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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.01.2010

Die unterschätzte Epoche

Kunsthistoriker über die Bedeutung der Nachkriegsarchitektur

Christian Welzbacher im Gespräch mit Britta Bürger

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste vieles neu gebaut werden. (AP)
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste vieles neu gebaut werden. (AP)

Nach Ansicht des Kunsthistorikers Christian Welzbacher hat die Architektur der Nachkriegsmoderne auch Stärken. "Viele Menschen schätzen bis heute trotz Shoppingmalls die Fußgängerzone als Einkaufsparadies, und die Fußgängerzone ist eindeutig eine Erfindung der Nachkriegsmoderne."

Britta Bürger: Zukunft verbaut, titelte der "Spiegel" 1969 in einer Reportage über Wohnen in Deutschland. Zukunft verbaut, die Architektur der Nachkriegsmoderne, die war von Anfang an umstritten. Kritiker sprachen von einer zweiten Zerstörung, diesmal durch Beton statt Bomben. Auch heute noch sind die ästhetischen Vorbehalte gegenüber der Architektur der 50er- und 60er-Jahre massiv. Die Nachkriegsmoderne hat offensichtlich noch keine Lobby – so die nüchterne Feststellung in einem soeben erschienenen Buch der Bundesstiftung Baukultur über die Nachkriegsmoderne in Deutschland. Einer der Herausgeber ist der Kunsthistoriker und Architekturkritiker Christian Welzbacher. Er nennt die Nachkriegsmoderne eine unterschätzte Epoche. Schönen guten Tag, Herr Welzbacher!

Christian Welzbacher: Guten Tag!

Bürger: Kann man das unter der Formel zusammenfassen, das Volk hasst die Nachkriegsarchitektur, die Fachleute lieben sie?

Welzbacher: So einfach ist es sicher nicht. Ich stelle immer fest, dass es sehr viele unterschiedliche, vor allen Dingen persönlich motivierte Meinungen gibt über die Nachkriegsmoderne. Und das hängt gar nicht von der Profession ab, von dem Blickwinkel und dem Hintergrund, den die Menschen mitbringen, sondern von auch ihren persönlichen Bedürfnissen.

Bürger: Warum hat sie denn einen schlechten Ruf?

Welzbacher: Vieles davon sind in der Tat Klischees, die lange aufgebaut worden sind in den Diskussionen seit den 60er-Jahren. Denken Sie etwa an Alexander Mitscherlichs berühmtes Buch "Die Unwirtlichkeit unserer Städte", der Titel ist ja zum Schlagwort geworden gegen die Nachkriegsmoderne, pauschal. Aber wenn Sie sozusagen in die Geschichte zurückgehen, dann finden Sie auch ähnliche Beispiele zum Beispiel in den 30er-Jahren. 1930 gab es ein berühmtes Buch, das hieß "Das steinerne Berlin. Die Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt". Damals hat der Autor Werner Hegemann gegen die gründerzeitliche Stadt polemisiert, heute wissen wir, die gründerzeitliche Stadt ist ein großes Gut, ein großer Wert in sich, und es hat über 30 Jahre gedauert, bis man das Urteil von Hegemann revidiert hat. Mittlerweile sind wir 30, 40 Jahre nach Mitscherlich und wieder dabei, das Urteil der späten 60er, frühen 70er zu revidieren.

Bürger: Allgemein scheint man trotzdem Gründerzeit, Stuck und Parkett mehr zu schätzen als Glas und Beton. Überall werden Schlösser wieder aufgebaut, zumindest als Fassade. Wenn überhaupt, dann ist die Moderne vielleicht der 20er-Jahre anerkannt, die Bauhaus-Architektur, die der 50er dagegen doch wirklich weniger. Woran liegt das? Es ist ja nicht nur Klischee, wie Sie sagen.

Welzbacher: Das liegt daran, dass die 50er-Jahre im Vergleich zu den 20er-Jahren – beides gehört zur sogenannten Moderne, das heißt, Sie finden bestimmte Merkmale wieder, über die Kriegszäsur hinaus, in der Architektur und im Städtebau. Aber seit den 50er-Jahren wurden bestimmte Tendenzen, die in den 20ern angelegt waren, radikalisiert, zum Beispiel die Funktionstrennung der Städte. Also denken Sie daran, dass nicht mehr alles in einem Kern, in einem Innenstadtkern zusammengefasst war, sondern man plötzlich das Wohnen nach draußen verlagerte, dass es bestimmte Zonen gab, in denen Sie nur noch einkaufen, bestimmte Zonen, in denen nur noch Freizeit stattfindet. Diese Funktionstrennung, wie man sagt, diese Endmischung der Stadt, hat natürlich auch Konsequenzen: Sie müssen dazwischen Verkehrswege schaffen, das heißt, die Straße bekommt eine ganz andere Bedeutung innerhalb des städtischen Gefüges. Und dieser permanente Umbau, auch die Radikalisierung, das in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren dann vonstatten gegangen ist und bis heute weitergeht, die hat natürlich einen gewissen Ruch dann in der Konsequenz.

