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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.02.2012

"Die Vorzüge des neuen Mediums liegen ja auf der Hand"

Kommunikationswissenschaftler Giesecke über die digitale Revolution

Michael Giesecke im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Gibt es einen stumpfsinnigen Umgang mit dem Internet? (picture alliance / dpa)
Gibt es einen stumpfsinnigen Umgang mit dem Internet? (picture alliance / dpa)

Internet-Guru David Gelernter warf der jüngeren Generation einen "stumpfsinnigen Umgang mit dem Internet" vor. Der Kommunikationswissenschaftler Michael Giesecke antwortete darauf, es gehe darum, sich zu fragen, wie man die Ressourcen dieser beiden ganz unterschiedlichen Medien zusammenbringen könne.

Marietta Schwarz: Die digitale Revolution ist in vollem Gange und in regelmäßigen Abständen tauchen Kritiker auf, die quasi den Untergang des Abendlandes durch die neuen Entwicklungen heraufziehen sehen. Am Wochenende hat der Internet-Guru und Zukunftsforscher David Gelernter bei den "Berliner Lektionen" gesprochen, und da konnte man einmal mehr hören, dass der Pionier des Cloud Computing dem Medium inzwischen auch sehr kritisch gegenübersteht, denn nicht den digitalen Maschinen und dem Internet huldigte er, sondern dem gedruckten Buch und eigentlich jedem Wort – ein geradezu kulturkonservativer Ansatz, der sich im weiteren auch darin ausdrückte, dass er den jüngeren Generationen einen "stumpfsinnigen Umgang mit dem Internet" vorwarf. Unter anderem sagte er:

O-Ton David Gelernter: "Der Cyberspace ist zunächst insofern gefährlich, als er das Tempo oder den Informationsdurchsatz oder den Cyber-Puls in unserer Zivilisation steigert, in immer schnelleren und schließlich in gefährlichen Geschwindigkeiten. Wir alle wissen das. Allerdings ist es nötig, die üblen Auswirkungen des exzessiv hohen Cyber-Puls auf das Lesen und Schreiben im Rahmen der Produktion von Wissen und Erkenntnis in der modernen Welt zu betonen."

Schwarz: So weit der amerikanische Internet-Pionier David Gelernter bei seiner Rede in Berlin, und den Kommunikationswissenschaftler Professor Michael Giesecke habe ich gefragt, ob er David Gelernter zustimmt.

Michael Giesecke: Das Problem scheint zu sein, wie man die Buchkultur und die neuen Informationsmedien zusammendenken kann, und da gibt es eben die Möglichkeit, eine Konkurrenz zu sehen, die sicherlich auch da besteht, und es gibt die andere Möglichkeit, sich zu fragen, wie man die Ressourcen dieser beiden ganz unterschiedlichen Medien zusammenbringen kann und sie nutzen kann.

Schwarz: Aber, Herr Giesecke, zunächst einmal kritisiert David Gelernter ja, dass er sagt, unsere Bereitschaft, in Texte wirklich einzutauchen, sie uns zu erarbeiten, die sinkt und im Gegenteil: Wir halten uns nur noch im Internet auf, wir surfen, die Taktung ist höher, eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, Häppcheninformation statt wirkliche Vertiefung. Das würden Sie also nicht unterschreiben?

Giesecke: Es wäre sinnvoller, denke ich, sich genauer zu überlegen, was denn eigentlich die Leistungen dieser Buchkultur gewesen sind und welche dieser Leistungen es verdienen, weiter so prämiert zu werden, wie das in den vergangenen Jahrhunderten der Fall gewesen ist. Man könnte ja auch die Gegenthese aufstellen, unsere europäischen Kulturen vor allen Dingen und die Industriekulturen überhaupt haben sehr lange Zeit viel zu viele Werte auf die Buchkultur, auf die Schrift, auf das logische Denken gelegt, und es ist an der Zeit, diese Allmacht zu relativieren, und dann kämen die neuen Medien gerade recht, um bei dieser Relativierung mitzuhelfen.

Schwarz: Das ist natürlich eine sehr provokative These. Der Allmacht des Buches, von dem Sie sprechen, wird jetzt die Allmacht im Internet entgegengestellt. Was ist das denn für eine Allmacht, die Allmacht, wo jeder seinen Sermon dazugeben kann?

Giesecke: Ich würde grundsätzlich eine solche Gegenüberstellung nicht gut finden. Man kann meines Erachtens die Vorzüge der Buchkultur nicht gegen die Vorzüge oder Nachteile der elektronischen Medien aufwiegen, das funktioniert nicht. Die Vorzüge des neuen Mediums liegen ja auf der Hand. Wer einen guten Abschluss im Bachelor machen will, kommt um das Internet nicht drum herum.

