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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.02.2010

Die unbekannten Frauen der Bibel

Elisabeth Moltmann-Wendel: "Frauen um Jesus", Gütersloher Verlagshaus 2009, 167 Seiten

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Die Männer haben in der Bibel die Vormachtstellung. Doch finden sich gerade im Neuen Testament viele starke Frauenfiguren. Elisabeth Moltmann-Wendel stellte diese in ihrem Taschenbuch 1979 vor, das jetzt in einer Neuauflage erscheint.

Man kann die Bibel als "Hauptinstrument der Unterdrückung der Frau" ansehen oder als Befreiungsbuch. Die erste Sichtweise folgt Simone de Beauvoir, für die zweite steht Elisabeth Moltmann-Wendel. "Ein eigener Mensch werden – Frauen um Jesus" lautet der programmatische Titel ihres Taschenbuchs aus dem Jahr 1979.

30 Jahre später erscheint derselbe Text als großformatiger Band mit 60 farbigen Abbildungen. Die prächtige Jubiläumsausgabe trägt den schlichten Titel "Frauen um Jesus". Sie wird bereichert durch eine Einführung von Carmen Rivuzumwami und den Abdruck eines Gesprächs der Pfarrerin im "Büro für Chancengleichheit" mit der nunmehr 83-jährigen Autorin.

Die bietet ungewohnte Perspektiven auf (un)bekannte Frauen des Neuen Testaments. Ein Beispiel: Kapitel 1 und 2 sind dem Geschwisterpaar aus Bethanien gewidmet. Im Lukasevangelium liest man: Martha ist geschäftig und bedient Jesus; Maria setzt sich Jesus zu Füßen und lauscht dessen Worten.

Traditionelle Auslegungen stellen Maria oft als demütig und vorbildlich heraus; Marthas Tätigkeit hingegen wird abgewertet. Extrem urteilt Luther. Für ihn ist Martha "Sinnbild der Werkgerechtigkeit". Sie "möchte für Jesus etwas tun" – und das ist verkehrt. Denn gerechtfertigt wird der Mensch allein aus Glauben. Sola fide. Diese Haltung sieht Luther bei Maria.

Moltmann-Wendel dreht den Spieß um. Sie stellt Martha als Glaubensstärkere heraus und entdeckt in ihr neben der Herrin und Hausfrau auch die Apostelin. Zur Begründung greift sie auf das Johannesevangelium zurück. Dort legt Martha das Bekenntnis ab: Du bist Christus, "der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist." Ähnliches kennt man nur vom Apostel Petrus – mit anderem inhaltlichen Akzent.

Das Johannesevangelium, so Moltmann-Wendel, bietet auch eine bereichernde Sichtweise auf Marthas Schwester Maria. Denn die salbt Jesu Füße mit teuerstem Parfüm, was Judas missfällt. Das ist Revolution und Provokation: Marias Sklavendienst ist selbstbewusstes Liebeszeugnis; ihre Großzügigkeit entlarvt Judas' Kleinlichkeit und Geiz.

In weiteren Kapiteln kommen Maria von Magdala in den Blick und die Unbekannte, die den Kopf Jesu salbte. Der Frauengruppe des Evangelisten Markus ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie den Müttern im Matthäusevangelium.

Am Schluss stellt Moltmann-Wendel Johanna vor, "eine Dame des [Evangelisten] Lukas". Sie war die Frau des Finanzministers des Königs Herodes und zählt zu den Zeuginnen der Auferstehung Jesu. Dennoch ist sie kaum bekannt.

Wichtigkeit, Würde und Wert der Frauen um Jesus herauszustellen, darum geht es der Autorin – gestern wie heute. Statt exegetischer Fußnoten Rückgriffe auf Kunstwerke und Legenden. Denn die haben wichtige, verschüttete Lesarten der Texte bewahrt.

Moltmann-Wendels Interpretationen sind manchmal eigenwillig, mitunter ungewöhnlich, immer aber inspirierend. Wer nicht angewiesen ist auf dogmatische und konfessionelle Brillen, entdeckt fernab von Bibelklischees die entscheidenden Figuren der Jesusgeschichte. Ein Buch für Frauen und Männer.

Besprochen von Thomas Kroll

Elisabeth Moltmann-Wendel: Frauen um Jesus
Mit einer Einführung von Carmen Rivuzumwami
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009
167 Seiten (mit 60 farbigen Abbildungen), 34,95 Euro.

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