob in Afrika oder auf dem Balkan, sind es ruhelose Gestalten, die im Mittelpunkt stehen, Figuren, die universelles menschliches Leid verkörpern und für alle Ewigkeiten unterwegs sind.

Maggianis Roman wurde in Italien mit dem Premio Strega 2003 ausgezeichnet, neben dem Premio Campiello der wichtigste Literaturpreis des Landes, was auch damit zusammen hängt, dass der Schriftsteller fremde Weltgegenden literarisch erschließt. Reisende in der Nacht ist eine poetische Inbesitznahme der Fremde.

Rezensiert von Maike Albath

Maurizio Maggiani: Reisende in der Nacht
Aus dem Italienischen übersetzt von Andreas Löhrer.
Edition Nautilus, Hamburg 2007
224 Seiten, 22 Euro

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