Die Frage ist, ob jeder so weiterstudiert und beispielsweise einen Magisterabschluss machen will, ob es dazu ausreicht, sich weiterhin nur auf das Internet zu stützen, oder ob es dann sinnvoll und notwendig ist, sich auch wieder der Buchlektüre zu widmen und mehr Zeit zu verwenden, um ein Thema eindringlich, also schriftgestützt zu lernen.

Schwarz: Das heißt aber, wenn ich Sie richtig verstehe, Herr Giesecke, auf einen Teil der Bücher können wir getrost verzichten, auf einen anderen Teil vielleicht nicht?

Giesecke: Manche Professionen können auf einen größeren Teil von Buchlektüre verzichten, als das bislang der Fall gewesen ist, andere können es weniger, und man muss einfach differenzieren, für wen dieses Buch weiterhin quasi das primäre Medium sein wird.

Schwarz: Für wen?

Giesecke: Ich denke, zum Beispiel für die Theologen.

Schwarz: Nur für sie?

Giesecke: Na ja, als Literaturwissenschaftler würde ich meinen, dass auch für die Literaturwissenschaft als einer Wissenschaft, die ja zum größten Teil auf schriftgestützte Texte angewiesen ist, da wird das auch schwierig werden. Aber da sieht man ja auch neue Entwicklungen. Es gibt ja auch Literaturen in den neuen Medien, die ganz andere Qualifikationen erfordern. Ich meine, auch in weiten Bereichen der Technik wird es so sein, dass man weiter das buchgestützte Lernen braucht.

Aber ich denke andererseits, wenn man sich mal die Geschichte anguckt, dann wird man finden, dass auch während der Buchkultur es viele Handwerke beispielsweise gegeben hat, in denen das Lernen aus Büchern eine absolut untergeordnete Rolle gespielt hat, und wir haben auch eine ideologische Sicht, denke ich, auf diese Buchkultur, indem wir meinen, dass in dieser Zeit wirklich das meiste Wissen über Bücher transportiert wurde. Das ist ja gar nicht unbedingt der Fall. Es hat immer Bereiche der Gesellschaft gegeben, wo in der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht das Wissen weitergegeben wurde, oder bei praktischen Tätigkeiten. Also es hat immer vielfältige Formen der Wissensweitergabe gegeben, und nun ist eine weitere hinzugetreten, und wie immer gibt es in diesen Situationen einen Konkurrenzkampf zwischen den etablierten und den neuen Formen.

Schwarz: Ist denn die Art der Wissensaneignung durch das Internet eine andere?

Giesecke: Sie ist vielfach anders, natürlich, und ich meine, das hat der Kollege Gelernter ja auch ganz gut herausgearbeitet, dass wir die Möglichkeit haben, parallel sehr viel mehr Informationen zu verarbeiten, als das bislang der Fall war, und deshalb muss man sich damit beschäftigen, wie eine solche Parallelverarbeitung von Wissen organisiert werden kann. Man hat zu einem Zeitpunkt sehr viele Quellen, aus denen man Informationen ziehen kann, und das ist in der Buchkultur im Prinzip auch der Fall gewesen, aber natürlich quantitativ weitaus geringer.

Das ist dieses Schlagwort, wie werde ich mit der Informationsflut fertig, und da bin ich nur dadurch in der Lage, mich mit auseinanderzusetzen, wenn ich ein Konzept habe, wie ich vielfältige unterschiedliche Informationsangebote ausbalancieren kann, bewerten kann, und das ist eine Fähigkeit, die zu entwickeln ist.

Schwarz: Die haben wir noch nicht entwickelt?

Giesecke: Ich bin auch skeptisch, dass meine Generation das schaffen wird, aber nachwachsende Generationen werden das tun, und das Schlagwort ist hier Balance, es ist der Versuch, nicht mehr quasi monotheistisch nach einer Lösung zu suchen, sondern zu versuchen, mehrere gleichwertige Lösungen nebeneinander so lange in der Schwebe zu halten, bis die Praxis Aufgaben stellt, die dazu führen, dass man die eine dieser Seiten als die bessere Lösung dann für sich akzeptiert - also ein sehr viel Längeres in der Schwebe halten und eine größere Toleranz gegenüber unterschiedlichen Wahrheiten.

Schwarz: Michael Giesecke, Professor für Kommunikationswissenschaften – danke für das Gespräch, Herr Giesecke.

Giesecke: Bitte sehr.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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