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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.10.2010

Die Versöhnung entpolitisieren

Zur Diskussion über die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung"

Von Krzysztof Ruchniewicz

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Flüchtlinge am Anhalter Bahnhof in Berlin warten auf einen Zug (AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge am Anhalter Bahnhof in Berlin warten auf einen Zug (AP Archiv/Henry Burroughs)

Die Diskussion um die Ausstellung der Stiftung "Flucht, Vertreibung und Versöhnung" ist immer noch nicht beendet. Die Experten streiten weiterhin um die Form. Da ist es wenig hilfreich, wenn sich auch noch Politiker mit unüberlegten Äußerungen in die Debatte einmischen.

In den letzten Wochen wurden die Diskussionen um die Ausstellung über Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen in den Jahren 1944-1946 lebendiger. Vor einigen Tagen stellte Prof. Manfred Kittel, der Direktor der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung", die Grundzüge des Ausstellungsprojektes vor. Allerdings konnte diese Vorstellung enttäuschen. Es wurden keine Details der geplanten Ausstellung bekannt gegeben, der Vorsitzende selbst versteckte sich hinter der Notwendigkeit der Konsultationen mit dem wissenschaftlichen Beirat. Eine Woche vorher gab es für das interessierte Publikum die Gelegenheit, sich über ein anderes Ausstellungsprojekt über die Zwangsmigrationen zu informieren. Eine Gruppe von Historikern unter der Leitung des Münchner Professors Martin Schulze-Wessel stellte in Berlin eine eigene detaillierte Konzeption der zukünftigen Ausstellung vor.

Wenn wir beide Konzeptionen vergleichen, so werden wir gravierende Unterschiede feststellen. Das Projekt von Prof. Kittel sieht die Aussiedlung der Deutschen vor dem Hintergrund des ganzen 20. Jahrhunderts. Solch eine Darstellungsweise habe, nach Meinung des Stiftungsdirektors, nichts mit der Relativierung des Fragenkomplexes zu tun, im Gegenteil, die Tragik dieser Ereignisse und die Tragödie der Einzelpersonen würden so verständlicher. Das Projekt von Prof. Schulze-Wessel konzentriert sich dagegen auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges und in seinen Folgen sucht er – was Historiker aus Ost-Mitteleuropa immer wieder zur Sprache gebracht haben – die Ursachen für die Kriegs- und Nachkriegsaussiedlungen der Deutschen. Diese Sichtweise impliziert, dass die schwierige Problematik, die in unseren Ländern bis heute immer wieder Emotionen hervorruft, zusätzlich tiefen historischen Hintergrund bekommt.

An dieser Stelle muss mit Nachdruck betont werden: Anders als oft behauptet wird, ist die Aussiedlung der Deutschen durchaus seit vielen Jahren Forschungsgegenstand der Historiker aus Polen und den anderen ost-mitteleuropäischen Ländern. Die Gruppe um Schulze-Wessel konnte also nicht nur auf eigene Forschungen zurückgreifen, sondern auch auf die Arbeiten von anderen Historikern. Der zusätzliche Vorteil des Projektes des Münchner Historikers ist seine Transparenz: Den Entwurf selbst, aber auch die Diskussion darüber kann man im Internet nachlesen. Der Text des Projektes wurde ins Polnische, Tschechische und Slowakische übersetzt, was Historiker aus diesen Ländern, aber auch alle anderen Interessierten zur Diskussion einlädt. Diese Aufgeschlossenheit und Transparenz ist mit Nachdruck zu betonen, sie verwirklicht die Aufgabe einer freien wissenschaftlichen Debatte mit Teilnahme unterschiedlicher Partner.

Es ist nur schade, dass die Vorstellung und die anschließende Diskussion über das Projekt von Schulze-Wessel durch unüberlegte Äußerungen einiger deutscher Politiker über die historischen Themen überschattet wurden. Ich möchte auf keinen Fall falsch verstanden werden, aber es ist keine gute Sache, wenn Politiker das Recht auf Meinungsäußerung zu diesen Themen beanspruchen, obschon ihr Wissen über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Debatte Mängel aufweist. Die Vergangenheit zeigt, dass das weder ihnen, noch der Sache dient, in der sie sich äußern. Es scheint, dass die in den letzten Tagen vorgestellten Projekte und die Diskussion über sie ein guter Anlass zur erneuten und ernsthaften Überlegung über das weitere Schicksal des Projektes und der für ihre Umsetzung einberufenen Stiftung darstellen. Eins ist sicher. Den Historikern, deren Meinungen in vielen Fragen sehr ähnlich sind, fällt es leichter, diese Debatten zu führen, wenn die Politiker ihnen nicht ihre Meinung beziehungsweise eine besondere Art der Interpretation aufdrücken wollen. Die Aufgabe der Politiker sollte, im Namen der Verständigung und Versöhnung, zu denen sie sich in ihren Reden sehr oft bekennen, eine rücksichtsvolle und eher allgemeine Unterstützung bei den Anstrengungen der Spezialisten sein. Nur auf diese Weise, scheint es, kann man die bisherige Diskussion entpolitisieren und auf neue Bahnen des sachlichen Dialogs lenken.

Krzysztof Ruchniewicz, geboren 1967, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Breslau und Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien in Breslau. Er studierte in Breslau, Saarbrücken und Marburg und spezialisierte sich auf die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen und der europäischen Integration im 20. Jahrhundert sowie auf Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Er ist unter anderem Präsidiumsmitglied der deutsch-polnischen Schulbuchkommission und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Historischen Instituts Warschau. Auf Deutsch sind von ihm u. a. erschienen: "Mein Polen" (2005, zusammen mit Marek Zybura), "Zögernde Annäherung" (2005) und "Noch ist Polen nicht verloren" (2007).

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