Bürger: Das heißt, Architektur und Stadtplanung hingen in diesen zerbombten Städten ja auch unmittelbar miteinander zusammen. In Architektenkreisen gibt es nun schon länger Ansätze für eine neue Bewertung der Nachkriegsarchitektur, Sie selbst nennen sie die unterschätzte Epoche. Warum ist sie denn unterschätzt?

Welzbacher: Sie ist unterschätzt, weil es eben viele Stärken gibt der Nachkriegsmoderne, die nur die Nachkriegsmoderne auszeichnet. Ein ganz einfaches Beispiel ist zum Beispiel die Konsequenz aus der Funktionstrennung, nehmen Sie die Fußgängerzone. Viele Menschen schätzen bis heute trotz Shoppingmalls die Fußgängerzone als Einkaufsparadies, und die Fußgängerzone ist eindeutig eine Erfindung der Nachkriegsmoderne.

Bürger: Ob sie schön ist oder nicht?

Welzbacher: Ob sie schön ist oder nicht.

Bürger: Funktional.

Welzbacher: Viele sind verbesserungswürdig, können auch an den Geschmack unserer Zeit angepasst werden, aber als Einrichtung meine ich jetzt.

Bürger: Vielleicht erinnern wir noch mal daran, welchen Anspruch die Nachkriegsarchitektur eigentlich erfüllen sollte, also welche Ideen, welche Utopien vielleicht auch die Architekten damals versucht haben umzusetzen und inwieweit das auch Wünsche in der Bevölkerung erfüllt hat.

Welzbacher: Es gab natürlich vor allen Dingen direkt nach dem Ende des Krieges, aber dann auch bis weit in die 70er-Jahre hinein in beiden Teilen Deutschlands Wohnungsmangel, und als erstes Mal galt es, diesen zu bekämpfen. Das heißt, es wurden unglaublich viel Wohnungen gebaut. Und dann haben Sie auch schon das Problem: Die Masse macht es ja eben oft nicht, das gilt auch für die Gründerzeit übrigens – je mehr gebaut wird, umso mehr mäßige Qualität wird natürlich auch gebaut. Und da gilt es doch heute, gerade das Augenmerk wieder drauf zu richten, dass viele der Wohngebäude tatsächlich an den Energiestandards der heutigen Zeit angepasst werden müssen, aber auch an die Wohnbedürfnisse. Und gerade in sagen wir Trabantenstadtsituationen ist es natürlich wichtig, dass die soziale Mischung wiederhergestellt wird und Ähnliches.

Bürger: Abriss oder Erhalt? Im Deutschlandradio Kultur sprechen wir über den kulturhistorischen Wert der Nachkriegsarchitektur mit dem Kunsthistoriker und Architekturkritiker Christian Welzbacher. Nach wie vor werden Nachkriegsbauten abgerissen statt saniert – welche vermissen Sie denn bereits?

Welzbacher: Ich war unlängst in Düsseldorf beispielsweise und bin eigentlich immer wieder schockiert, wie radikal diese Städte, die Innenstädte auch gerade, mit ihrer Nachkriegsmoderne umgehen. Das sind gar keine speziellen Bauten. Viele Städte, gerade in Westdeutschland, im Ruhrgebiet, aber auch Hamburg sind geprägt von der Nachkriegsmoderne. Das heißt, es gibt eine gewisse Identitätsschicht, die einfach erst in den 60er-Jahren, 50er-, 60er-Jahren hinzugekommen ist, und der entledigt man sich jetzt teilweise aus pragmatischen Gründen, weil man eben Investoren gefunden hat für innerstädtische Grundstücke, und dann haut man die Sachen einfach weg, ohne sich zu überlegen, was das einerseits für die Identität für Konsequenzen hat, andererseits ist natürlich das, was dort hinkommt, auch nicht unbedingt besser, in vielen Fällen sogar schlechter.

Bürger: Gibt es auf der anderen Seite Gebäude, auf die Sie gut und gern verzichten könnten?

