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Tonart | Beitrag vom 08.08.2016

Die Viola CaipiraBrasiliens wahres Volksinstrument

Von Felicitas Förster

Die Studentin Almeida Leão Ayupe lernt in der Musikschule Viola Caipira. (Deutschlandradio / Felicitas Förster)
Die Studentin Almeida Leão Ayupe lernt in der Musikschule Viola Caipira. (Deutschlandradio / Felicitas Förster)

In Deutschland ist die Viola Caipira nahezu unbekannt - anders ist das in Brasilien: Hier ist die "Gitarre des Bauern" besonders populär. Was unterscheidet das Instrument von einer klassischen Gitarre und wie kommt es zu seinem ungewöhnlichen Namen?

Anália Ataide: "Das sind fünf Paare: Eins, zwei, drei, vier, fünf. Und je kürzer man die Saiten macht, desto höher der Ton."

Anália Ataide hat unter ihren Arm ein Instrument geklemmt, das man leicht mit einer klassischen Gitarre verwechseln könnte. Aber schaut man genauer hin, zählt man nicht nur sechs, sondern ganze zehn Drahtsaiten. Fünf davon sind auf die Grundtöne gestimmt: H, E, Gis, H und E. Zu den zwei tiefsten Saiten kommt je eine Saite auf demselben Ton, die restlichen drei klingen je eine Oktave höher. Außerdem ist der Korpus etwas schlanker als der der klassischen Gitarre.

Die Gitarre des Bauern

Viola Caipira, so heißt das Instrument. Man könnte das mit "Gitarre des Bauern" übersetzen. Häufig wird sie aber einfach nur "Viola" genannt. Anália Ataide unterrichtet dieses Instrument an der Musikschule der brasilianischen Kleinstadt Viçosa. Sie leitet auch die Musikschulband, mit der sie die typische Volksmusik der Region einstudiert: Die sogenannte "Música Caipira". Sie wird vor allem in den ländlichen Regionen Zentral- und Südbrasiliens gespielt und dabei ist die Viola das wichtigste Begleitinstrument.

Zur heutigen Probe der Musikschulband sind noch einige Senioren der Stadt dazu gekommen. Sie singen einen ihrer liebsten Schlager: "O menino da porteira". Er erzählt von einem Jungen, der auf dem Land lebt, kein Geld hat, sich aber durch seine große Hilfsbereitschaft auszeichnet. Eines Tages stirbt er auf rätselhafte Weise. Ein typisches Thema solcher Lieder, den "Modas de Viola", wie die Lehrerin Anália Ataide erklärt.

"Das Lied erzählt eine Geschichte darüber, was früher auf dem Land in Brasilien, also in der bäuerlichen Welt geschehen ist. Die 'Moda de Viola' berührt einen, weil sie vollkommen ehrlich ist."

"Die Viola singt"

Die Musik der Viola soll bewegen. Besonders Frauen soll sie zum Weinen bringen. So wird eine bestimmte Form der Viola "Cebolão", also "Zwiebel" genannt, weil angeblich bei Frauen die Tränen fließen, sobald sie das Instrument hören. Gerade so, als würde man eine Zwiebel schneiden. So weit geht es bei Almeida Leao Ayupe nicht, dennoch liebt die 24-jährige das Instrument. Und zwar so sehr, dass sie sich dazu entschlossen hat, Unterricht auf der Viola Caipira zu nehmen.

Almeida Leao Ayupe: "Wenn man die Viola spielt, halten alle inne, wegen dieser Spannung. Das ist nicht nur was zum Anschauen, denn die Finger sind ja sehr schnell auf der Viola. Nein, ich glaube das ist der Klang. Ich finde, die Viola singt."

Almeida besucht einmal in der Woche die Musikschule und lernt Viola, nach Noten und gewissenhafter Anleitung. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre das nicht möglich gewesen. Wer die Viola spielen wollte, musste nach Gehör lernen. Noten und Lehrer gab es nicht in der ländlichen Region. So sind einige Legenden um das Viola-Spiel entstanden. Ein Geschenk Gottes sei es, die Viola zu beherrschen. Wer damit nicht gesegnet sei, könne sich mit Magie behelfen.

Er könne zum Beispiel um die Sympathie einer Giftschlange werben. Oder aber am Grab eines großen Viola-Spielers beten. Jedoch nicht irgendwann, sondern am Karfreitag müsse das sein. Laut der Musiklehrerin Anália Ataide bestehen solche Mythen um das Viola-Spiel bis heute.

"Deswegen habe ich mich entschieden, Viola zu unterrichten. Denn hier in Brasilien wollen viele Leute an der Folklore teilhaben. Aber sie haben nicht die Möglichkeit, die Musik zu erlernen, besonders nicht die Viola. Diese Geschichten sind natürlich Teil der Folklore, aber es gibt sie vor allem deswegen, weil die Leute nur wissen, wie man die Viola spielt, aber nicht, wie man sie anderen beibringt. Also wird sich erzählt, das sei ein magisches Ereignis. Weil es so schwer ist."

Tradition trifft auf Popkultur

Albuquerque: "Am Morgen griff ich nach der Viola, packte sie in mein Säckchen und ging auf die Reise."

Das singt hier der Straßenmusiker Marcio Albuquerque. Seine Reise führte ihn in die Einkaufsmeile von Viçosa, in der er mit seinem Hut zu Füßen auf Kleingeld wartet. Das Lied allerdings stammt von Almir Sater, einem Großen der brasilianischen Popmusik, der so genannten "Música Popular Brasileira". Darin treffen traditionelle Stile auf moderne Ansprüche. Die "Música Popular Brasileira" hat der Viola zu neuem Ruhm verholfen. Vom einfachen Bauerninstrument ist sie zum musikalischen Begleiter im Scheinwerferlicht aufgestiegen. Und auch auf der Straße leistet sie gute Dienste, so der Straßenmusiker.

Albuquerque: "Die Viola Caipira ist ein Instrument mit vielen Möglichkeiten. Ursprünglich war sie ein Instrument der traditionellen brasilianischen Musik, genannt 'Música Caipira'. Aber in den letzten 25 Jahren haben brasilianische Musiker die Viola Caipira befreit, haben sie auch für klassische Musik eingesetzt und auch in der Popmusik wie bei Chico Buarque kommt sie vor. Sie ist sehr vielfältig."

Wandelbar trotz unverkennbarem Klang

Doch statt nur über die Möglichkeiten der Viola zu reden, demonstriert Marcio Albuquerque lieber, was er meint. Bitte schön: Bach auf Viola Caipira.

Oder wie wäre es mit Vivaldi?

Und nicht zu vergessen, Brasiliens vielleicht wichtigster musikalischer Export…

Albuquerque: "Chico Buarque für Deutschland, das ist gut!”

Die "Viola Caipira" ist so wandelbar wie die Gitarre und doch hat sie einen unverkennbaren Klang. Das ist womöglich der Grund, warum die Viola in Brasilien nicht von der normalen Gitarre verdrängt wurde.

In brasilianischen Popbands spielen häufig beide Instrumente zusammen. So scheint die Zukunft der "Viola Caipira" gesichert.

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