Seit 14:05 Uhr Religionen

Sonntag, 26.05.2019
 
Seit 14:05 Uhr Religionen

Fazit | Beitrag vom 20.04.2019

Die Ukraine vor der PräsidentschaftswahlEine Tragikomödie

Von Mirko Schwanitz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Petro Poroschenko und Wolodymyr Selenskyj geben sich die Hand. (Xinhua/Sergey/picture alliance )
Der Herausforderer Wolodymyr Selenskyj sei von Oligarchen ins Rennen geschickt worden, um sich an Amtsinhaber Petro Poroschenko zu rächen, sagt der Schriftsteller Andrej Kurkow. (Xinhua/Sergey/picture alliance )

Am Sonntag findet in der Ukraine die Stichwahl um das Präsidentenamt statt. Der Sieger könnte Wolodymir Selenskyj heißen. Doch ist der Komiker und Politneuling die richtige Wahl? Für viele Künstler steht die Ukraine wieder einmal am Scheideweg.

Es ist Feierabend. Die Kiewer auf dem Heimweg. Die Metro voll. Wahlplakate. Das ernste Gesicht von Noch-Präsident Poroschenko. Das ironische Lächeln seines Herausforderers Wolodymir Selenskyj. Glaubt man den Umfragen, wird er gewinnen. Haushoch. Ein Schauspieler. Ein Komiker. Ein Mann ohne Programm. Eine verdammte Tragikomödie sei diese Stichwahl, meint dieser Passagier:

"Ich finde es naiv und unverantwortlich, einen Dilettanten ins höchste Staatsamt zu wählen. Mag sein, dass er der gute und ehrliche Kerl ist, als der er sich in seinen Fernsehserien darstellt. Aber das genügt doch nicht. Die Ukrainer kennen den echten Selenskij nicht. Sie wählen eine Katze im Sack."

Kiewer in höchstem Maße beunruhigt

Wie dieser Kiewer schauen auch viele Schriftsteller auf die Wahl: in höchstem Maße beunruhigt. Hinter dieser Sorge steckt bei vielen die Einschätzung, dass Wolodymir Selenskyj nicht in der Lage ist, die Probleme des Landes zu lösen. Dass sich das Chaos in der Ostukraine weiter ausbreiten könnte. Dass die Ukraine ihre europäische Orientierung aufgeben könnte.

Vor fünf Jahren hätten die Ukrainer mit dem Maidan ihren kleptokratischen Präsidenten Viktor Janukowytsch aus dem Land gejagt. Das Land erlebe gerade so etwas wie ein Déjà-vu, meint der Schriftsteller Juri Andruchowytsch aus Ivano-Frankivsk in der Westukraine:

"Ich vermute, da gibt es eine Art oligarchischen Konsens mit Unterstützung Selenskyjs. So ähnlich wie das damals mit Viktor Janukowytsch war. Also die reichsten Leute der Ukraine waren damals einverstanden, dass sie mit einem Präsidenten wie Janukowytsch zufrieden sein werden. Ich vermute, solch eine Art von Konsens ist bei uns jetzt wieder angekommen. Und deshalb bin ich hundertprozentig sicher: Wolodymir Selenskyj ist kein unabhängiger Politiker." 

Rachefeldzug gegen den amtierenden Präsidenten

Tatsächlich stellte sich heraus, dass der Sprecher Selenskyjs einst im Wahlkampfteam des verjagten Ex-Präsidenten Janukowytsch arbeitete. Und der TV-Sender, in dem Selenskyj in einer Serie einen volksnahen Präsidenten wider Willen spielt, befindet sich im Besitz des Oligarchen Ihor Kolomojski.

"Zwar ist Kolomojski Putins persönlicher Feind, aber er ist genauso ein persönlicher Feind von Poroschenko. Der Wahlkampf ist eigentlich ein Rachefeldzug dieses Oligarchen gegen den amtierenden Präsidenten. Es geht hier nicht um das Land. Wenn Selenskyj gewinnt, würde das ganze Land Geisel einer Rache", sagt Andrej Kurkow.

