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Literatur | Beitrag vom 05.01.2020

Die venezolanische Literatur in Zeiten des politischen BankrottsWahn und Wirklichkeit

Von Peter B. Schumann

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Ein Demonstrant, der eine Guy-Fawkes-Maske trägt und eine venezolanische Flagge um den Hals hat, wirft während einer Auseinandersetzung mit Sicherheitskräften Steine. (AFP /  Matias Delacroix)
Schwere Zusammenstöße zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften auf den Straßen der Hauptstadt Caracas. In dem ölreichen Staat ist in den letzten Jahren auch der Literaturbetrieb unter Druck geraten. (AFP / Matias Delacroix)

Venezuela ist das ölreichste Land Lateinamerikas – und das ärmste. Nach zwei Jahrzehnten im "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" liegt das Land am Boden. Die Frage, worüber sie schreiben sollen, stellt sich für seine Schriftsteller nicht.

Hugo Chávez versprach den Venezolanern nicht weniger als eine bolivarische Revolution, benannt nach dem Nationalhelden Simón Bolívar, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen die spanische Kolonialherrschaft für die Freiheit Südamerikas kämpfte. Viermal wurde der einstige Putschist, der auch einen Putsch gegen ihn überstand, zwischen 1999 und 2013 wiedergewählt. Seine Vorstellung vom "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" finanzierte er mit der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien. Unter ihm und unter seinem Nachfolger Nicolás Maduro verkam das ölreichste Land Lateinamerika zum Armenhaus.

Humanitäre Katastrophe

Die Arbeitslosigkeit in Venezuela ist die höchste des Kontinents, die Inflationsrate mit über einer Million Prozent die höchste der Welt. Im Land wird gehungert, selbst den Anhängern der Regierung werden zu wenige Lebensmittel zugeteilt. 80 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Die Kriminalitätsrate ist extrem hoch. Venezuela gilt als eines der gefährlichsten Länder weltweit.

Die Strom- und Wasserversorgung bricht in großen Teilen des Landes immer wieder zusammen. Die Ölproduktion liegt aufgrund maroder Förderanlagen zur Hälfte brach. Misswirtschaft, Machtmissbrauch und Korruption haben zur größten humanitären Katastrophe Lateinamerikas geführt. Jeder siebente Venezolaner, 4,5 Millionen, ist ins Ausland geflohen.

Bürgerliche Restbestände

Die Kultur brachte Hugo Chávez im letzten Jahrzehnt seiner Präsidentschaft ideologisch auf Linie. Die staatlichen Institutionen wurden von "bürgerlichen Restbeständen" gesäubert, die kritischen Köpfe aus den Medien entfernt, Zuschüsse für nicht genehme private Veranstalter gestrichen. Wer sich nicht fügte, wurde abgestraft. Verlage, Buchhandlungen und Schriftsteller blieben von staatlichen Eingriffen allerdings weitgehend unberührt. Dafür setzen dem Literaturbetrieb die existenzielle Not fast aller Venezolaner und die massenhafte Emigration zu.

Portrait des enezolanischen Schriftstellers Alberto Barrera Tyszka beim Interview. (picture alliance / AP Images)Der venezolanische Schriftsteller Alberto Barrera Tyszka. (picture alliance / AP Images)

"Heute ist es kaum noch möglich, Bücher zu veröffentlichen", sagt Alberto Barrera Tyszka, Chávez-Biograf und Romanautor ("Die letzten Tage des Comandante"). "Durch die Wirtschaftskrise gibt es kein Papier, keine Druckfarben, keine Ersatzteile. Die Herstellungskosten und der Verkaufspreis wären unerschwinglich. Ein Buch würde umgerechnet 30 oder 40 US-Dollar kosten, so viel wie ein Mindestlohn im Monat. Die Buchindustrie liegt am Boden."

(pla)

Das Manuskript der Sendung finden Sie hier.

Es sprechen: Peter B. Schumann, Sabine Falkenberg, Markus Hoffmann, Cornelia Schönwald und Bernhard Schütz
Ton: Alexander Brennecke
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Redaktion: Jörg Plath

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