Welzbacher: Die gibt es sicher, ja. Wie ich eben sagte, die Masse macht es nicht. Also da könnten wir jetzt durch viele Städte gehen, durch viele Trabantenstädte gehen, auch durch viele Innenstädte gehen, natürlich gibt es das. Also da muss man auch gerade, wenn man nach dem Denkmalschutz ruft und … Man muss sozusagen jedes einzelne Gebäude, aber auch jedes Ensemble auf den Prüfstand stellen, und da gibt es sicher sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten, die Nachkriegsmoderne zu würdigen.

Bürger: Was gibt es da für Kriterien, wann gehört ein Gebäude dieser Nachkriegsepoche Ihrer Ansicht nach unter Denkmalschutz gestellt?

Welzbacher: Ja, für den Denkmalschutz gibt es ganz bestimmte, ganz feste Kriterien natürlich. Das ist einmal, wenn Gebäude historisch werden, wenn sie also Teil einer historischen Identität werden, dann prüft man sie. Natürlich gibt es auch andere Kriterien. Einerseits kann dort in dem Gebäude ein historisches Ereignis stattgefunden haben – nehmen wir den Palast der Republik, dort stand der Runde Tisch zum Beispiel, Palast der Republik, ein wunderbares Gebäude der Nachkriegsmoderne. Das Ding stand unter Denkmalschutz, es hat auch keinen gestört. Mit anderen Worten, also Denkmalschutz – das muss vielleicht an dieser Stelle gesagt werden –, der Denkmalschutz ist in den letzten zehn Jahren so systematisch ausgehöhlt worden, wir sollten nicht meinen, in dem Moment, in dem was unter Schutz gestellt wird, wäre es sicher.

Bürger: Der Denkmalschutz verlangt Originaltreue, wenn er denn greift, das sind häufig allerdings ja auch sehr energieineffiziente Bauten, über die wir hier sprechen. Können die Nachkriegsbauten überhaupt so saniert werden, dass sie sowohl die Anforderungen des Denkmalschutzes erfüllen als auch heutige Energierichtlinien? Haben Sie da Beispiele für?

Welzbacher: Es ist in den letzten Jahren viel experimentiert worden. Dadurch, dass die Nachkriegsmoderne zuerst von den Architekten gewürdigt worden ist – natürlich klar, die Architekten sind am nächsten dran, die fasziniert natürlich, was ihre Vorgänger gemacht haben –, und in dem Moment, in dem die beauftragt werden, so was umzubauen, versuchen sie natürlich, möglichst viel authentisches Material zu erhalten.

Bürger: Weiterbauen ist ja so ein Stichwort.

Welzbacher: Ja, Weiterbauen ist ein anderer Ansatz, Weiterbauen kann zum Beispiel bedeuten, dass man bestimmte Merkmale eines Hochhauses nutzt, dass man sagt, okay, das hat eine Rasterfassade, ja, also ein ganz strenges Fassadenraster, und wir erfinden sozusagen ein neues Raster oder wir legen ein neues Raster drüber. Das heißt, man nutzt sozusagen die kreativen Potenziale des ursprünglichen Gebäudes und paraphrasiert die in eine neue Art. Das ist nicht unbedingt denkmalgerecht jetzt im orthodoxen Sinne, aber es ist sozusagen auch eine Möglichkeit, mit dem Erbe umzugehen.

Bürger: Ein Beispiel?

Welzbacher: Ein aktuelles Beispiel fällt mir jetzt nicht ein. Wir haben in dem Buch einige – ich kann mal schnell blättern.

Bürger: Leipziger Universität?

Welzbacher: Die Leipziger Universität ist ein ziemlich hartes Beispiel dafür, sagen wir mal so. Was da passiert ist, ist eigentlich die, ja, man hat die Alufassaden runtergeholt und das Ganze in Naturstein gekleidet. Dadurch bekommt es einen grundsätzlich anderen Charakter. Weiterbauen würde ich das nicht nennen, vielleicht Gegenbauen, das ist was anderes. Aber hier im Buch ist ein Beispiel: Hannover, die ganze Innenstadt ist von einer Art Schnellstraßenring umgeben, und das verlangt nach einer großmaßstäblichen Architektur, und das hat hier das Büro Behnisch mit der neuen Landesbank in Hannover gemacht. Das ist ein Gebäude, was die Tugenden der 60er-Jahre aufnimmt und aber in die 2000er-Jahre überführt.

Bürger: Abreißen oder erhalten? Die Bauten der Nachkriegsmoderne kommen ins Sanierungsalter. Christian Welzbacher ist einer der Herausgeber eines neuen Buches der Bundesstiftung Baukultur, "Nachkriegsmoderne in Deutschland. Eine Epoche weiterdenken". Erschienen ist das Buch im Birkhäuser-Verlag, und Ihnen, Herr Welzbacher, danke ich Ihnen fürs Gespräch!

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