Er ist einer der bekanntesten Autoren der Ukraine und kommt gerade aus Shitomir zurück. Das Lebensniveau? Dreimal niedriger als in Kiew. Er verstehe, dass sich die Leute dort einen Präsidenten wünschten, wie ihn Selenskyj im Fernsehen verkörpert.

"Eigentlich stimmen die Leute für das Fernsehgespött"

Man müsse eben keine Wahlen mehr manipulieren, wenn man vorher mit Fernsehbildern Wähler manipuliert: "Eigentlich stimmen die Leute für das Fernsehgespött. Natürlich hat Poroschenko Fehler gemacht, als er Bekannte und Freunde in wichtige Ämter hievte, auf Kritik unangemessen reagierte. Dennoch ist Poroschenko der einzige Präsident, der wirklich etwas für die Ukraine getan hat. Meiner Meinung nach ist sein positiver Beitrag zur Entwicklung des Landes viel größer als seine Fehler. Er war es auch, der sie näher zu Europa geführt hat."

Eine Einschätzung, die Schriftstellerkollegen, Künstlerinnen und Intellektuelle mit Andrej Kurkow teilen. Schaut man auf die letzten Umfragen, hat sich eine solche Erkenntnis bei der Mehrheit der Wähler jedoch nicht durchgesetzt.

Bleibt nur noch die Hoffnung

Den Wählern, die, wenn auch mit Bauchschmerzen, Poroschenko ihre Stimme geben werden, bleibe bei einem Wahlsieg Selenskyjs nun nur noch die Hoffnung. Die Hoffnung, dass die ukrainische Regierung auch unter einem neuen Präsidenten den proeuropäischen Weg fortsetzen wird, meint Juri Andruchowytsch. Überzeugt ist er davon jedoch nicht:

"Meine größte Hoffnung ist, dass dieses Land ein freies Land bleibt. Und dass wir keine Eskalation des Konflikts im Osten bekommen. Dass keine Welle der russischen Aggression kommt und dass wir eine europäische Perspektive bekommen. Meine Hoffnung ist ziemlich unrealistisch. Meine größte Sorge: Chaos. Das muss ich vielleicht nicht weiter kommentieren."

Mehr zum Thema

Stichwahl in der Ukraine - Skepsis gegenüber Komiker Selenski
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 20.04.2019)

Präsidentschaftswahlen in der Ukraine - Hoffnung auf Frieden
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 31.03.2019)

Ukraine vor der Wahl - Ein Komiker als Präsident
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 30.03.2019)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsGedanken zur Europawahl
Menschen in der EU mit vielen verwirrenden Pfeilen die in unterschiedliche Richtungen zeigen PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xLeexWoodgatex 11780046 People in the EU with many confusing arrows the in Different Directions show PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright xLeexWoodgatex 11780046  (imago stock&people)

1989 habe in Osteuropa keiner geglaubt, dass die Demokratie jemals wieder in Frage gestellt werden könnte, sagt Herta Müller im Interview mit der „FAZ“. Die „taz“ hingegen fragt: „Müssen wir erst scheitern, um Europa noch zu retten?“Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 14Der Stoff, aus dem der Osten ist
Szene aus "Düsterbuschs City Lights" am Theater Magdeburg (Theater Magdeburg)

Von einer Magdeburg-Reise kommen wir mit Fragen zurück: Welche Themen interessieren 30 Jahre nach dem Mauerfall das Publikum in den neuen Bundesländern? Muss man hier anders Theater machen? Und warum fallen Kritiken oft anders aus als Zuschauerreaktionen?Mehr

Folge 13Konfetti und Konflikte
Bühnenbild von Katrin Brack für „Immer noch Sturm“ am Thalia Theater Hamburg (Armin Smailovic)

Konfetti, Nebel und Schaumstoffquader: In Folge #13 des Theaterpodcasts schauen wir auf die Bühnenbilder von Katrin Brack und fragen am Beispiel der Bühnen Halle, wie viel Experimente das Stadttheater verträgt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur