Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 21.01.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.10.2017

"Die Unsichtbaren - Wir wollen leben"Berlin in seiner dunkelsten Stunde

Von Jörg Taszman

Podcast abonnieren
(Copyright: Peter Hartwig / TOBIS)
Szene aus "Die Unsichtbaren" (Copyright: Peter Hartwig / TOBIS)

Unter den Nazis sollte Berlin zur "judenfreien" Stadt werden. Ein Film schildert nun das Schicksal junger Juden, die damals untertauchten – und es schafften, zu überleben: ohne Essensmarken, mit falschen Papieren, und manchmal ohne festes Versteck.

Worum es geht:

Berlin 1943: Goebbels will seine "Reichshauptstadt" endlich "judenfrei" haben. Auch die letzten Berliner Juden werden nun verhaftet, zusammengetrieben, in den Osten deportiert und dort oft schon kurz nach ihrer Ankunft ermordet.

Nicht alle fügen sich der Deportation. Etwa 7000 Berliner Juden tauchen unter. Vor allem junge, oft unbekümmerte Männer und Frauen haben den Mut, den gelben Stern abzutrennen, sich neue Identitäten zu verschaffen und bis Kriegsende unter großen Gefahren auszuharren.

Das Besondere:

Vier dieser Einzelschicksale beleuchtet Regisseur Claus Räfle näher. Er interviewte zusammen mit seiner Drehbuchautorin Alejandra Lopez ab 2009 vier Überlebende und schuf so ein sehenswertes Werk, das geschickt Spielfilmszenen mit den dokumentarischen Interviews mischt.

Die jungen Darsteller überzeugen dabei durch ihre frische und unbeschwerte Spielweise. In Nebenrollen sieht man Florian Lukas, der mit proletarischem Charme einen jüdischen Widerstandskämpfer verkörpert – und den leider kürzlich verstorbenen Andreas Schmidt als einen aufrechten Linken, der ganz bewußt jüdische Mitmenschen versteckt.

Die Bewertung:

Beeindruckend gelingt es Claus Räfle, die Stimmung junger Menschen zwischen Angst und Übermut, Trotz und Melancholie, Mut und Tollkühnheit einzufangen. Beklemmend schildert der Film, was es bedeutet, ohne Essensmarken, mit falschen Papieren, in der Kälte auf Parkbänken oder in geheizten Kinosälen den Alltag durchzustehen, immer wieder neue Quartiere suchen zu müssen und mit der ständigen Angst zu leben, doch noch entdeckt oder verraten zu werden.

Und der Film zeigt auch, daß Zivilcourage und Widerstand im Alltag auch im mörderischen Nationalsozialismus für Deutsche möglich waren. Formal sieht man dem Film ein wenig zu sehr seine Fernsehhandschrift an und neben dem Off-Kommentar der betagten, echten Protagonisten wäre der zweite Off-Kommentar ihrer jugendlichen Darsteller nicht nötig gewesen. Dennoch ein origineller Genremix, der ein weniger bekanntes Kapitel der Judenverfolgung in Deutschland gekonnt und kraftvoll darstellt.

"Die Unsichtbaren - Wir wollen leben"
Regie: Claus Räfle
Darsteller: Max Mauff, Alice Dwyer, Ruby O. Fee, Aaron Altaras, Florian Lukas 
Deutschland 2017
110 Minuten
FSK: frei ab 12

Mehr zum Thema

Neu im Kino: "Es war einmal in Deutschland" - Tragikomische Schelmerei
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 05.04.2017)

Kinokolumne "Top Five" - Filme mit widerständigen Juden
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 03.04.2017)

Antisemitismus in Deutschland - Eine jüdische Familie in Berlin
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 20.03.2017)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsEnttäuschte Autoliebe
Transparent für die Abwrackprämie (Foto mit Dreheffekt) (dpa / picture alliance)

Dass die Deutschen ihre Autos lieben, ist nichts Neues. Doch führt das ständige Gerede von englisch klingenden Car-Innovationen wirklich dazu, wie die "Welt" konstatiert, dass "wir uns emotional immer weiter vom Fahren und vom Auto selbst entfernen"?Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur