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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.08.2012

Die Verwundungen der Seele

Ulrich Becher: "Kurz nach 4", Roman, Arco Verlag, Wuppertal 2012, 264 Seiten

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Die Kulisse für Bechers Roman ist das Wien der Aufbaujahre (AP)
Die Kulisse für Bechers Roman ist das Wien der Aufbaujahre (AP)

Ulrich Becher, geboren 1910 in Berlin, war der einzige Meisterschüler von George Grosz, bevor er seine ersten Bücher verfasste. Doch der literarische Erfolg blieb ihm Zeit seines Lebens verwehrt. In seinem nun wiederveröffentlichten Debütroman "Kurz nach 4" durchleuchtet der Autor die Seele des traumatisierten Nachkriegseuropas.

Es ist das Jahr des österreichischen Staatsvertrags, 1955, als sich der Grafiker und Hochschullehrer Franz Zborovsky auf den Weg nach Rom macht. Dort will er einen Freund wiedersehen, den er viele Jahre, getrennt durch die Kriegswirren, aus den Augen verloren hat. In seinem Fiat strebt er an einem heißen Sommertag von Innsbruck Richtung Süden. Doch er kommt nur bis Piacenza, wo er sich in einem Hotel für die Nacht einmietet. Doch der Lärm der Straße lässt ihn keinen Schlaf finden. Verdrängtes der fernen und nahen Vergangenheit bedrängt den Ruhelosen.

Zborovsky erinnert sich an die Unzertrennlichkeit mit seinem Schulfreund Kostja Kuropatkin, die große Liebe seines Lebens, auf die es auch Kostja abgesehen hatte, deren überstürzte Abreise in ihre Heimat Spanien und Kostjas Weggang nach Paris, der Anschluss Österreichs 1938. Zborovsky denkt an seine Teilnahme im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner, seine Inhaftierung in Frankreich und Mauthausen, seinen Kampf als Partisan in Jugoslawien, die Rückkehr nach Österreich. Stundenlang liegt der Protagonist hellwach, bis er kurz nach Vier Uhr früh einer Sinnestäuschung unterliegt, die ihn noch intensiver in die Vergangenheit katapultiert.

Tags darauf schafft es der "Romfahrer", wie Becher seine Hauptfigur nennt, bis Parma, wo er dunklen Dom einer früheren Affäre, der Schauspielerin Alma Hasenreither, begegnet. Sie gibt ihm den letzten Anstoß, an sein tiefes Trauma, das Tabu seines Lebens zu rühren.

Zborovskys Reise nach Rom ist eine Reise zu sich selbst, Erkenntnis und Therapie. Ulrich Becher schreibt von der "leergeschossenen Generation havarierter Europäer" und schildert mit dem Roman eine wenig beleuchtete Epoche, über die Zeit und Entwicklung rasch hinweggeschritten sind: Die Nachkriegszeit und die noch schweren unverarbeiteten Verwundungen der Seele.

Dabei gelingt Becher die präzise Studie eines Menschen, der sich nach Jahren des Kampfes noch nicht gänzlich in die Zeit des Friedens gefunden hat, der noch vieles um sich herum mit der Kriegszeit assoziiert, während das neue Europa bereits zusammenzuwachsen beginnt. Italien ist Feriendestination, vorerst noch ein wenig so exotisch wie heute Vietnam, doch bereits Ziel des aufkommenden Massentourismus.

Der aus Berlin stammende Autor beschreibt auch das Österreichische so perfekt, als ob er dort nicht nur fünf, sondern 50 Jahre gelebt hätte: Die Figur der Alma Hasenreither erinnert im Dialog wie eine Weiterentwicklung der Schauspielerin in Schnitzlers "Abschiedssouper". Becher trifft den Tonfall, die geschmeidige wie unheroische Art des Wieners, kennt die Intrigen der Stadt.

Da insbesondere geißelt er jene sonderbare Allianz aus frühzeitig emigrierten, wenig erfolgreichen Juden und ehemaligen Nazis, die als Spießgesellen des CIA in der McCarthy-Ära Jagd auf alle machen, die sie als "links" beurteilen. In einem Nachwort stellt Arco-Verleger Christoph Haacker Bezüge her zwischen einigen Figuren des Romans und deren Vorbildern in der Realität. Zu den "Schassierten von Gestern" zählte Becher offenbar auch die Autoren Friedrich Torberg und Hans Weigel, die unter anderem einen jahrelangen Bertold Brecht-Boykott in Österreich durchgesetzt hatten.

"Kurz nach 4" spielt vor der heute weitgehend vergessenen Kulisse der Aufbaujahre, ein wenig "Dritter Mann", ein wenig das Abenteuer des ersten Adriaurlaubs, ein heute teilweise fremdes Wien. Dazu passt Bechers Sprache mit dem Charme zarter Patina. Dennoch gelang ihm er eine kunstvoll gewebte, packend erzählte und auch im Abstand aktuelle Geschichte, von der man sich lediglich fragt, wieso sie in Vergessenheit geraten konnte. Auf jeden Fall eine wertvolle Entdeckung!

Rezensiert von Stefan May

Ulrich Becher: Kurz nach 4
Roman
Arco Verlag, Wuppertal, 2012
264 Seiten, 20 Euro

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