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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.07.2010

Die Welt aus Schafsperspektive

Leonie Swann: "Garou. Ein Schaf-Thriller", Goldmann-Verlag, München 2010, 416 Seiten

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Sehen unwissend aus, können aber Einiges: Schafe. (dradio.de)
Sehen unwissend aus, können aber Einiges: Schafe. (dradio.de)

Nach fünf Jahren legt Leoni Swann die Fortsetzung ihres erfolgreichen Schafskrimis vor. Dieses Mal spielen neben Schafen auch Ziegen mit. Die Tiere interpretieren die Welt auf ihre Weise und führen damit bisweilen die menschliche Sicht ad absurdum.

Die Erwartungen an Leonie Swann waren hoch, als sie bekanntgab, es würde eine Fortsetzung ihres äußerst erfolgreichen Schafkrimis "Glennkill" geben. Fünf Jahre liegen zwischen den beiden Büchern, und natürlich hat die Autorin aus einer Fortsetzung eine Steigerung machen wollen. Und so hat sie sich bemüht, ihrem Erstling mit "Garou" in jeder Hinsicht noch eins draufsetzen.

Diesmal ist es ein Werwolf, der sein Unwesen treibt, ein "Loup Garou", und so wird aus einem Krimi kurzerhand ein Thriller. Auch auf tierischer Seite musste eine zweite Gattung her, nicht mehr nur Schafe sind beteiligt, sondern auch Ziegen. Und die Handlung spielt nicht mehr im beschaulichen Irland, sondern die neue Schäferin Rebecca wurde durch das Testament ihres Vaters dazu verpflichtet, mit den Schafen nun endlich die versprochene Europareise nachzuholen.

Die Geschichte ist wiederum durchaus spannend. Auf einer Weide in Frankreich sollen die Schafe Winterquartier halten. Doch nebenan weiden zum Leidwesen der Schafe stinkende Ziegen, aber immerhin hat man einen prächtigen Blick auf das nahe gelegene Schloss mit seinen zahlreichen Fenstern. Und natürlich rätseln Leonie Swanns Schafe, was hinter diesen Scheiben wohl so alles passiert.

Plötzlich wird in der Nähe der Weide ein totes Reh entdeckt, und etwas übereilt kommt man zu der Einschätzung, dass das arme Reh einem Werwolf zum Opfer gefallen sein müsse. Und dieser werde bestimmt weiter morden – auch Schafe und Menschen.

Neben der Schafsperspektive hat sich Leonie Swann in "Garou" auch auf die Sichtweise der Ziegen eingelassen, doch man merkt, dass sie die Schafe bevorzugt. Schafe und Ziegen interpretieren die Welt auf ihre Weise und führen damit bisweilen die menschliche Sicht ad absurdum. Oft entsteht gerade daraus eine höhere, bessere Logik.

Zumindest ist es eine famose Einladung an die menschlichen Leser, die Dinge mal mit anderen Augen zu sehen. Mit großer Erzählkunst und Sinn für Absurdes führt die Autorin zum Beispiel aus, wie der neue Schäferhund abgelenkt wird oder wie die Schafe mit Hilfe einer ausgetüftelten Falle planen, den Werwolf zur Strecke zu bringen. Am Ende schnappt die Falle sogar zu – wider Erwarten, und auch der Schluss des Romans ist sehr einfallsreich. Die Autorin spielt gekonnt mit Situationen und Konstellationen und nimmt sich – wie schon in "Glennkill" – nicht zu ernst.

Leonie Swann hat auch in "Garou" ungewöhnliche Einfälle, etwa wenn Schafe und Ziegen an menschlichen Redewendungen scheitern. So kichert eine Ziege über die Frage, ob denn ein Fenster auf die Weide gehe. Ein gehendes Fenster, so ihre Antwort, habe sie überhaupt noch nie gesehen.

"Garou" ist eine vergnügliche Lektüre für alle, die "Glennkill" mochten. Wer gern Alltägliches und auch Kompliziertes aus der Sicht von Tieren erkundet, wird sich über die Fortsetzung amüsieren können. Aber: Der Reiz des Neuen ist verflogen, und wer "Glennkill" gar nicht kennt, wird sogar Mühe haben, die Hauptpersonen bzw. –tiere mit deren speziellen Fähigkeiten einzuordnen.

Besprochen von Roland Krüger

Leonie Swann: Garou. Ein Schaf-Thriller
Goldmann-Verlag, München 2010
416 Seiten, 19,95 Euro

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