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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.11.2012

"Die Wehmut hält sich in Grenzen"

Publizist Micha Brumlik zum möglichen Ende der "Frankfurter Rundschau"

Micha Brumlik im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

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Die Frankfurter Rundschau ist wahrscheinlich bald Geschichte. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Die Frankfurter Rundschau ist wahrscheinlich bald Geschichte. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)

Die "Frankfurter Rundschau" könne zwar auf eine große Geschichte zurückblicken, die lebendigeren Debatten hätten zuletzt jedoch woanders stattgefunden, sagt Micha Brumlik. Der Erziehungswissenschaftler meint, der Zeitung sei es nicht gelungen, "Anschluss an die neuen gesellschaftlichen Lagen des 21. Jahrhunderts zu finden".

Jan-Christoph Kitzler: Wenn man heute die Titelseite der "Frankfurter Rundschau" betrachtet, dann ist die größte Schlagzeile etwas verwirrend. "Gütlich geeinigt" steht da. Es geht um den Tarifstreit bei den Flugbegleitern der Lufthansa. Rechts daneben steht dann aber ein Text in eigener Sache, an dem man einen Eindruck davon bekommt, wie diese Ausgabe der "Frankfurter Rundschau" gestern entstanden ist. Gestern kam nämlich die Meldung, die Rundschau hat Insolvenz angemeldet. Im Fernsehen konnte man Bilder sehen von betroffenen Mitarbeitern, die sich versammelt haben. Aber im Text in eigener Sache zeigt man sich zumindest ein bisschen kampfbereit. "Es ist nicht das Ende der Frankfurter Rundschau", steht dort.

Die "Rundschau" ist eine der großen Zeitungen in Deutschland und eine Ikone der Linksliberalen. Wie wäre das, wenn es diese Zeitung nicht mehr gäbe? Das will ich mit Micha Brumlik besprechen, er ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main. Guten Morgen, Herr Brumlik.

Micha Brumlik: Guten Morgen!

Kitzler: Wie wehmütig sind Sie denn, angesichts dieser Meldung von der Insolvenz der "Frankfurter Rundschau"?

Brumlik: Die Wehmut hält sich in Grenzen, da ich zwar in den letzten Jahren immer mal wieder in der "Frankfurter Rundschau" geschrieben habe, mich aber doch zunehmend mehr an anderen Zeitungen orientiert habe in den letzten Jahren. Es ist der "Frankfurter Rundschau" nur schwer gelungen, Anschluss an die neuen gesellschaftlichen Lagen des 21. Jahrhunderts zu finden, obwohl sie sich kräftig darum bemüht hat.

Kitzler: Das Thema der Insolvenz behandelt die Rundschau heute relativ klein. Es gibt nur diesen Text in eigener Sache. Andere Zeitungen haben das ein bisschen größer gefahren heute, zum Beispiel auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ist das vielleicht auch ein bisschen Ausdruck davon, dass das inzwischen ein kleinmütiger Verein ist?

Brumlik: Das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass die Belegschaft und die Verantwortlichen der "Frankfurter Rundschau" eher den Mund spitzen, um zu pfeifen, um sich Mut zu machen, dass es vielleicht doch irgendwie weitergehen möge. Deswegen wird hier eine gewisse Normalität zelebriert, die der Sache nach natürlich nicht gegeben ist. Die "Frankfurter Rundschau" kann auf eine große Geschichte zurückschauen, sie war die zweite Zeitung in Deutschland, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von den westlichen Alliierten lizenziert worden ist, und es gibt sie seit dem 1. August 1945, mindestens diese Lizenz. Man bedenke, dass der Zweite Weltkrieg überhaupt erst am 8. Mai zu Ende gegangen ist.

Kitzler: Die "Rundschau" steht natürlich auch für große journalistische Namen, für Karl Gerold, für Karl-Hermann Flach, aber natürlich auch für Zeiten, die es so nicht mehr gibt, oder?

Brumlik: Ja! Damals herrschte in Frankfurt und in der alten Bundesrepublik West eine andere Konstellation. In Frankfurt hatten wir es mit einem Bündnis oder einer Konstellation einer breit aufgestellten SPD, sehr mächtigen Gewerkschaftsorganisationen, einem linksliberalen Bürgertum und nicht zu letzt einer außerordentlich politisch aktiven und interessierten linken Studentenschaft zu tun. Das alles hat in der "Frankfurter Rundschau" seinen Ort gefunden. Diese zum großen Teil parallel, aber gelegentlich auch gegeneinander laufenden Interessen wurden hier wie in einem Prisma gebündelt.

Kitzler: Das hat man natürlich auch an den Themen gesehen: die Berichterstattung über den Häuserkampf in Frankfurt, über die Friedensbewegung dann. Die Rundschau gilt ja auch immer so ein bisschen als Stimme der 68er. Ist das vielleicht dann auch ein Beleg dafür, dass diese Generation der 68er immer bedeutungsloser wird?

Brumlik: Ich glaube nicht, dass sie bedeutungsloser geworden sind. Ich glaube, dass die 68er ganz verschiedentlich in die Gesellschaft integriert sind, in Parteien, in Gewerkschaften, aber auch in die Presse. Nicht wenige 68er finden sich heute auch in Redaktionen, die man eher als bürgerlich-konservativ, bürgerlich-liberal bezeichnen möge.

Nein, ich glaube, speziell in Frankfurt, dass sich auch das Frankfurter Lesepublikum gewandelt hat. Die Hälfte der in Frankfurt Beschäftigten pendeln ein und pendeln aus. Die Innenstadt wird dominiert von meist jüngeren Leuten um die 30, 40, Mitte 40, die im wesentlichen im Bereich der Finanzwirtschaft tätig sind. Das sind alles keine Leser mehr, die grundsätzlich an den linksliberalen Thesen und Themen der alten Bundesrepublik Deutschland interessiert sind.

Kitzler: Dann gab es ja auch die Formatänderung auf das kleinere Format. Der Mantel wird seit dem letzten Jahr in Berlin produziert. Sie haben es schon gesagt: in den letzten Jahren haben Sie sich auch ein bisschen abgewandt von der "Frankfurter Rundschau". Seit wann war das denn nicht mehr Ihre Zeitung?

Brumlik: Na ja, ich habe mich jedenfalls – ich will jetzt hier nicht Reklame für ein Gegenprodukt machen – in den letzten Jahren zunehmend mehr an der Tageszeitung TAZ orientiert, weil ich schon fand, dass dort die lebendigeren Debatten stattgefunden haben.

Kitzler: Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, Professor an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main, über das möglicherweise Sterben der "Frankfurter Rundschau". Haben Sie vielen Dank und einen schönen Tag.

Brumlik: Danke – auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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