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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.10.2016

"Die Vernichtung" am Theater BernErsan Mondtags Topografie der Endzeit

Von Sven Ricklefs

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Der Regisseur Ersan Mondtag (dpa/ picture alliance/ Sören Stache)
Regisseur Ersan Mondtag und Autorin Olga Bach bringen "Die Vernichtung" am Theater Bern auf die Bühne. (dpa/ picture alliance/ Sören Stache)

Drei Großstadt-Menschen um die 30 frönen dem Hedonismus in verzweifelter Weise mit Sex und Drogen. Regisseur Ersan Mondtag und Autorin Olga Bach zeigen in "Die Vernichtung" am Theater Bern eindrucksvoll die Langeweile dieser Generation - sowie die Sehnsucht nach Eindeutigkeit und auch Zestörung.

Zwei Wildschweine vor einer Schilflandschaft mit Statuen, Bäumen und einem Teich. Was aussieht wie ein Kitschparadies aus einem deutschen Bilderbuch, hat Ersan Mondtag als sein eigener Ausstatter seinen Figuren als ironischen Spielplatz entworfen. Sie selbst aber, sie kommen von ganz woanders her, sind eingefroren als Tableau in der Kapellentür vor einem stilisierten Höllensturz. Ihre Nacktheit ist ihnen bunt auf die Ganzkörperbodies gemalt, was sie ausschauen lässt, als seien sie einem Werk von Ernst-Ludwig Kirchner entlaufen. Nur langsam lösen sie sich aus ihrer Starre, bewegen sich wie Puppen und erobern sich langsam ihr Paradies. Wer, wenn nicht sie, Mondtags eigene Generation um die 30, frönt dem Hedonismus in einer geradezu verzweifelten Weise mit Sex, Drogen und der Stilisierung ihrer Körper.

Auch "Die Vernichtung" ist zunächst einmal wieder eine von Ersan Mondtags bildkräftigen Arbeiten, die durch ihr klare visuelle Setzung beeindrucken. Kaum ein Regisseur entwirft zurzeit so eigentümliche Welten, aus denen sich heraus ein jeweils eigenwilliges Spiel entwickelt. Doch während Mondtag in vielen seiner bisherigen Arbeiten annähernd oder völlig auf Text verzichtete und sich damit auch als ein Meister des Uneindeutigen zeigte, hat er nun mit seinen Schauspielern und mit der Berliner Autorin Olga Bach einen durchaus eindeutigen Text entwickelt: Bach benennt die Langeweile dieser jungen Generation, sie benennt die Surrogate für das eigentliche Leben: Sex, Drogen, Sport, und sie benennt die Sehnsüchte und Fantasien, die eben genau nach einer Eindeutigkeit und vielleicht sogar nach Gewalt als Ausdruck und Statement gieren.

Ernst-Ludwig Kirchner als Inspirationsquelle

Diese Eindeutigkeiten kontrastiert Ersan Mondtag mit seinen Bildern, in denen er seine Figuren nicht psychologisiert, sondern sie als Gedankenträger und Bildelemente zugleich auftreten lässt. Und so treiben sie - während sie relativ gefühlskalt ihre Lage analysieren - ihren Sport: Sie laufen springen, werfen Speere, sie haben Sex in den verschiedensten Stellungen, sie tanzen zu den Elektrobeats mit hocherhobener Faust auf der Stelle.

Wohl nicht umsonst hat sich Ersan Mondtag Ernst-Ludwig Kirchner als Inspirationsquelle für die Adam- und Evakostüme seiner Figuren gewählt, immerhin entwarf Kirchner seine aggressiv bunten Bilder in der Endzeitstimmung von Erstem Weltkrieg und Weimarer Republik. Der Tanz auf dem Vulkan, das Wissen um eine Bedrohung, das untätig und offenen Auges ihr Entgegengehen und: eine Sehnsucht nach Eindeutigkeit und vielleicht sogar nach Vernichtung, wie der Titel auch sagt, das sind schon Themen, die zurzeit wieder auf der Hand liegen. Und Olga Bach und Ersan Mondtag und mit ihnen ihr Schauspielerteam versuchen sie auf eindrucksvolle Weise mit Text und Ästhetik in den Griff zu bekommen.

Informationen zu Ersan Mondtags und Olga Bachs "Die Vernichtung" auf der Homepage des Theaters Bern

 

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